Die lähmende Wirkung von Irrlehren

Tertullian schreibt im 2. Kapitel von den „Prozesseinreden gegen die Häretiker“ (De praescriptione haereticorum) von der lähmenden Wirkung von Irrlehren und vergleicht sie mit todbringendem Fieber (Hervorhebungen von mir).

So ist es auch mit dem Fieber, das unter den übrigen todbringenden und qualvollen Zufällen recht eigentlich dazu bestimmt ist, den Menschen aufzureiben; wir wundern uns weder, daß es existiert – denn es existiert eben -, noch darüber, daß es den Menschen aufreibt; – denn dazu eben existiert es. Wenn wir uns also darüber entsetzen, daß die Häresien, die zur Lähmung und zum Verderben des Glaubens auftreten, dies auch zu bewirken vermögen, so müßten wir uns erst darüber entsetzen, daß sie überhaupt existieren; denn entsprechend ihrem Sein haben sie ihre Wirksamkeit und entsprechend ihrer Wirksamkeit ihr Sein. Das Fieber, das, wie bekannt, seiner Ursache und Wirkung nach ein Übel ist, verabscheuen wir mehr, als daß wir uns über seine Wirkungen verwundern, und hüten uns soviel als möglich davor, da es nicht in unserer Macht steht, es zu vernichten. Die Häresien aber bewirken den ewigen Tod und den Brand eines schlimmeren Feuers, und doch ziehen einige es vor, sich darüber zu verwundern, daß sie diese Macht haben, anstatt dieser Macht aus dem Wege zu gehen, obwohl letzteres doch in ihrer Kraft steht. Sie würden übrigens keine Macht besitzen, wenn man sich nicht darüber wunderte, daß sie solche Macht besitzen. Denn entweder nimmt man an ihnen Ärgernis, indem man sich über sie verwundert, oder man nimmt erst an ihnen Ärgernis und gerät darum über sie in Staunen, als ob ihre große Macht von einer ihnen zugrunde liegenden Wahrheit stamme. Ja, es ist allerdings etwas Wunderbares, daß das Böse seine Macht hat, aber nur darum, weil die Häresien bei denen große Stärke besitzen, welche keine Stärke im Glauben besitzen.

Der Vergleich stimmt mich nachdenklich:

Im Faust- oder Gladiatorenkampf siegt einer sehr oft, nicht weil er tapfer ist oder nicht besiegt werden könnte, sondern weil der besiegte Gegnerschwach von Kräften war. Wenn dieser Sieger nachher einem recht kräftigen Gegner gegenübergestellt wird, so zieht er als Besiegter von dannen. Gerade so erlangen die Häresien ihre Macht nur durch die Schwäche mancher Leute, während sie keine Macht haben, wenn sie auf einen recht kräftigen Glauben stoßen.