Buchbesprechung: Die verlorenen Tugenden

David F. Wells. Losing Our Virtue. Eerdmans: Grand Rapids, 1998. 228 Seiten. Euro 11,94 (Kindle-Version).

In Vorwort und Einleitung verrät uns Wells etwas über die Entstehung der Buchserie. Die Anfänge reichen ins Jahr 1989 zurück, als er zusammen mit zwei anderen Forschern von einer NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) den Auftrag erhielt, „den Gründen für den Zerfall des evangelikalen Denkens“ nachzugehen (xi). Dieser dritte Band ist ein Nachfolgeprojekt. Der erste Satz der Einleitung lautet: „In diesem Buch geht es um die sich auflösende moralische Kultur der amerikanischen Gesellschaft und was dies für die Kirche bedeutet.“ (1) Wells nimmt gleich vorweg, dass das Buch für diejenigen irritierend sein würde, welche keine theologische Wahrheit hören wollen. Eben mit diesem Verschwinden der Theologie hatte sich Wells ja gerade beschäftigt. Er fragt: Wie kam es dazu, dass die Überzeugungen, welche die evangelikale Bewegung zusammengehalten hatten, inhaltlich ausgehöhlt worden sind?

Das Vorgehen zur Beantwortung dieser komplexen Frage beschreibt Wells so deutlich wie sonst an keiner anderen Stelle in seinem Werk. Als wichtigen Teil der theologischen Aufgabe betrachtet er die sorgfältige, rigorose Analyse der Kultur (4). Als kulturelle Prolegomena (Vorreden) diente der erste Band „No Place for Truth“. Dem folgte das zweite Werk„God in the Wasteland“. Darin behandelt er die in einer „normalen“ Systematischen Theologie an zweiter Stelle folgende Gotteslehre. Für den dritten Band hat sich Wells nicht für die Christologie, sondern für die Anthropologie entschieden. Die Schwierigkeit, vor der Wells wiederholt grossen Respekt zeigt, ist das Betreten von „unbestelltem Terrain“. Moderne und Spätmoderne liegen noch nicht Jahrzehnte zurück, was eine Analyse aus der Distanz zulassen würde. Mit der Befangenheit, welche die Beurteilung des unmittelbar Vergangenen begleitet, lässt sich Wells darum auf eine ebenso vorsichtige wie zielstrebige Wanderung ein.  Er macht klar, bei wem er dafür Mass genommen hatte. Ihm steht Augustins gewaltige Reflektion der damaligen Kultur im „Gottesstaat“ vor Augen. Wells will, in bescheidenerem Umfang zwar, einen ähnlichen Weg beschreiten. Nicht dass er der einzige gewesen wäre, der in neuerer Zeit Kulturkritik geübt hatte. Wer die Literaturverzeichnisse studiert, wird prominente US-Kritiker aus dem 20. Jahrhundert wie Robert Bellah (Habits of the Heart: Individualism and Commitment in America), James D. Hunter (Culture Wars: The Struggle to Define America), Christopher Lasch (The Culture of Narcissim), Neil Postman (Technopoly), Christoph Rieff (The Triumph of the Therapeutic: Uses of Faith after Freud) oder Philip Cushman (Constructing the Self, Constructing America: A Cultural History of Psychotherapy) antreffen.

Zur These des Buches: Unsere Gesellschaft ist moralisch vom Kurs abgekommen und sich selbst entfremdet. Deshalb besteht ein Vakuum. Wells erwähnt den schottischen Moralphilosophen Alasdair MacIntyre. Dieser war ihm bei seiner These Pate gestanden, dass die jahrtausendealten „Tugenden“ durch „Werte“ abgelöst worden seien. Der Grund? Durch den Triumpf des ethischen Relativismus ist nicht nur der nötige Gesamtrahmen verschwunden. Die Inhalte sind ausgehöhlt worden (16).  Macintyre argumentierte für die Gesamtgesellschaft. Wells verbindet seine in die gleiche Richtung gehende Kritik mit der Frage: Was bedeuten die Veränderungen für die Kirche und für die evangelikale Bewegung? (13)

Wie ist das Buch aufgebaut? Ich gehe auf die Hauptargumente der sechs Kapitel ein. Im ersten Kapitel geht es um zwei Formen des geistlichen Lebens (spirituality) in der Kirche. Nur die eine verfügt über die Kraft, auch gegen gesellschaftliche Strömungen zu schwimmen. Bei dieser Form steht das Heilige zentral, denn es bestimmt das Verständnis von Gott. Wells nennt als Beispiel das über 400-seitige Werk des Puritaners John Owen über Psalm 130. Bei der anderen, zeitgenössischen Form steht hingegen das psychologische Erleben im Vordergrund. Die Beziehung zu Gott beginnt in uns selbst, unserer Angst, unseren Leiden, Enttäuschungen und Verletzungen. Wells zeigt dies wiederum beispielhaft an neuen Auslegungen der Geschichte des verlorenen Sohnes (Lukas 15) auf.

Im zweiten Kapitel wird das verschobene Verhältnis zwischen Freiraum und Gesetz thematisiert. Durch den ethischen Relativismus schrumpft die „Zone des Gehorsams“ einer gesamten Gesellschaft gegenüber dem, was nicht befohlen werden kann (obedience to the unenforcable). Wenn die private Moral zerfällt, dann wirkt sich das auf zwei Seiten aus. Es ensteht ein Vakuum, was sich z. B. am Anstieg der Zahl von Alleinerziehenden sichtbar wird. Andererseits übernimmt der Staat die Regulierung vieler Bereiche. Durch die zahlreichen Anwälte entsteht gleichermassen Druck auf die bestehende Gesetzgebung.

