Buchbesprechung: Christus nach dem 11. September

David F. Wells. Above All Earthly Pow’rs: Christ in a Postmodern World. Eerdman: Grand Rapids, 2006. 339 Seiten. 13,10 Euro.

Aus einem 1989 erteilten Forschungsauftrag einer Nichtregierungs-Organisation (NGO) heraus, das zuerst zum Buch „No Place for Truth“ führte, entstand über 20 Jahre ein mehrteiliges Buchprojekt. Nachdem Wells in der Einleitung des dritten Bands „Losing Our Virtue“ über seinen Plan schrieb, eine systematische Theologie im Dialog mit der Gegenwartskultur zu verfassen, gewährt er im Vorwort des vorliegenden vierten Bandes Einblick in lebenslange Freundschaften und Inptugebern wie Jim Packer, John Stott, M. Lloyd-Jones, Carl Henry, Francis Schaeffer, Os Guinness, Mark Noll und George Marsden.

Was ist die zentrale Frage des Buches? Wells formuliert sie folgendermassen: Wie sieht eine biblische Christologie aus einer Welt, in der Rechtgläubigkeit keinen Platz hat, die Idee der Wahrheit abgeschafft ist, Weltanschauungen kollabiert sind und sich Religionen sowie neue Formen von Spiritualität sich Seite an Seite tummeln (90)?

Ausgangspunkt ist diesmal der 11. September 2001. Der Begriff des Bösen war mit einem Schlag wieder in das westliche Bewusstsein gerückt worden. Wells hatte bereits 1984 eine herkömmliche Christologie mit dem Titel „The Person of Christ“ verfasst. Diesen zweiten Anlauf unternahm er auf dem Hintergrund der tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen innerhalb des Evangelikalismus. Er schlägt gleich zu Beginn einen wichtigen Pflock ein. Es gibt nichts, was die Grösse Christi ersetzen könnte, auch in der Moderne nicht. Das wird im Titel „Above all Earthly Pow’rs“ angedeutet. Wells meint damit am Ende seiner literarischen Odyssee angekommen zu sein. In den folgenden Jahren würde sich zeigen, dass er noch zwei weitere Bände anzufügen hatte: Den zusammenfassenden (The Courage to Be Protestant) sowie den antwortenden (God in the Whirlwind).

Das Buch ist inhaltlich dreigeteilt. In den ersten drei Kapiteln skizziert Wells eine Sicht der Postmoderne und zeigt die Auswirkungen der veränderten Wander- bzw. Immigrationsbewegungen in die westliche Welt auf. Der Hauptteil, Kapitel vier bis sechs, beschäftigt sich mit Christus inmitten des veränderten gesellschaftlichen Klimas. Wer ist Christus trotz und inmitten der neuen Formen von Spiritualität? Wie spricht er in eine von Sinnlosigkeit und Fragmentierung geprägte Welt hinein? Im dritten Teil, den letzten beiden Kapiteln, blickt er auf den Evangelikalismus mit seinen Mega-Kirchen und Business-Strategien, um einen kurzen, eindringlichen Aufruf zur Besinnung folgen zu lassen.

Ich gehe kurz auf die einzelnen Kapitel ein und verweise auf einzelne weitergehende Ausführungen.

Kapitel 1-3: Wells erklärt die Aufklärungsideologie als gedanklichen Überbau der modernen Welt. Dieser war an den sozialen Erlebenskontext des 19./20. Jahrhunderts mit ihrer Urbanisierung, technischem Fortschritt und Globalisierung gekoppelt gewesen. Die Gott gegebene Offenbarung erschien in Form des natürlichen Verstandes. Die Idee der Erlösung war umgewandelt worden in die Bemühung nach menschlicher Perfektion, zuerst durch moralisches Bestreben, später durch psychologische Techniken. Das Leben des Glaubens mutierte zur Hoffnung persönlichen Wachstums. Die Hoffnung der Bibel wurde durch den Fortschritt ersetzt (30). Wenn jedoch durch den Menschen das versprochen wird, was nur Gott erfüllen kann, muss das Gefüge über kurz oder lang ins Wanken kommen (59).

Die Postmoderne rebellierte gegen das „Metanarrativ“ der Aufklärung und verschob den Gravitationspunkt, ohne sich jedoch grundsätzlich von den Prämissen der Moderne zu verabschieden. Sie zweifelte die einheitliche Weltsicht, den Wahrheitsbegriff und die Teleologie (purpose) grundlegend an. Die weltweiten Wanderbewegungen führten zu einem religiösen Pluralismus oder, wie es Wells ausdrückt, zum „Bankett der Religionen“. Das veränderte die spirituellen Gewohnheiten der Menschen. Sie wurden einsam in ihrem „eigenen kleinen Zuhause“ (118) zurück gelassen. Eindrücklich beschreibt Wells den Einfluss des Spirituellen in der Unternehmenswelt (111). Spiritualität wandert auf leichten Füssen. Sie benötigt keine Gebäude, keine Rituale, keine Profis oder heiligen Bücher. Sie kann alleine praktiziert werden. Die Buiness-Welt, durch starke Konkurrenz angetrieben, getränkt mit Unsicherheit, formiert sich in Diskussionsgruppen und kleinen Zirkeln. Gurus und inspirierende Redner zirkulieren. Trotz dem knallharten pragmatischen säkularen Materialismus, so schmeicheln sie den Mitarbeitenden für ein saftiges Entgelt, sei eine Begegnung mit dem eigenen Selbst möglich.

