Buchbesprechung: Kein Platz für Wahrheit

Davids Wells Buch “No Place For Truth” (Eerdmans: Grand Rapids, 1993) schlug vor 20 Jahren wie eine Bombe zumindest im konfessionellen Teil der Evangelikalen in den USA ein. Wells gelang es, die gesellschaftlichen Entwicklungen einzufangen und deren Einfluss auf die evangelikalen Gemeinden zu beschreiben Es geht insbesondere um den auf sich selbst fokussierten Menschen, der gleichzeitig in höchstem Grade vom Markt der Gefühle und Erwartungen abhängig ist.

Als Ausgangspunkt wählt Wells Wenham, eine kleine Ortschaft in Massachusetts mit puritanisch-kongregationalistischer Gemeinde. Es handelt sich um ein ruhiges Dorf in ländlicher Schönheit. Die stabilen psychologischen, ökonomischen und organisationalen Grenzen wurden durch die Moderne umgestossen. Es entstand ein tiefes Gefühl der Unbeständigkeit, eine Transition von einem klar begrenzten zu einem Leben, das wenig Begrenzungen kennt und Bürgern, die lose mit Land und Zeit verbunden sind. „Die  Normen, Werte, Prinzipien, die einst andauernd und absolut erschienen, scheinen jetzt unsicher und kurzlebig.“ Alles, was einst als sichere moralische Leitplanken gedient hatte, hatte sich aufgelöst. Es ist eine dunkle und verwirrende Welt, die mittels Technologie und Marketing gebaut worden war (44). Wenn eine Dorfbewohnerin niedergeschlagen war, ging sie in die Kirche, um zu beten. Ihr Pendant würde heute in der gleichen Lage in das Einkaufszentrum gehen, um sich zu zerstreuen. „Sie wissen mehr, aber sie sind nicht zwingend weiser.“

Im zweiten Kapitel „World Cliche Culture“ (S. 53-92) versucht Wells den grossen Graben zwischen Mitte 19. und 20. Jahrhundert (53+68) zu beschreiben: Die Moderne. Entsprechend der Komplexität dieses Unterfangens musste ich mehrmals durch das Kapitel gehen, um die verschiedenen Fäden des Kapitels zusammen zu bringen. Wells beschreibt den Umbruch als leisen, schmerzlosen und gleichzeitig dramatischen Wandel.  Es entstand eine neue Ansicht des Lebens, neue Werte, neue Beziehungen zur Gesellschaft, neue Prioritäten, neue Horizonte – eine neue Zivilisation. Manager waren die Hohepriester des Rationalisierungsprozesses. Als die Moderne intellektuell tot war – in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, setzte ihre soziologische Bildung ein. Heute stehen wir nach Wells wieder an einem Übergang: Sie ist modern im soziologischen Sinn (Glaube an den Fortschritt), post-modern im intellektualistischen Sinn (wir überwinden die Moderne).

Im dritten Kapitel geht Wells zurück zur Hauptthese. Er gibt freimütig zu: Das Verschwinden der Theologie zu beweisen, ist kein einfaches Unterfangen. (95) Er verspricht deshalb, die Argumente sorgfältig zu entfalten (96). Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen auf die Evangelikalen sind durchschlagend: Es veränderte sich die „interne Konfiguration“, die Effektivität und die Bindungen zur Vergangenheit. Wells geht von Grundüberzeugung aus, dass Theologie „zuerst und am meisten dem Volk Gottes“ gehört. Das „richtige und primäre Publikum“ für Theologie ist darum die Kirche, nicht die gelehrte Gilde (5). Heute wird Theologie im Bereich der Kirche nur noch mit einer privaten Theorie über ein Thema gleichgesetzt (98).

Wells definiert Theologie anhand von drei Elementen:

  1. Das konfessionelle Element: Das Bekenntnis dessen, was die Kirche glaubt, die Kristallisation ihrer Lehre.
  2. Das reflexive Element: Die denkerische Auseinandersetzung, um zu verstehen was es heisst, Empfänger von Gottes Wort in dieser gegenwärtigen Welt zu sein.
  3. Das Element der Tugenden: Die Kultivierung von Tugenden, die aus den beiden ersten Elementen hervorgehen.

