Biografisches: Die prägende Erfahrung des Ersten Weltkriegs für Paul Tilllich

Es ist stets ratsam, sich mit der Biografie eines Denkers auseinander zu setzen. Ich beschäftige mich zur Zeit mit dem liberalen Startheologen Paul Tillich (1886-1965). Der Erste Weltkrieg, an dem er als freiwilliger Feldgeistlicher teilnahm, prägte sein Leben und seine Theologie entscheidend.

Ich zitiere aus den Ergänzungs- und Nachlassbänden zu den Gesammelten Werken von Paul Tillich. Herausgegeben von Renate Albrecht und Margot Hahl. Band V. Ein Lebensbild in Dokumenten: Briefe, Tagebuch-Auszüge, Berichte. Evangelisches Verlagswerk: Stuttgart, 1980.

(Brief vom 17. Oktober 1914 an seinen Schwager) Meine geistliche Tätigkeit beläuft sich auf vier bis fünf Gottesdienst die Woche, je eine halbe Stunde lang. Ich rede kräftig, aggressiv, aber immer stark mystisch-religiös, und das verstehen sie, nachdem, was ich bisher erfahren habe. (S. 82)

(Brief vom 4. Januar 1915 an Fritz Medicus, seinen früheren Lehrer in Halle) Sie können sich gar nicht denken, was für eine Begierde nach Religion in den Leuten wachgeworden ist und wie wirksam sie sich durch die substantielle Religiosität der Jugendzeit erweist, jetzt, wo ein Anlass da ist, sie aktuell werden zu lassen. (S. 87)

(Über die Schlacht bei Tahure an seine Familie) Das eigene Leben wurde wie ein Atom in diesem Toben der Elemente durch den Menschen gegen Menschen; aber in mir bohrte ein bitterer Schmerz über das Leiden und Sterben, das jede dieser Sekunden über meine armen Regimenter bringt. (S. 94)

(Hauptmann Erich Pfeiffer über Paul Tillich) Die anfängliche Zurückhaltung hat Paul Tillich inzwischen ganz abgestreift. Er ist nun schon längst ein vollwertiger und in allen Dingen erfahrener Kriegskamerad geworden: Für alles, was den ‚Landser‘ bewegt, hat er Verständnis. (S. 98)

(Brief vom 31. Mai 1916 an seinen Vater) Um uns tobt die Hölle! Jede Vorstellung versagt. (S. 98)

(Tagebuchauszug aus der schweren Schlacht bei Verdun) „Unsere Aufgabe in diesen Tagen war es, in all dem Schrecken und Grauen eine Beruhigung und Entspannung zu geben. Um religiöse oder seelsorgerische Gespräche konnte es sich überhaupt nicht handeln. … Körperlich und seelisch können wir nicht mehr das werden, was wir vorher waren.“ (S. 100-101)

(Aus einem Rundbrief an die Freunde der Studentenverbindung) „Der Krieg ist Desorganisation und Mechanisierung zugleich; der Einzelne wird zerstört, oder er wird herabgedrückt zum Maschinenteil.“ (S. 108)