Buchbesprechung: Sokrates trifft Marx

Peter Kreeft. Socrates Meets Marx. St. Augustines Press: South Bend, 2012. 201 Seiten. Euro 6,36 (Kindle-Version).

Peter Kreeft ist ein Autor mit interessanter Biografie. Insbesondere seine Konversion zum Katholizismus lässt aufhorchen. Unwillkürlich kommt einem G. K. Chesterton (1874-1936) in den Sinn. Kreeft ist auch schon mit C. S. Lewis verglichen. Sogleich wird aber versichert, dass er natürlich nicht an den Schriftsteller der Schriftsteller heranreiche. Kreeft hat den Protestantismus nie ganz aufgegeben; das Calvin College ist also kein „Tolgge“ (schwarzer Fleck) im Lebenslauf. Kreeft weist eine lange Publikationsliste aus. Sie ist so lange, dass ich mich gefragt habe: Wie kann ein Mensch so viel lesen und verdauen? Es gibt kaum ein heisses Eisen, über das nicht ein Buch von ihm erschienen wäre. So stammt von ihm ein bekanntes Apologetik-Handbuch ebenso wie eine Summa der Summa von Thomas von Aquin. Seit den 60er-Jahren lehrt er am Boston College. Unwillkürlich entfährt mir ein Seufzer. „Der hat es gut“ (so wenigstens meine Einbildung). In nächster Zeit wird ein dreibändiges Werk zur Philosophiegeschichte „Sokrates Kinder“ erscheinen. Vorerst war ich von der Reihe „Sokrates trifft …“ angetan.

Einer meiner Professoren sagte wiederholt: „Der Marxismus hat zwar politisch weltweit Niederlage um Niederlage erlitten. Er hat jedoch die Köpfe der Menschen erobert.“ (Ganz ähnlich zitiert Kreeft den italienischen Marxisten Antonio Gramsci, siehe Pos. 2283.) Wer sich die grundlegenden Argumente von Marx vor Augen führen will, ist mit diesem Buch gut bedient. Die Grundlage für das Gespräch bildet sein Buch „Das Kommunistische Manifest“. Hier sind eine Reihe zentraler Postulate, die Marx von Kreeft in den Mund gelegt werden:

Materialismus

  • Es gibt keine Seele. Alles Sein ist materiell.
  • Die Realität bringt Gedanken hervor, nicht umgekehrt.
  • Ein Gott würde den wissenschaftlichen Materialismus untergraben. Atheismus ist nicht verhandelbar.
  • Freier Wille ist eine Illusion. Wissenschaft kennt nur Determinismus.
  • Darwin und ich haben Gott eliminiert. Er von der Natur, ich von der Geschichte.

Geschichtsphilosophie/Klassenkampf

  • Ich ziehe die Zukunft der Vergangenheit vor.
  • Geschichte ist der Schoss der Wahrheit.
  • Der Klassenkonflikt ist das Triebwerk der Geschichte.
  • Durch die Bildung einer Klasse werden alle Konflikte eliminiert.
  • Die Geschichte besteht aus Widersprüchen.
  • Nur unter dem Kommunismus wird jedermann frei sein: Von Gier, Krieg, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Heimatlosigkeit und Armut.
  • Ökonomischer Determinismus macht die Geschichte zur Wissenschaft.

Wissenschaftslehre

  • Ich akzeptiere nur empirische, wissenschaftliche Beweisführung.
  • Ich war der erste, der die wissenschaftliche Formel der ganzen Menschheitsgeschichte entdeckt hat.
  • Philosophen interpretieren die Welt, wir müssen sie verändern.

Menschliche Natur / Ethik

  • Die menschliche Natur ist durch soziale Bedingungen geschaffen und wird durch soziale Bedingungen verändert.
  • Ich glaube nicht an universelle, unveränderliche Naturrechte.
  • Die Wahrheit selbst verändert sich durch Geschichte.
  • Gut und böse stehen relativ zur Geschichte. Sie sind nicht statisch und zeitlos als abstrakte Ideen.
  • Jede soziale Klasse nennt das gerecht, was in ihrem eigenen Interesse steht.

Diese Aufzählung würde einseitig ausfallen, wenn die Erwiderungen von Sokrates nicht gegenüber gestellt werden:

Materialismus

  • Wenn Ideen nichts anderes als das Produkt der sozialen Ordnung wären, dann müsste der Kommunismus eine bürgerliche Idee sein.
  • Nehmen wir an, ich schreibe ein „Göttliches Manifest“ unter der Annahme der Realität Gottes und überzeuge die Hälfte der Menschheit daran zu glauben. Würdest du dann sagen, dass ich Gott als neue Wahrheit kreiert habe?
  • Wenn alles vorher bestimmt ist, warum nicht essen, trinken und  fröhlich sein anstatt das Leben dem Kommunismus zu weihen?
  • Religiöse Überzeugungen können nicht durch empirische Daten zurückgewiesen werden, weil sie nicht auf empirischen Daten basieren.
  • Du stattest deine Ideen mit göttlichen Attributen aus.
  • Warum sollte ein Mensch im unendlichen Ozean des Lebens auf eine einsame Welle „Marx“ hören und nicht auf eine andere „Sokrates“?

