Buchbesprechung (I): Der religiöse Pluralismus und die Linie der biblischen Heilsgeschichte

D. A. Carson. The Gagging of God: Christianity Confronts Pluralism. IVP: Downers Grove, 2002. 640 Seiten. Euro 12,65 (Kindle-Version).

Pluralismus ist nicht nur ein soziologisches Phänomen. Die sie begleitende Diversität von Meinungen und Ideologien wurde als grosse Errungenschaft und als Fortschritt begrüsst und gefeiert. Der spätmoderne Mensch hat sich so sehr an den „Coctail“ von Veränderungen sowie die Möglichkeit aus vielen Optionen zu wählen gewöhnt, dass der Pluralismus zu seinem „state of mind“ geworden ist (18). Carson geht es vorrangig um den philosophischen Pluralismus. Dessen Kernargumentation lautet: Jeder ideologische oder religiöse Anspruch, der sich einem anderen überlegen wähnt, muss notwendigerweise falsch sein (26). Es gibt keine Häresie mit Ausnahme der Überzeugung, dass es Häresien gibt (30). Der Mensch lebt darum mit einer Menge logischer Inkonsistenzen. Er nimmt sie, wenn überhaupt, schulterzuckend zur Kenntnis.

Das Buch besteht aus vier grossen Teilen: Zuerst wird der Ansatz der neuen (radikalen) Hermeneutik erörtert und evaluiert. Im zweiten Teil fokussiert Carson auf den religiösen Pluralismus. Im dritten Teil geht es um das christliche Leben in der pluralistischen Gesellschaft, im letzten um den Pluralismus in den eigenen Reihen.

Im ersten Kapitel geht Carson gleich auf die neue Hermeneutik ein. Die alte Hermeneutik der Moderne operierte unter der Voraussetzung, dass  auf die meisten Anfragen an unsere Realität Antworten gefunden werden können. Die radikale Hermeneutik geht hingegen von der umfassenden Subjektivität der Interpretation aus. Weil die Interpretation kulturell konditioniert ist, stellt sie ein Instrument der Macht dar. Die neue Literarkritik produziert durch die Verwendung dieser Hermeneutik endlos unterschiedliche, nebeneinander stehende Lesarten. Diese geistesgeschichtliche Verschiebung hat auch den Toleranzbegriff erfasst. Er wurde weg von den Ideen hin zu Personen verschoben.

Im zweiten Kapitel taucht Carson tiefer in den „Morast“ der neuen Hermeneutik ein. Ausgehend von Descartes begannen sich die Menschen auf ihren eigenen Verstand abzustützen. Der Glaube an den Fortschritt schlug bald in Hochmut über. Die „weichen“ Wissenschaften befanden sich gegenüber den exakten zunehmend im Beweisnotstand, da es bei ihnen um Meinung und nicht um Fakten ging (so das neue Diktum). Der Glaube war damit privatisiert und verschwand Stück für Stück von der öffentlichen Bildfläche. Durch Kants Philosophie wurde das menschliche Bewusstsein nicht nur der Schlüssel, sondern Quelle der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Das spitzte sich so zu, dass es letzten Endes keinen Ausweg aus dem hermeneutischen Zirkel mehr gab. Bei den Strukturalisten verbindet sich Sinn aus freier Assoziation selektiver Worte und Ideen innerhalb eines Textes. Alles menschliche Wissen ist untrennbar an die sozialen Strukturen gebunden. Nicht mehr der Text oder der Leser, sondern die interpretierende Gemeinschaft stellt den Rahmen für das Verständnis her. Theologie erhält im Rahmen dieses radikalen Pluralismus die Rolle zugewiesen, „an der Diskussion teilzunehmen“ (81). Da alle Interpretationen gleich valide sind, gewinnt die Neuartigkeit einer These an Bedeutung.

