Buchbesprechung: Gott, das verlorene Zentrum

David F. Wells. God in the Wasteland: The Reality of Truth in a World of Fading Dreams. Eerdmans: Grand Rapids, 1994. 288 Seiten. Euro 17,40.

Wells legte 1994, nur ein Jahr nach dem Erscheinen von „No Place for Truth“, mit „God in the Wasteland“ nach. Es ist das Produkt eines Sabbaticals. Im ersten Band hatte er zwar erklärt, warum Theologie aus der Kirche verschwunden ist. Er habe aber noch nicht beschrieben, wie diesem Umstand Abhilfe geschaffen werden könne (ix). Wiederum wählt Wells im Prolog einen narrativen Ausgangspunkt. Dieser ist allerdings kurz gehalten. Ins Nachdenken gebracht hatten ihn zwei Aufkleber auf einem Wagen, der ihn waghalsig überholt hatte. Auf dem einen Kleber war ein Lokalpolitiker abgebildet, auf dem anderen Jesus. Sie stehen sinnbildlich für die stille Revolution, die sich  innerhalb des Evangelikalismus vollzogen hatte. Inneres und Äusseres haben sich grundlegend gewandelt (6). Das Resultat dieses Wandels: Ein verlorenes Zentrum, nämlich Gott (14). Das Anliegen hinter dem Buch ist eine Klärung der Beziehung von Christ und Kultur (28). Ist der Wandel der Moderne nur ein Thema neben anderen oder das Generalthema, das alle Aspekte des Lebens betrifft? Wells ist von der letzten Möglichkeit überzeugt. Die Moderne in sich aufgenommen zu haben bedeutet nämlich, im biblischen Sinne „weltlich“ zu sein. „Gottes Wahrheit ist zu distant, seine Gnade zu normal, sein Gericht zu gutartig, seine Evangelium zu einfach, und der Christus zu allgemein“ (30).

Seine Behauptung, dass Moderne mit Weltlichkeit gleichzusetzen ist, muss Wells natürlich belegen. Dies tut er gleich im dritten Kapitel. Die Stellen sind nicht allzu häufig, in denen Wells theologisch-systematisch auf Begriffe und Konzepte eingeht. Jedes Mal jedoch, wenn er es tut, lohnt es sich die Seiten zwei-, dreimal zu lesen. Welt ist im Sinne eines Systems gemeint, das sein Ethos, seine sozialen Arrangements und seine Lebensgewohnheiten unabhängig von Gott entwickelt. Die Postmoderne hat erkannt, dass das Metanarrativ der Aufklärung für gescheitert zu erklären ist. Sie hat eine bürokratische, kalte, oft menschenfeindliche Umgebung geschaffen. Doch was ist die Alternative? Gott wird nach wie vor durch das Selbst ersetzt. Das ist angenehmer, weil scheinbar voraussagbar und kontrollierbar (53). Der Evangelikalismus hat diese Wende mitvollzogen. Weil er dem kulturellen Konsens huldigte, hörte er auf Kulturkritiker zu sein.

Direkt daran knüpft das vierte Kapitel an. Die Konsumkultur hat in der Kirche Einzug gehalten. Deutlich erkennbar wird es daran, dass der Zuhörer souverän entscheidet und Ideen Legitimation durch den „Markt“ erhalten (67). Technik und Methoden sind ins Zentrum gerückt. Damit eröffnet sich jedoch ein enormes Spannungsfeld: Die Kirche steht im Dienst der Wahrheit, nicht aber des Markt-Mechanismus. Wir können das Evangelium nicht planen, verwalten und „bewerben“. Auch ist Erfolg kein adäquates Kriterium für Wahrheit.

In den Kapiteln 5-8 geht es zum Kern der Sache. Gott hat an Gewicht verloren. Seine Transzendenz muss wieder entdeckt und die Überbetonung der Immanenz beendet werden. Wells meint: Gott ist an die Peripherie unseres säkularisierten Lebens gedrängt worden (88). Zudem ist er „internalisiert“ worden, das heisst die Menschen begegnen ihm in ihrem Innern (101). Dadurch wird die Selbsterfahrung auf Gott projiziert (108). Gefühle und Intuition ersetzen die Ratio sowie die externe Quelle der Heiligen Schrift. Dadurch, so gibt Wells zu bedenken, wird Gott nur noch begrenzt die Möglichkeit zugestanden zu uns zu sprechen. Wir machen ihn zu einem Gott, der benützt wird, anstatt zu jemandem, dem wir Gehorsam schuldig sind.

Der grösste Verlust der Moderne besteht also in diesem Wechsel vom Theo- zum Anthropozentrismus. In der Schrift wird Gott als derjenige, der über uns thront, dargestellt. Immer wieder wird berichtet, dass Menschen angesichts seiner moralischen Reinheit zutiefst erschüttert wurden (z. B. Jesaja). Dadurch jedoch, dass sein Charakter nicht mehr aufleuchtet, verschwinden die Berührungen mit dem Alltag (133). Ein äusseres Anzeichen dafür ist unsere Opfersprache. Nicht mehr Gottes Grösse und Heiligkeit, sondern das menschliche Wohlbefinden steht im Vordergrund. Wir müssen deshalb wieder lernen, was seine Heiligkeit bedeutet. Beispielsweise heisst es, dass er von aussen her unser Innerstes anspricht und uns zur Rechenschaft zieht. Die Seiten, auf denen Wells über Gottes Heiligkeit nachdenkt (133-145), gehören zu den eindrücklichsten des Buches.

