Buchbesprechung: Calvins Antwort an Kardinal Sadolet (1539)

Jean Calvin. Calvin-Studienausgabe Bd. 1. Teilbd. 2. Hrsg. von Eberhard Busch. Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn, 1994. S. 347-429.

Wie entstand dieses Schreiben?

Calvins Antwortschreiben an Kardinal Sadolet, der die Bürger Genfs dazu aufgerufen hatte, in den Schoss der katholischen Kirche zurückzukehren, gilt als eine der brillantesten Streitschriften des Reformatoren. Calvin verfasste sie 1539 von Strassbourg aus. Er war vom Magistrat der Stadt Genf 1538 aus ihr vertrieben worden. Dieser Ausweisung war ein Zwist mit dem städtischen Gremium vorausgegangen, das die Berner liturgischen Bräuche einführen wollte. Bürger hatten die Unterschrift unter die Kirchlichen Artikel, den ersten Genfer Katechismus von 1537, verweigert. Nach dem Auszug von Calvin und Farel kam es schnell zu Auflösungserscheinungen der Reformation von Genf. Eine günstige Gelegenheit Territorium zurückzugewinnen! Schliesslich brachten die Berner das Schreiben des Kardinals persönlich nach Strassbourg. Calvin entwarf innerhalb von sechs Tagen eine Antwort.

Siehe Christian Link. Einführung zu „Antwort an Kardinal Sadolet“, in ebd. S. 337-344.

Um was geht es?

Calvin verteidigt in diesem kunstvoll gegliederten Schreiben die Einführung der Reformation. In der Einleitung legt er seine Haltung dar. Im Hauptteil geht er auf Argumente Sadolets ein. Am Schluss richtet er einen kraftvollen Appell über die Einheit der Kirche an seinen Gegner.

Mit welcher Haltung hat sich Calvin auf den Disput eingelassen?

  • Zwingende Notwendigkeit hat ihn auf den Kampfplatz geführt (347), persönliche Beleidigung wäre kein ausreichender Grund gewesen (349).
  • Für ihn bestand ein „unwiderstehlicher Zwang“ seines Amtes sich entgegenzustellen. Er wäre sich sonst als Fahnenflüchtiger vorgekommen (349). Man konnte doch nicht „gähnend beim Untergang eines Menschen“ einnicken (351)!
  • So zuversichtlich er war, „durch ein gutes Gewissen, ein lauteres Herz und aufrichtige Rede weit überlegen“ zu sein, so massvoll wollte er bleiben und „Milde und Bescheidenheit“ nicht ausser Acht lassen (353).
  • „Doch obwohl in so gewaltigen Wirren die Urteile der Menschen verschieden ausfallen, bin ich frei von jeder Furcht. Denn wir stehen vor Deinem Richterstuhl, wo nur Billigkeit Hand in Hand mit Wahrheit das Urteil fällen kann, so wie es der Unschuld entspricht“ (413).
  • Er weigert sich nicht nachzugeben, was er „mit Gründen“ überwunden würde (427).

Welche inhaltlichen Stellen haben mir besonders gefallen?

  • Die Grundlage der Lebensführung: „Für Gott nämlich, nicht für uns selbst sind wir in erster Linie auf der Welt. Denn wie aus Gott alles hervorgegangen ist, und in ihm seinen Bestand hat, so muss auf ihn wie Paulus (Röm 11,36) sagt, auch alles bezogen werden.“ (363)
  • Gottes Geist bindet sich ans Wort: „Weil er nämlich voraussah, wie gefährlich es sei, ohne das Wort nur den Geist im Munde zu führen, hat er zwar verheissen, dass die Kirche vom Heiligen Geist geleitet werde, diese Leitung aber an das Wort gebunden, damit man sie nicht für etwas Vages und Unsicheres halten könne.“ (365) Dieser Geist „ist uns nicht zur Offenbarung neuer Lehre verheissen, sondern um die Wahrheit des Evangeliums den Herzen der Menschen einzuprägen“ (367).
  • Zur Einheit der Kirche: „Sie ist die Gemeinschaft aller Heiligen, welche, über den ganzen Erdkreis und über alle Zeiten zerstreut, doch durch die eine Lehre Christi und einen Geist verbunden ist und an der Einheit des Glaubens und brüderlicher Eintracht festhält und sie pflegt.“ (369)
  • Der dreifache Grund der Kirche: „Drei Stücke sind es, die die Unversehrtheit der Kirche ausmachen und worauf sie sich vornehmlich stützt: Lehre, Verfassung und Sakramente. An vierter Stelle kommen noch die äusseren Formen hinzu, die das Volk zu gottesdienstlichen Handlungen anleiten.“ (371)
  • Rechtfertigung allein aus Gnade: „So halten wir denn beharrlich daran fest, dass der Mensch nicht nur ein für allemal aus Gnaden gerechtfertigt ist, ohne alles Verdienst aus Werken, sondern dass diese geschenkte Gerechtigkeit auch für immer sein Heil ausmacht. Es kann denn auch auf keine andere Weise irgendein menschliches Werk Gottes Beifall finden, es wäre denn durch sie zustande gekommen.“ (381)
  • Zum Abendmahl: „Dass den Glaubenden im Abendmahl die wirkliche Gemeinschaft mit dem Leib und Blut Christi angeboten wird, lehren wir mit allem Nachdruck.“ (385)
  • Gottes Wort als Prüfstein: „… der Gehorsam, den wir meinen, muss uns zu solchem Hören auf Vorgesetzte und Vorfahren sammeln, dass die einzige Richtschnur all unseres Wollens gleichwohl Gottes Wort bleibt; die Kirche schliesslich, die wir meinen, muss ihre grösste Sorge darein setzen, in ernsthafter Demut zu Gottes Wort aufzublicken und sich unter dem Gehorsam gegen das Wort zu halten.“ (395)
  • „Also ist die Seele wehrlos dem Teufel zum Verderben preisgegeben, wo man ihr das Wort Gottes raubt.“ (399)
  • „Denn mag die Welt auch noch so toben und vom Lärm verschiedenster Meinungen widerhallen. Wer glaubt, ist niemals so verlassen, dass er den richtigen Weg zum Heil nicht einhalten könnte.“ (401)

