Gastbeitrag: Was wir von einem altbabylonischen Ehevertrag lernen können

Mario Tafferner, Theologe und angehender Altorientalist, hat einen altbabylonischen Ehevertrag übersetzt und in den Kontext des Alten Testaments gesetzt.

Das Versprechen Gottes an Abram war groß: Seine schon sehr alte Frau Sara würde schwanger werden und ihm einen Sohn schenken. Dieser lang erwartete Sohn sollte Abram eine große Nachkommenschaft bereiten. Abrams Unglaube aber war es, der ihn dazu trieb nicht auf die Verheißung Gottes zu warten sondern eine zweite Frau ins Spiel zu bringen. Hagar seine Ägyptische Magd war sowohl jünger als auch eher in der Lage noch ein Kind zu bekommen.

Abram hätte es aber besser wissen müssen. Zu seiner Zeit war eine Ehe mit mehreren Frauen nichts ungewöhnliches. Ein altbabylonischer Ehevertrag gibt Aufschluss darüber, wie eine solche Polygamie zu Abrams Zeiten wohl geregelt wurde:

Iltani, die Schwester von Taram-Sagil, zusammen mit Shamash-Shatum, ihrem Vater,

Warad Shamash, der Sohn von Ilienam nimmt sie gemeinsam zur Gattenschaft.

Iltani, ihre Schwester wird freundlich sein, wenn sie freundlich ist und zürnen, wenn sie zornig ist. Sie wird ihren Stuhl zum Hause Marduks tragen.

Alle Söhne, so viele schon geboren sind und noch geborenen werden, sind ihrer beider Söhne.

Wenn ihre Schwester zu Iltani sagt: „Du bist nicht meine Schwester!“, dann wird sie die Hand ihrer Söhne nehmen und davon gehen.

Wenn Iltani zu Taram-Sagil sagt: „Du bist nicht meine Schwester!“, dann wird man ihr die Haare scheren. Für Silber wird man sie verkaufen.

Wenn Warad-Shamash zu seinen Frauen sagt: „Ihr seid nicht meine Frauen!“, dann wird er eine Mine Silber zahlen.

Und wenn sie zu Warad-Shamash, ihrem gemeinsamen Ehemann, sagen: „Du bist nicht mein Ehemann!“, dann wird er sie beide zerstückeln und in den Fluss werfen.[1] 

Warad-Shamash, der Ehemann, heiratete zwei Frauen, die offensichtlich Schwestern waren. Taram-Sagil hat er wahrscheinlich als erste geheiratet und nun stoß Iltani noch dazu. Es ist klar, dass Warad-Shamash seine erste Frau Taram-Sagil bevorzugt: Wenn sie ihrer Schwester die Schwesterschaft kündigt, dann wird sie lediglich verstoßen. Wenn allerdings Iltani ihrer Schwester die Schwesternschaft kündigt, dann wird sie als Sklavin gekennzeichnet (Haare scheren) und für Silber verkauft. Außerdem muss Iltani sich nach der Stimmungslage ihrer Schwester richten und ihren Stuhl zum Tempel der Gottheit Marduk tragen. Auch die Kinder Iltanis werden automatisch ebenso Taram-Sagils Kinder sein (So wie da Kind Hagars als Kind Saras gelten sollte).

Den Menschen war klar, dass Polygamie schwierig war, weshalb sie drastische Maßnahmen im Voraus festlegen mussten, um die Ehe zu regeln. Auffällig ist doch, dass der Ehevertrag viel mehr Worte darauf verwendet die Beziehung der beiden Schwestern zueinander zu klären, als die Beziehung beider Ehefrauen zu ihrem Ehemann.

Abram hätte es wahrhaftig besser wissen müssen. Interessanterweise passiert in seiner Familie genau das, was im vorliegenden Ehevertrag angekündigt wird: Sara verkracht sich mit Hagar. Doch nicht Sara muss gehen, wie im Ehevertrag von Warad-Shamash, sondern Hagar.

Polygamie ist noch nie eine kluge Idee gewesen. Für Warad-Shamash nicht, für Abram nicht und für uns heute ebenfalls nicht.


[1]     Text: TUAT NF I 27f; Übersetzung von Mario Tafferner

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