Ohne die Heiligkeit Gottes machen weder Sünde noch Gnade Sinn, denn Gottes Heiligkeit verleiht dem einen ihre Definition und dem anderen ihre Grösse. Ohne die Heiligkeit Gottes ist Sünde nur menschliches Versagen und nicht Versagen vor Gott, in Beziehung zu Gott. Es ist Versagen ohne den Standard, durch den wir wissen, worin wir uns verfehlt haben. Es ist Versagen ohne Schuld, Versagen ohne Vergeltung, Versagen ohne jeglichen moralischen Sinn. Ohne die Heiligkeit Gottes ist Gnade nicht länger Gnade, weil sie nicht den dunklen Wolken des Gerichts entsteigt, die das Kreuz verdunkelt haben und die Verdammung des Sohnes an unserer Stelle auslösten. Weiter verliert Gnade ohne Heiligkeit ihren Sinn als Gnade, ein freies Geschenk des Gottes, der trotz seiner Heiligkeit und wegen seiner Heiligkeit Sünder durch den Tod seines Sohnes mit sich versöhnt hat. Ohne Heiligkeit ist Glaube bloss Zutrauen in die Güte des Lebens, oder vielleicht nur Vertrauen in sich selbst. (145)

Im 7. Kapitel beschreibt Wells den grössten Missbrauch der Moderne: Die Überbetonung der Immanenz Gottes. Das Grundproblem erklärt Wells so: Wer „von unten“, das heisst beim Menschen, beginnt, wird auch beim Menschen enden. Wir müssen mit Gott beginnen, um mit einer göttlichen Perspektive zu enden (162). Was ist denn mit einem „Blick von unten“ erkennbar, der auf die Gesellschaft geworfen wird? Unter der Oberfläche des technischen Fortschritts und aller gesellschaftlicher Veränderungen fliesst ein „dunkler Strom der Sinnlosigkeit“. Verstärkt wird er durch die vielen tragischen Ereignisse, über die das Fernsehen in Form einer „gefilterten Realität“ berichtet. Menschlicher Fortschritt ist zum säkularisierten Ersatz der göttlichen Vorsehung geworden. Erst der Blick von aussen durch sein Wort gibt uns den wirklichen Rahmen für die Deutung der menschlichen Geschichte. Christus ist der zentrale Interpret, denn er ist der Dreh- und Angelpunkt der (Heils-)Geschichte. Der „Blick von unten“ will jedoch unmittelbare Deutung von Gottes Wirken in der Gegenwart gewinnen. Wer den grossen Rahmen von Gottes Wort beachtet, wird statt „happiness“ und unmittelbarer Erfüllung Gottes Heiligkeit finden (172). Nur aus dieser Aussenperspektive wird Gottes Volk Kraft und Überzeugung in einer fragilen, von Leid erschütterten Welt finden!

Die über 60 Tabellen des Anhangs geben Ausschluss über eine Untersuchung von 1993 an sieben evangelikalen Ausbildungsstätten über deren theologischen Positionen, durchgeführt vom Religionssoziologen des Calvin College. Verglichen werden die Daten mit einer Befragung von James Hunter von 1982. Wells‘ Analyse führt zu drei Aussagen: Es existiert eine Trennung zwischen der Theologie und dem Rest des Lebens (197). Im Leben ausserhalb der Theologie liegt der Fokus der Studenten auf der Selbsterfahrung und persönlichen Erfüllung. Gleichzeitig müsste Theologie nach Ansicht der Befragten  einen wichtigen Platz einnehmen. Sie bemerken aber, dass der Kirche die Vision abhanden gekommen ist.

Dies führt Wells zu folgendem Schluss: Wir brauchen eine Reformation. Wir müssen wieder mit Gott beginnen (31). Wer den Blick für den transzendenten Gott öffnet, bekommt eine andere Sicht auf Kultur und Gesellschaft. Er wird die Schlussfolgerung ziehen, dass die Welt der (Spät-)Moderne korrumpiert ist (211). Solange diese Sicht fehlt, wird die Kirche weiterhin nackt durch das Ödland (wasteland) irren (215). Sie wird ihre Umgebung echoen anstatt eine echte Alternative anzubieten (214). Wells sieht die Chance der Übergangsperiode, nachdem sich der Evangelikalismus der unbequemen und unentbehrlichen Last des transzendenten Gottes erleichtert hatte, in Busse und Umkehr (222). Wir sollen nicht weniger, sondern wieder mehr erwarten (226). Insofern endet das Buch mit einem Mut machenden, in die Zukunft gerichteten Blick.

Das Buch wird von einer ausführlichen Bibliografie abgerundet. Sie verrät ein intensives Studium des Soziologen Peter Berger, des evangelikalen Kirchenexperten George Barna oder des Moderne-Kritikers Christopher Lasch. Es empfiehlt sich zudem, unter dem Stichwort „Gott“ die verschiedenen Stellen thematisch nachzuschlagen. Wo gewinnen wir wieder einen Blick für die Herrlichkeit des transzendente Gottes? Erst sein Wahrheit offenbart uns den Gott, der über uns steht.

Ohne das transzendente Wort in ihrem Leben hat die Kirche kein Steuerruder, keinen Kompass, keine Versorgung. Ohne das Wort hat sie keine Kraft, ausserhalb dieser Kultur zu stehen, die Verführung der Moderne zu erkennen und sich ihrer zu entwinden. (150)