Buchbesprechung: Eine Grundsatzkritik am therapeutischen Glauben

In der zweiten Folge „Der Ruf aus der Wüste, der Zeitgeist und du“ auf Josia bespreche ich das Buch von David F. Wells „The Courage to be Protestant“. Es war für mich insofern ein Augenöffner, als es viele Dinge benannte, die ich in den letzten Jahrzehnten „als Insider“ erlebt habe. Wer des Englischen mächtig, dem empfehle ich die Lektüre!

(Wells) These lautet: In den Nachkriegsjahren haben sich die Evangelikalen um zwei Kernüberzeugungen gesammelt, nämlich die volle Autorität der inspirierten Schrift und die Zentralität von Jesu stellvertretendem Sühnetod (S. 5). Dem folgte eine anhaltende Schwächephase durch steigende Gleichgültigkeit gegenüber biblischer Lehre. „Das Christentum  wurde zunehmend  auf private, innere, therapeutische Erfahrung reduziert.“ (S. 8) Zudem wurde der Glaube von der lokalen Gemeinde losgelöst. „Der Glaube wurde individualistisch, selbst-fokussiert und konsumorientiert“ (S. 11). Das zweite große Segment seit den 1980er-Jahren bilden die sogenannten „Marketers“. Sie holten mit dem Argument „wir behalten die alte Botschaft, verpacken sie einfach neu“ Businessstrategien in die Kirche. Wells vergleicht Gemeinden mit den Einkaufszentren: Wir holen uns, wann wir es wollen, das, wozu wir gerade Lust haben. Dies bereitete den Boden für eine nächste Generation, die Emergenten. Sie sind besonders skeptisch gegenüber Macht und Strukturen. Sie schließen sich in losen Netzwerken zusammen. Was von den „Marketers“ inhaltlich ausgehöhlt worden war, besetzen sie mit einem Sammelsurium von neuen Inhalten. Sie experimentieren mit anderen Gottesdienstformen. Die Diagnose stimmt nachdenklich: „Ich weiß nicht, was die evangelikale Zukunft sein wird, aber ich bin sicher, dass der Evangelikalismus keine gute Zukunft hat“ (S. 21). Zumindest dann, wenn keine Kursänderung gelingt.