Geschichtsphilosophie/Klassenkampf

  • Es gab keine kommunistische Partei, als Marx das Buch geschrieben hatte – ausser in seiner eigenen idealen Welt.
  • Die zentrale These wäre widerlegt, wenn nachgewiesen werden könnte, dass mindestens eine Etappe in der Geschichte ohne Klassenkampf abgelaufen wäre.
  • Gibt es ein Beispiel einer Gesellschaft, die a) nicht unterdrückend war und b) nicht kommunistisch war?
  • Was sollen wir über eine Gesellschaft sagen, die ihre Bürger einfach deswegen ermordet, weil sie nicht an die politische Philosophie ihrer Machthaber glaubten oder ihre Bürger des Besitzes beraubten?
  • Kannst du mir den Namen eines einzigen kommunistischen Denkers aus deiner Lebenszeit nennen, der nicht bürgerlich, sondern Proletarier war?
  • Dein Ziel ist Macht über Menschen.
  • Du beschuldigst den Kapitalismus so wie ein Kind auf das andere zeigt mit den Worten: „Er hat angefangen!“
  • Weil deine Politik aus der Zeit der Französischen Revolution stammt und einer deiner Nachfolge politische Macht erlangte, wurde ein Terrorregime eingerichtet. Deine Theorie wurde nicht nur Argumente, sondern durch die Geschichte gerichtet. Dein selbst erwählter Gott, die Geschichte, verurteilt dich.

Wissenschaftslehre

  • Was müssen wir tun um aufzuzeigen, dass eine Überzeugung nicht wissenschaftlich ist?  Wir müssen bloss herleiten, dass keine empirisch beobachtbaren Daten sie widerlegen können.
  • Wissenschaft ist empirisch, das heisst a posteriori, während eine Überzeugung a priori ist.
  • Du machtest kein einziges Experiment, um deine Theorie zu überprüfen. Noch hast du dich um andere empirische Resultate geschert. Du bist nie in die Fabriken gegangen und hast Untersuchungen angestellt.

Menschliche Natur / Ethik

  • Wenn alle Menschen selbstsüchtig sind und die menschliche Natur nicht dadurch geändert wird, dass sie einer anderen sozialen Klasse angehört, dann wird auch die kommunistische Revolution die menschliche Natur nicht verändern.
  • Die Zeiten waren nie so schlecht, dass nicht ein guter Mensch fähig gewesen wäre, in ihnen zu bestehen.
  • Warum die Menschen auf die Strasse treiben um zu revoltieren, wenn sie nicht durch eine Idee, dass dies gut und wünschenswert wäre, dazu angestiftet werden können?
  • Du sagst, dass die bürgerlichen Romeos zu ihren bürgerlichen Julias nicht sagen „Ich liebe dich“, sondern „wieviel kostest du“?
  • Nur eine Theorie in der menschlichen Geistesgeschichte hat einen noch radikaleren historischen Umbruch behauptet, nämlich die christliche Theologie. Sie geht vom Sündenfall Adams aus.
  • Hast du je unter den Proletariern gelebt, die du beschreibst?
  • Dich treibt der Hass deinen Feinden gegenüber.
  • Du verneinst das Ich und vergötterst das Wir.
  • Weder Christentum noch der Buddhismus haben eine ganze Gesellschaft unschuldiger Heiliger hervorgebracht.
  • Als Bürgerlicher hast du deine Frau und Kinder auch unterdrückt!
  • Der Staat nimmt die Funktion einer universalen Familie ein.
  • Was wird selbstsüchtige Machthaber dazu bewegen, ihre Macht zu opfern?

Das Lesen dieses Buches wäre ganz vergnüglich, wenn die Materie nicht so ernst wäre. Marx war in den Worten von Kreeft ein „Prophet der menschlichen Apokalypse“. Zweifellos handelt es sich um ein populäres philosophisches Werk. Nebenbei gab es mir die Möglichkeit, die in Vergessenheit geratene Kunst des sokratischen Dialogs zu üben. Vielleicht liegt darin die Anziehungskraft von Kreeft (so meine vorsichtige Beurteilung nach der Lektüre eines seiner Bücher). Er kann ein Thema als Dialog gestalten, gezielte Fragen stellen und Argumente ad absurdum führen. Ich merkte, wie ich mit der Zeit innerlich mitging, natürlich auf der Seite von Sokrates. Doch immer dann, wenn ich ihn zurückgedrängt wähnte, liess ihn Kreeft mit einem Argument wieder ins Gespräch zurückkehren.