Inwiefern ist die Theologie entschwunden? Nicht die Elemente des evangelikalen Bekenntnisses sind weg. Die Struktur ist nicht mehr intakt (108). Die Grundwahrheiten werden zwar bekannt, die Gemeinden sind jedoch inhaltlich vom Zentrum des evangelikalen Lebens weggerückt. Die „Anwendbarkeit“ hat die Theologie ersetzt. Es gibt nur noch wenig, was der Theologie ausserhalb der Praxis gelassen worden ist (112). Dies wird beispielsweise in den Zeitschriften deutlich, deren Inhalte sich praktisch nur um persönliche Krisen und um Techniken zum Management der Kirchgemeinde drehen. Wells blendet in die Dogmengeschichte zurück und zeichnet das Verschwinden des konfessionellen Elements aus der Theologie nach. Die gesamte Idee des Bekenntnisses wandelte sich von einem externen und objektiven Referenzpunkt hin zu einem internen und subjektiven Vergleichswert (118). Für die Evangelikalen ist das Leben von der kognitiven Struktur getrennt. Sie glauben an einen Gott, der nur noch innerhalb der inneren Erfahrung wirken kann (131). Sie haben jegliches Interesse an Lehre verloren. Mit dem Verlust der kognitiven Substanz geht der Verlust der Überzeugung einher (132). Wie sind die Beobachtungen des zweiten und dritten Kapitels zusammen zu bringen? Das Verschwinden eines Zentrums von Werten in der Kultur geht mit dem Verlust des theologischen Zentrums unter den Evangelikalen einher (134). Wells Prognose: Ohne eine scharfe, differenzierte Identität werden die Evangelikalen wie einst die Liberalen von der Moderne absorbiert werden (135).

Im vierten und fünften Kapitel geht es um die unbewusste Kontextualisierung der Theologie. Es geht um „eine der wichtigsten Veränderungen, welche die Moderne hervorgebracht hat“ (140): Die Selbst-Bewegung. Es geht um zwei sich auf den ersten Blick widersprechende Entwicklungen: Den Individualismus, der sich mit dem Konformismus paart. Individualismus und Konformitätsdruck scheinen sich auf den ersten Blick zu widersprechen. Wells begründet ausführlich in zwei Kapiteln, wie beide Merkmale Hand in Hand gehen. Seit der Aufklärung ist der Mensch nicht mehr zur Rechenschaft gegenüber dem Schöpfer, sondern sich selbst gegenüber verpflichtet. Die Moderne ging aber noch einen Schritt weiter: Sie trennte das Selbst von jeder bedeutsamen Verbindung nach aussen zu anderen Menschen ab und warf ihn damit auf sich selbst zurück. Die immanente Autorität des Selbst wird zum Beispiel daran deutlich, dass sie die Wichtigkeit einer Sache daran misst, ob sie sich gut anfühlt. Die Erfüllung des Selbst wird zum Schlüsselkriterium des Lebens. Eine Folge davon ist die Aufspaltung des Selbst (Innenperspektive) und des Image (Aussenperspektive). Das bedeutet, dass das Selbst um der Stimmigkeit nach aussen willen manipuliert werden darf.

Das entscheidende Argument, weshalb der Individualismus und der Bedarf konform zu gehen, sich die Hand geben, liefert Wells schon früh innerhalb seiner Erörterungen. Das auf das eigene Innere ausgerichtete Selbst wurde nämlich durch die äusseren Veränderungen von der Masse absorbiert. Dazu trugen verschiedene Entgrenzungen wie steigende Mobilität, erleichterte Scheidungen und zunehmende Anonymität innerhalb der sich ständig ausweitenden urbanen Zonen bei. Der selbstgeleitete Mensch (inner-directed) wird dadurch in höchstem Masse verletzlich. Er orientiert sich darum sklavisch an einer externen Autorität, nämlich dem Markt (other-directed). Er ist Konsument nicht nur von Material, sondern auch von Worten, Bildern und Beziehungen. Er ist nicht mehr der einsame Cowboy (Individualist), sondern der Narzisst, der sich ständig im Spiegel prüft, ob er den aktuellen Erwartungen des ihn umgebenden Marktes entspricht.  Ein hervorragendes Beispiel, welche die Selbstbezogenheit bei gleichzeitiger Entfremdung von aussen demonstriert, ist das Arbeitsverhalten. Nach modernem Leitsatz beginnt das Leben dann, wenn die Pflichten beendet sind und die Selbstverwirklichung beginnt, also am Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub.

