Interview mit David F. Wells: Die Kulturanalyse hat manchmal mehr Aufmerksamkeit bekommen als die theologische Antwort

David F. Wells (* 1939) hat seinen sechsten und abschliessenden Band „God in the Whirlwind“ (Gott im Wirbelsturm; Wheaton: Crossway, 2014) herausgegeben. In der Reihe war er der Frage nachgegangen, warum der theologische Charakter der Kirche am Verschwinden ist. Ich bin daran, zu allen sechs Bänden eine Besprechung zu verfassen (siehe hier zum ersten wichtigen Buch „No Place for Truth“). Zudem plane ich über sein Verständnis bezüglich Verhältnis von Christ und Kultur zu schreiben. In diesem Zusammenhang habe ich ihm einige Fragen gestellt. Die Übersetzung besorgte Lars Reeh.

1. Sie sind in Afrika aufgewachsen und haben dort Architektur studiert. Inwieweit hat Gott dies benutzt, um Sie auf die Theologie vorzubereiten?

Als ich mit dem Studium in Kapstadt begann, war ich nicht gläubig. Meine Eltern waren ebenso nicht gläubig, und da wir im Busch von Zimbabwe lebten, kannte ich auch keine Kirchen. Auf dem Internat mussten wir dann den Gottesdienst besuchen, wobei der dort vorhandene Anglikanismus leblos war. Zum ersten Mal habe ich das Evangelium dann als Student in Kapstadt gehört, der Verkündiger war der aus London angereiste John Stott. Dadurch bin ich zum Glauben gekommen. Kurz darauf wollte ich dann Theologie studieren, um mich auf den geistlichen Dienst vorzubereiten. Aber das Architekturstudium als solches hatte damit eigentlich nichts zu tun.

2. Welche drei Personen haben Sie am meisten beeinflusst?

Zu unterschiedlichen Zeiten beeinflussen dich unterschiedliche Leute. Ich wurde sehr stark von John Stott geprägt. Nicht nur habe ich das Evangelium von ihm gehört, sondern bis zu meiner Heirat auch einige Jahre in London mit ihm zusammen gewohnt. Zweitens hat Martyn Lloyd-Jones einen starken Eindruck bei mir hinterlassen. Während ich bei Stott wohnte, bin ich jeden Freitag- und Sonntagabend zu Lloyd-Jones gegangen, um ihn predigen zu hören. Seine biblische Auslegung hat meine Weltanschauung geprägt. Drittens hat mir (Francis) Schaeffer eine weitere Komponente aufgezeigt: Die Auseinandersetzung mit der Kultur. Ich habe L’Abri zum ersten Mal 1964 besucht, meine Frau und ich haben dort 1966 mitgearbeitet.

3. Wer hat Ihre Sicht auf die Kultur beeinflusst?

Dass die Beschäftigung mit der Kultur als wichtige Aufgabe zu sehen ist, habe ich von Schaeffer, den ich auch sehr schätze. Jedoch interessierte er sich nur für die intellektuelle und künstlerische Seite der Kultur. Es war für mich immer unbefriedigend, dass diese Ideenstränge nicht mit der Gesamtheit des Sozialen verbunden wurden. Erst als ich die Pew Förderung bekommen habe (Pew ist eine Forschungs-NGO mit dem Ziel Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu entwickeln) war es mir möglich, den Versuch zu starten ein ganzheitlicheres Verständnis von Kultur zu bekommen. Das Pew-Projekt bat drei Leute der Frage nachzugehen, warum der theologische Charakter der Kirche am Verschwinden ist. Meine Aufgabe bestand darin, die kulturellen Komponenten zu untersuchen. Schnell sah ich, dass ich dafür gar nicht  über das nötige Rüstzeug verfügte. Ich hatte eine klassische theologische Ausbildung in England genossen, die für diese Aufgabe aber nicht ausreichte. Daher unterzog ich mich einem einjährigen Soziologie Crash-Kurs. Ich habe dann die klassischen europäischen Soziologen wie Weber und Durkheim gelesen, sowie alles von Peter Berger. Daraus entwickelte sich dann ein Zugang zu der Thematik.

4. Sie haben sechs Bände über Theologie und Kultur geschrieben. Was würden Sie verändern, wenn Sie die Bücher nochmal schreiben würden?

Ich glaube, ich würde keine großen Veränderungen vornehmen. Aber ich habe mich oft zu sehr von der Thematik aufsaugen lassen. Manchmal habe ich die Auflösung der guten Teile der westlichen Kultur zu stark an mich herangelassen. Die Konsequenz daraus war, dass die Kulturanalyse mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als die theologische Antwort. Obwohl ich damit natürlich auch nur das gemacht habe, wofür mich Pew bezahlt hat. Aber es wäre sicher besser gewesen, die Kulturanalyse und die theologische Erwiderung mehr in der Waage zu halten.

5. Sie erwähnen häufig Carl F. Henry.  Hat er Ihre Theologie beeinflusst?

Ich kannte Henry persönlich und schätzte ihn sehr. Seine Theologie kam jedoch nie so richtig durch. Manche hielten sie für zu deutsch und unverständlich, andere mochten einfach nicht, was er sagte. Ich denke, es würde der evangelikalen Welt heute besser gehen, wenn sie seine Werke aufmerksamer gelesen und ihn nicht so leichtfertig abgetan hätte.

6. Enthält Ihr neues Buch über den heilig-liebenden Gott eine Anspielung auf Francis Schaeffer?

Nein, nicht bewusst.

7. Welches Ihrer Bücher würden Sie besonders jungen Christen zu lesen empfehlen?

Das Buch das mir am meisten gegeben hat, welches in mancher Hinsicht aber auch am schwierigsten zu schreiben war, ist mein letztes. Meine Seele liegt darin. Das würde ich jungen Gläubigen empfehlen, wenn sie bereit sind die nötige Lese-Arbeit zu investieren.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

P. S. Ron hat bereits gemeint, dass sich eine Übersetzung von „God in the Whirlwind“ lohnen würde. Ich schliesse mich dieser Aussage an.