Wie können wir dem Morast entkommen? Dieser Frage geht Carson im dritten Kapitel nach. Auch wenn alle Äusserungen kulturgebunden sind, können absolute Propositionen aufgestellt werden. Damit ist der gordische Knoten durchtrennt. „Alles, was ich sage, ist, dass es einen objektiven Standard für Wahrheit gibt, die Wege, wie wir diese bekennen, jedoch von Kultur zu Kultur enorm variieren.“ (100) Selbst die Dekonstruktivisten verbinden ihre Hermeneutik implizit mit ihren eigenen Absichten! Objektives Wissen über einen Text ist möglich, auch wenn es kein erschöpfendes und perfektes Wissen ist.

Im zweiten Teil unternimmt Carson eine Art Rundgang. Er bleibt an verschiedenen wichtigen Stationen stehen, verweilt, geht ab und zu vom Hauptpfad weg, um eine Zusatzschlaufe einzulegen. Das geschieht insbesondere dann, wenn er die Thesen einiger Publikationen begutachtet. Zuweilen ist man etwas verwirrt und muss erst den Faden wieder suchen. Insgesamt sind diese Abstecher jedoch sinnvoll. Die übergeordnete Frage für den gesamten Teil lautet: Wie ist der religiöse Pluralismus aus biblischer Weltsicht zu beurteilen?

Carson steigt mit den Versuchen neuerer und zeitgenössischer Theologen ein, die Gleichwertigkeit von Religionen bzw. den Inklusivismus – ich kann es nicht anders ausdrücken – der Bibel „aufs Auge zu drücken“. Es gibt keine Alternative zur Treue zum biblischen Text. Denn es ist schwierig bis unmöglich, eine pluralistische Position zu beziehen und gleichzeitig dem religiösen Relativismus zu entgehen (148). Sünden werden sonst einfach zum „alternativen Lebensstil“ (150). Wer beispielsweise den Wahrheitsbegriff in der Bibel untersucht, wird nicht bestreiten können, dass „Wahrheit“ auch eine inhaltliche, propositionelle Komponente beinhaltet. Die zeitgenössische Theologie (auch im Evangelikalismus) versucht den Glauben jedoch von jedem kognitiven Inhalt abzukoppeln. Wer dieser Versuchung widersteht, wird auch zugeben, dass es eine inhaltliche Trennlinie zwischen rechter Lehre und Irrlehre geben muss. Die Wahrheitsfrage, aus biblischer Sicht beleuchtet, richtet sich also gegen den religiösen  Pluralismus. Dieser wirkt – gerade durch das Wegbrechen der Inhalte – selbstzerstörend.

In zwei ausführlichen Kapiteln geht Carson dann durch das Alte und Neue Testament. Wie auch in „Christ and Culture Revisited“ gehören diese Abschnitte zu den ertragreichsten des Buches. Carson kommt richtig in sein Element, wenn er die Linie der biblischen Heilsgeschichte nachzeichnet und Erkenntnisse auf das Thema des Pluralismus anwendet. Das Eintauchen in den biblischen Text lohnt sich, weil sich auf diese Weise ein alternativer Denkrahmen aufbauen lässt. Was zeigt uns Schöpfung, Erschaffung des Menschen, Sündenfall, Gotteslehre? Die Schöpfung ist der eröffnende Akt von Gottes Handeln. Der Ungeschaffene erschafft das Universum. Dies definiert die grundsätzliche Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpfen. Die Erschaffung des Menschen in Gottes Bild begründet seine Würde ebenso wie seine Verantwortlichkeit gegenüber dem Schöpfer. Der Sündenfall erklärt, warum wir beispielsweise jeder Mythos des „unversehrten Wilden“ in sich zusammenbrechen muss.  Jeder Mensch steht grundsätzlich in einer Beziehung zu Gott, und zwar als Bundesbrecher. Gott offenbart sich als redender Gott. Er zeigt sich als souverän auch über das Böse. Sein Zorn ist wesentlicher Bestandteil seines Wesens.