Welche Aussagen haben mich persönlich bewegt?

  • Calvin hätte „was zu meinen höchsten Wünschen zählte, eine schriftstellerische Tätigkeit in einer ehrenvollen, standesgemässen Stellung“ ausüben können. Er hat aber auf Ehren- und Machstellungen verzichtet (357).
  • Calvin riet dazu, den Kirchendienern „nur so viel auszugeben, als zu einer ihrer Stellung angemessenen sparsamen Lebenshaltung hinreicht, nicht aber zu überflüssigem Luxus“ (359).
  • Calvin beschreibt die damalige Verkündigung der katholischen Kirche so: „Nur ganz wenige schwache Töne waren dazwischen aus Gottes Wort eingestreut, die durch ihr Gewicht solch nichtigem Geschwätz Glauben verschaffen sollten.“ (375)
  • Calvin berichtet, dass er zuerst selber „befremdet“ war „von dieser Neuerung“ und ihr „anfangs tapfer und mutig widerstanden“ hätte. ER hätte sich „nur mit Mühe zu dem Eingeständnis bewegen“ lassen, er hätte „sein ganzes bisheriges Leben in Irrtum und Unwissenheit verbracht“ (417). Je näher er jedoch den neuen Glauben aus der Nähe betrachtete, „umso schärfer waren die Stacheln, die mein Gewissen plagten, so dass mir kein Linderungsmittel mehr blieb, als durch Vergessen mir selbst etwas vorzumachen“ (ebd.).
  • Wir „räumen Konzilien und Kirchenvätern nur insoweit eine unbestrittene Autorität ein, als sie der Richtschnur dieses Wortes entsprechen“ (425).

Höhepunkt: Christus, unsere einzige Gerechtigkeit

„Zunächst lassen wir den Menschen mit seiner Selbsterkenntnis den Anfang machen, und das nicht leichtfertig oder oberflächlich, vielmehr soll er sich mit seinem Gewissen vor Gottes Richterstuhl stellen. Und wenn er dann vom Zustand seiner Ungerechtigkeit sattsam überführt ist, soll er zugleich auch die Strenge des Urteilsspruchs bedenken, der über alle Sünder ergeht. So wirft er sich, durch sein Elend aus der Fassung gebracht und zu Boden geschlagen, vor Gott nieder und demütigt sich: Er lässt alles Selbstvertrauen fahren und seufzt, als wäre er dem äussersten Verderben preisgegeben. Dann zeigen wir ihm den einzigen Ankergrund seines Heils, die Barmherzigkeit Gottes, die uns in Christus dargeboten wird, ist doch in ihm alles erfüllt, was zu unserem Heil gehört. Weil also alle Sterblichen vor Gott als Sünder verloren sind, nennen wir Christus unsere einzige Gerechtigkeit: Er hat mit seinem Gehorsam unsere Übertretungen getilgt, mit seinem Opfer Gottes Zorn besänftigt, mit seinem Blut unsere Flecken abgewaschen, durch sein Kreuz unseren Fluch aufgehoben, mit seinem Tod für uns alles beglichen. Auf diese Weise also, lehren wir, wird in Christus der Mensch mit Gott, dem Vater versöhnt: nicht durch irgendein Verdienst, nicht durch die Würdigkeit seiner Werke, sondern allein durch unverdiente Gnade.“ (377)

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