Das Fernsehen fungierte als verbindendes Medium. Der auf sich selbst fixierte und doch krampfhaft an anderen interessierte Mensch informiert sich via Fernsehen über seine Marktfähigkeit und –gängigkeit. Das Fernsehen stellt nämlich das einzige einheitliche Medium für gemeinsam interpretierte Erfahrungen  dar. Es transportiert ohne Unterbruch das Drama des modernen Menschen inklusive Gefühle und Bewertungen. Der passive Empfänger lässt die Signale auf sich einprasseln und sich als Konsument bestimmen. So steht der Mensch der (Spät-)Moderne so selbstbestimmt und gleichzeitig verunsichert wie noch nie zuvor da. Er ist nur noch an dem interessiert, was dem anderen wichtig ist. Er ist gefüttert vom täglichen Drama des Fernsehens, das ihn praktisch ohne jegliche Argumentation, aber mit gefestigten Gefühlsschablonen zurücklässt. Er ist es sich gewöhnt, seinem eigenen Instinkt zu folgen. Er weiss um das unwirtliche Gelände der Moderne, die Anonymität und die Entfremdung und sucht nach der Erfüllung in der Entdeckung des eigenen Selbst.

Im sechsten Kapitel wendet sich Wells erneut der Kirche zu. . Die „Message“ besteht aus leicht verdaulichen therapeutischen Happen. Das hat die Rolle des Pastors bedeutend verändert. Er steht in der Pflicht als Manager und Therapeut viel eher als Verkündiger von Gottes Wort. Die Psychologisierung des Lebens hat auch die Kirche voll erfasst. Denken ist tabu, der Gottesdienstbesucher ist eher einem Voyeur zu vergleichen, der durch Umstände und nicht Überzeugungen geleitet wird. Was er erwartet ist Anleitung in der Interpretation der inneren Erfahrung statt der Wahrheit bzw. Theologie. Ein neues Modell des pastoralen Dienstes hat sich etabliert. Weil er von der Gesellschaft an den Rand gedrängt wurde – Manager und Therapeuten haben seine Aufgaben übernommen -, reagiert er durch eine zunehmende Professionalisierung. In einer unbeständigen Umgebung muss er sich spezialisieren, um marktfähig zu bleiben. Selbstverständlich muss er sich jede Menge an verwaltungstechnischen Fähigkeiten aneignen. Die Ausbildungsstätten wurden ebenfalls modernisiert. Theologische Inhalte sind die Peripherie verfrachtet worden. Es zieht nur noch das, was verwertbar und praktisch ist. Damit einher geht eine Fragmentierung der einzelnen Fächer. Erfolgreich ist der, welcher eine gute Dienstleistung und vor allem passende Gefühle vermittelt. Ein Nebeneffekt ist der häufige Wechsel (Wegbeförderung) der Pastoren an neue Orte und menschenzentrierte Predigten.

Als Kontrapunkt präsentiert Wells im siebten Kapitel das biblische Metanarrativ. „Was Gott gegeben hat, ist universell, absolut und andauernd wahr.“ (260)  Er zeigt zudem auf, dass der religiöse Pluralismus keine Erscheinung unserer Zeit ist, sondern zur Zeit der beiden Testamente und während der Entstehung des Christentums das vorherrschende Paradigma war. „Der Pluralismus und das Heidentum unserer Zeit war die gemeinsame Erfahrung der Propheten und Apostel.“ (263) Die biblischen Autoren schrieben aus der Überzeugung heraus, dass die biblische Wahrheit einzigartig war. Es handelte sich nicht nur um innere Erfahrung, sondern um objektive geschichtliche Fakten. Sie sind das Ergebnis biblischer Offenbarung. Es ist seine Geschichte, von ihm interpretiert. Der Verlauf des Stromes göttlicher Aktivität sollte von Generation zu Generation weitergetragen werden. Wir treten in die Welt dieser Geschichte ein und interpretieren unsere eigene Existenz im Licht dieser Offenbarung.  Dazu müssen wir unseren modernen Horizont und den uns gewohnten hermeneutischen Deutungsrahmen beiseite legen! Wir glauben an eine objektive und öffentliche Wahrheit, eine letzte und gültige Realität.

Damit ist Wells inhaltlich am Schluss angekommen. „Ich misstraue der modernen Welt, weil ich an Gott, seine Wahrheit und seinen Christus glaube.“ (285) „Die Bürger unserer Zeit glaube so wenig an Gott, weil sie so stark an das glauben, was modern ist. Ich glaube so stark an den Transzendenten, an Gott als Souverän und sein Wort als letzte Instanz.“ (288) Er schätze die Errungenschaften der modernen Welt sehr wohl, beeilt er sich hinzuzufügen. Die Theologie ist darum verschwunden, weil sie nutzlos erscheint. Sie ist durch therapeutische zur Wiederherstellung unserer „Ganzheit“ (wholeness) ersetzt worden. Die Kirche soll aber der Ort sein, an dem biblische Wahrheit gelernt, entwickelt und angewendet wird. Erst dann können sich die Christen wieder von sich selbst und ihrer frommen Absorbiertheit ihrer selbst abwenden und sich erneut ihrem mächtigen, heiligen Gott zuwenden.