Kapitel 4-6: Die Veränderungen lösten eine neue innere Suche aus. Doch ist diese Beliebigkeit so neu? Wells vergleicht mit der Spiritualität der Antike und kommt zum Schluss: Sowohl im Alten und Neuen Testament wie auch zur Zeit der ersten Kirche lebten Menschen, die sich Gott hingaben, mit ähnlichen Herausforderungen. Auf diesem Hintergrund weist er auf die Aktualität von Gottes Wort zu eben diesem Thema hin. Die Lösung besteht nicht in taktischen Windungen, sondern in Konfrontation (155). Konfrontation liegt immer im Zentrum der Beziehung zwischen Christ und Kultur, weil Licht auf Dunkelheit, Wahrheit auf falsche Überzeugungen, Heiligkeit auf Gefallenheit trifft (164). „Gott respektiert keine geheiligten Orte ausserhalb von denen, die er selbst füllt.“ (175) Die postmoderne Spiritualität ist nichts anderes als „alter Wein in neuen Schläuchen“: Es ist eine Variation des antiken heidnischen Götzendienstes.

Hier wie in den folgenden Kapiteln entwickelt Wells ein hilfreiches Vorgehen. Zuerst analysiert er die Lage: Das tiefe menschliche Unbehagen durch das Erleben von Sinnlosigkeit. Dafür liefert er aus theologischer Sicht den Schlüssel, um dann die Antwort des Evangeliums zu entwickeln. Christliche Hoffnung wünscht sich nicht, dass alles besser wird, dass die Leere irgendwie weggeht, Sinn zurückkehrt, die Unsicherheit verschwindet. Sie versucht auch nicht mittels Techniken den gefallenen Menschen zu verändern (206). Viel mehr geht es darum, dass das kommende Zeitalter bereits in das gegenwärtige eindringt und Sünde, Tod und Bedeutungslosigkeit durch Gerechtigkeit, Leben und Sinn ersetzt. Ähnlich geht Wells bei der Diagnose „Verlust der Kohärenz“ vor. Der göttliche Imperativ „dein Reich komme“ ist durch ein Stimmengewirr von Meinungen und Moden ersetzt worden. Hier hört Wells auf das Echo der „Open Theology“, einer Strömung innerhalb der evangelikalen Theologie, um dann aus der Schrift den machtvollen Christus als Herr der Schöpfung und der Kirche zu beschreiben.

Mit dieser Neubesinnung und –ausrichtung gestärkt, tritt der Leser den inhaltlichen Schlussanstieg an. Wells möchte seine Theologie mit Fokus auf die evangelikale Bewegung entwickeln. Er ortete nach Mitte des 20. Jahrhunderts einen kraftvollen Schub (zumindest in den USA), der jedoch bald ins Stocken geriet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Wells gar überzeugt, dass sich die Evangelikalen auf dem Rückzug befinden. Das hat mit einem neuen Ansatz Kirche zu leben zu tun. Business und Religion sind nämlich eine unheilige Allianz eingegangen. Sucher werden zu Konsumenten, Pastoren zu Business-Tycoons. Marketing-Strategien regieren die Kirche. Das Evangelium verkommt zu einem Produkt, der Glaube zum käuflichen Geschäft (297). Es ist nicht mehr klar, wer nun souverän ist: Gott oder der religiöse Konsument? Was gibt den Ausschlag über die Praxis: Gottes Wort oder die umgebende Kultur? Was ist wichtiger: Treue oder Erfolg? (301)

Was soll der Kraftlosigkeit entgegen gesetzt werden? Eine machtvolle Verkündigung Christi, eingebettet in einen Rahmen von Echtheit (Wells benützt den Begriff „authenticity“; dieser ist m. E. zu stark verwässert). Das bedeutet, dass sich die Gemeindemitglieder von dem überflüssigen kulturellen Ballast zu befreien beginnen und sich wieder an der objektiven, zeitlosen Wahrheit der Schrift ausrichten (315). Dies wird seinen Widerhall in Leben und Beziehungen finden und die postmodernen Zeitgenossen, die in ihrem tiefen Innern an Sinnlosigkeit und Fragmentierung leiden, anziehen.