Der Mensch hat sich eine säkulare Form der Erlösung geschaffen (drittes Kapitel). Dies macht Wells an zwei Entwicklungen fest. Erstens ist der Wandel vom Charakter zur Persönlichkeit festzustellen. Die Deutungshoheit für die Persönlichkeit hat die Psychotherapie inne. Diese erlaubt zum Beispiel sich wandelnde Biografien und ständige Reinterpretationen des Lebens. Zweitens lässt sich das Verschwinden des Begriffs der menschlichen Natur beobachten. Die objektive Existenz verschiebt sich ins Innere, nämlich ins Selbstbewusstsein.

Im vierten Kapitel geht Wells gemäss eigenen Angaben auf einen Schlüssel zum Verständnis der modernen Anthropologie ein: Die Verlagerung weg von der Schuld hin zur Scham. Während Schuld normalerweise die emotionale Antwort auf die Verletzung einer moralischen Norm darstellt, beschreibt Scham die Reaktion auf die Enttäuschung unserer selbst. „Schuld  ist das Verfehlen von Gottes Standards, Scham das Verfehlen von dem, wie wir von uns selbst erwarten zu sein.“ (131) Die Problemdiagnose verändert sich mit. Es handelt sich nicht mehr um moralische, sondern um beziehungsmässige Differenzen (140).

Im letzten Teil des Buches stellt Wells die Kernelemente einer biblischen Anthropologie der spätmodernen Deutung des Menschseins gegenüber. Zentral steht seine Argumentation aus Römer 1+2. Gott hat allen Menschen externe Koordinaten für einen moralischen Sinn offenbart, nämlich seine ewige Kraft und Göttlichkeit (1,20). Zudem verfügt der Mensch über ein inneres Koordinatensystem, nämlich das Gewissen, welches ihn bei Verstoss gegen objektive moralische Normen anzeigt (2,14-15; vgl. 1,32). Trotzdem kehren sich Menschen von der Wahrheit ab und unterdrücken sie aktiv, was eine grosse Spannung auslöst (1,18). In diesem inneren Gegensatz sieht Wells (und ich stimme ihm hierin zu) den entscheidenden Anknüpfungspunkt für das Gespräch. Die Menschen bemerken, dass sie entgegen all ihrer Wünsche  nicht so leben können, als gäbe es keine absoluten Massstäbe. Dies geschieht auch dann, wenn sie es anders behaupten (163). Auch was Ehre und Schande betrifft, gibt Gott die Definition vor. Ehre ist nicht das, was wir auf uns selbst geben. Gott verleiht sie (2Kor 2,8). Durch das Kreuz hat Christus unsere moralische und geistliche Scham zugedeckt. Wir müssen nie mehr befürchten, dass er sie wieder hervorholt (Röm 5,5).

Einer der wichtigsten Gedankengänge des gesamten Buches folgen in den letzten Abschnitten. Wells beschreibt dort, wie sich das Fehlen des Sündenbegriffs auswirkt. Wir können unsere Sünde nicht bekennen, weil wir sie gar nicht mehr erkennen und mit Gott in Verbindung bringen. Weil wir uns selbst zum Referenzpunkt gewählt haben, fehlt uns der objektive Vergleich. Die externen moralischen Massstäbe sind uns abhanden gekommen. Trotzdem bemerken wir den inneren Widerspruch zwischen dem, wie es sein sollte, und der Realität. Der Gegensatz zwischen dem, wie wir geschaffen wurden und wie wir jetzt sind – bedingt durch die Sünde – stellt darum die „mächtigste apologetische Waffe“ dar (177).

Die grosse Frage hatte Wells schon zu Beginn des Buches gestellt (18): Wird die Kirche die Kraft haben ihren moralischen Charakter zu erneuern? Der Autor selbst ist überzeugt, dass noch keine Zeit so reif für den christlichen Glauben gewesen sei (19). Wells erkennt Parallelen zur Situation vor der Reformation: Fehlendes Vertrauen in Gottes Wort, fehlendes Verständnis für die Ernsthaftigkeit der Sünde, fehlender Sinn für die Genügsamkeit von Christi Tod (28-30). Das für den Evangelikalismus zum avancierte Rezept lautet: Wir müssen ein neues Konzept schreiben, um die Menschen ausserhalb unserer Gemeinde zu erreichen. Wir müssen uns vermehrt sozial engagieren. Wells geht einen anderen Weg. Er fordert die Erneuerung der Moral, also eine Gesundung des Menschen durch die Ausrichtung an den objektiven Normen Gottes. Damit meint er keinen psychologischen Prozess, sondern eine geistliche Erneuerung. Nur diese Umkehr wird dem Volk Gottes die Kraft geben, um seinem Gott dienen und die eigenen Götter zu entsorgen.

Jemand hat mich gefragt, welche Bücher von Wells ich zum Lesen empfehle. Ich kann alle sechs Bände seiner Kulturanalyse empfehlen. Wenn ich jedoch eine Reihenfolge aufstellen müsste, würde sie lauten:  Wenn du nur ein Buch lesen möchtest, dann nimm „The Courage to Be Protestant“ zur Hand. Dort werden alle Argumente zusammengenommen. Wenn dein Appetit geweckt ist, dann gehe weiter zu „No Place for Truth“. Besorge dir danach „Losing Our Virtue“.

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