Wenn der Staat über die Seele zu regieren beginnt

(Ü)ber die Seele kann und will Gott niemand regieren lassen als sich selbst allein. Deshalb: wo weltliche Gewalt sich vermißt, der Seele Gesetze zu geben, da greift sie Gott in sein Regiment und verführt und verdirbt nur die Seelen.

… Da wendest du ein: Hat doch Paulus Röm. 13 gesagt, jedermann solle der Gewalt und Obrigkeit Untertan sein, und Petrus sagt, wir sollen aller menschlichen Ordnung Untertan sein, Antwort: Da kommst du mir recht; denn die Sprüche dienen für mich. Paulus redet von der Obrigkeit und Gewalt. Nun hast du jetzt gehört, daß über Seelen niemand Gewalt haben kann als Gott. So muß Paulus von keinem Gehorsam reden können als da, wo die Gewalt sein kann. Daraus folgt, daß er nicht vom Glauben redet, nicht davon, daß weltliche Gewalt den Glauben zu gebieten haben solle, sondern von äußerlichen Gütern, diese auf Erden zu ordnen und zu regieren.

Martin Luther. Von weltlicher Obrigkeit (1523). Kapitel 2 „Wie weit sich weltliche Obrigkeit erstrecke“