Das Neue Testament spitzt den gesamten Handlungsverlauf zu, der im Alten Testament gelegt worden ist. Es berichtet von Gottes wichtigstem Heilshandeln in Christus. Oftmals wird der Linie des NT weniger Beachtung geschenkt. Dabei ist sie nicht weniger bedeutungsvoll oder minder dicht. Johannes der Täufer ist grösser als alle Propheten, weil ihm das Vorrecht zukam, die Bühne für Christus vorzubereiten (259). Jesus spricht am meisten von der Hölle und bahnt gleichzeitig den einzigen Weg an ihr vorbei. Durch Christus erhält ein Mensch die universelle Königsherrschaft. Er stellt die ursprüngliche Ordnung wieder her. Die an Abraham ergangene Verheissung, dass in seinen Nachkommen alle Völker der Erde gesegnet werden sollten, erfüllt sich auf wundervolle Weise im weltweiten Missionsauftrag, den Jesus vor seiner Rückkehr zum Vater seinen Jüngern mitgibt. Der Heilige Geist kommt und schenkt Menschen Verständnis für das Evangelium. Auch Paulus greift den Faden des Alten Testaments auf, wenn er auf Adam, den Sündenfall, die Rolle Israels und die Heilstat von Jesus Bezug nimmt. Und wer könnte Offenbarung 2+3, den Zustandsbeschrieb der sieben Gemeinden lesen, ohne an die scheinbare Unterlegenheit der Kirche angesichts des religiösen Pluralismus im Römischen Reich zu denken? Ich merke, wie es mir schwer fällt, ein solch reichhaltiges „geistliches Buffet“ angemessen zu beschreiben. Carson schreibt angesichts des biblischen Panoramas:

Der Pluralist ist ein Götzendiener, der das Geschaffene mehr als den Schöpfer anbetet. Auf diese Weise relativiert er Gottes Wahrheit, nämlich dass Gottes Sohn zum Wegweiser für die (gesamte) religiöse Landschaft wurde. Sein Opfertod und seine wundervolle Auferstehung werden (für den Pluralisten) bedeutungslos bzw. unglaubwürdig. Pluralisten sind inkonsistent: Sie wollen einheitlich verstanden werden und bestehen gleichzeitig darauf, dass die antiken Autoren dies nicht konnten. Sie mögen zwar über manche religiöse Erfahrung verfügen, aber niemand von ihnen beschäftigt sich mit dem Zentrum der menschlichen Probleme, der Sünde… (277)

Besonderes Augenmerk widmete ich dem zweiten Teil des sechsten Kapitels, wo Carson die theologische Position des Heilsuniversalismus untersucht. Er bezichtigt den Inklusivismus nicht nur der Einseitigkeit, sondern attestiert ihm Unwillen auf die biblische Botschaft zu hören. Carson geht ins Detail, wenn er den einzelnen Schriftbeweisen von Inklusivisten und Exklusivisten nachgeht (300ff).

Im siebten Kapitel behandelt Carson eine zentrale Fragestellung aus dem NT an, nämlich die Stellung der Person Christi. Er ist das Wort Gottes „am Ende der Zeiten“ (Hebr 1,1). Auch hier hat der Pluralismus zu einer Vielzahl von „passenden“ Christologien geführt. Die Leben-Jesu-Forschung hat divergierende Jesus-Bilder mit der einen Gemeinsamkeit produziert, dass sie allesamt von kurzer Dauer waren. In der Zeit des religiösen Pluralismus muss die Person Jesu dialogfähig werden. Für die Begegnung mit Muslimen muss beispielsweise die Gottheit Jesu, die körperliche Auferstehung und die Jungfrauengeburt zum Verschwinden gebracht werden. Auch die Partikularität des historischen Jesus-Geschehens vor 2000 Jahren in Palästina passt nur schlecht in den Rahmen. Da bietet sich schon eher ein kosmischer Christus, der an alle Religionen anschlussfähig ist, an! Man handelt sich dafür ein anderes Problem ein. Wer Jesus aus dem biblischen Geschehen herauslöst, kann den Kanon nicht mehr oder nur noch formell aufrecht erhalten. Eine weitere Frage betrifft den angeblichen Antisemitismus des Christentums. Nach dem schrecklichen Ereignis des Holocaust muss solchen Fragen sicherlich nachgegangen werden. Doch dem Johannesevangelium einen antisemitischen Unterton zu unterstellen, greift zu weit. Die zentrale Frage des NT ist nicht die der Rasse, sondern betrifft die Antwort auf Gottes Selbstoffenbarung in Christus.

(Fortsetzung folgt)