Tillichs theologische Methode

Bereits einige Jahre vor dem Erscheinen des ersten Bandes der Systematischen Theologie schrieb Tillich einen Aufsatz über die theologische Methode. Ich zitiere aus „Das Problem der theologischen Methode (1946)“, in: Paul Tillich. Ingeborg C. Hensel (Hrsg.) Korrelationen. Die Antworten der Religion auf Fragen der Zeit. EW IV. Evangelisches Verlagswerk: Stuttgart, 1975. S. 19-35.

Jede Zeit habe die Aufgabe, „den ewigen Sinn aller Zeit aus ihrem Leben und in ihren Worten neu zu schöpfen“ (GW VII, 240, zit. S. 7).

„Es taugt nichts, wenn eine Wissenschaft eine Methode aus einem andere Wissensgebiet übernimmt, weil sie sich auf diesem Gebiet als erfolgreich erwiesen hat. So scheint mir, dass die Betonung der sogenannten empirischen Methode in der Theologie nicht auf wirklichen Bedürfnissen der Theologie beruht, sondern der Theologie durch den Druck eines methodologischen Imperialismus aufgezwungen worden ist, den das Modell der Naturwissenschaft ausübt.“ (19)

„Die religiöse Begegnung mit der Wirklichkeit, das letztgültige Anliegen oder das, was uns unbedingt angeht, kann von zwei Seiten betrachtet werden. Es kann als ein Ereignis neben anderen Ereignissen gesehen werden, das beobachtet und aus theoretischer Distanz beschrieben werden kann. Oder es kann als ein Ereignis verstanden werden, an dem der Betrachter existentiell teilhat. Im ersten Fall haben wir es mit dem Religionsphilosophen, im zweiten mit dem Theologen zu tun.“ (21)

„In der Kirchengeschichte findet sich der theologische Zirkel in der Behauptung ausgedrückt, dass der Glaube Voraussetzung der Theologie sei (pistis geht der Gnosis voraus, wie die Alexandriner sagten, oder credo ut intellegam, wie Anselm es, Augustin folgend, ausdrückte).“ (23)

„Das ursprüngliche Dokument der neuen Wirklichkeit ist die Bibel; der Ausdruck des Lebens, das von ihr bestimmt ist, ist die Tradition. … Es ist die dauernde Aufgabe der christlichen Theologie (zusammen mit der Entwicklung des religiösen und historischen Verständnisses der Bibel), aus dem gesamten biblischen Material die Norm der christlichen Theologie zu entwickeln und diese Norm ebenso auf die Bibel wie auf die Tradition anzuwenden.“ (25)

Es kann „der historische Charakter von Jesus als dem Christus nicht erfasst werden. Es ist bedauerlich, dass eine der grössten Leistungen in der Religionsgeschichte, die radikale Kritik an der christlichen Legende durch die christliche Theologie, die ein ganzes System frommen Aberglaubens zerstörte, zu dem Zweck missbraucht worden ist, dem christlichen Glauben eine pseudowissenschaftliche Grundlage zu geben.“ (27)

„Offenbarung ist die Manifestation des letzten Seins- und Sinngrundes des menschlichen Lebens (und implizit allen Lebens). Sie ist weder eine Frage objektiven Wissens und empirischer Forschung noch rationaler Schlussfolgerung. Sie ist etwas, was uns unbedingt angeht, was unsere ganze Person ergreift und was durch eine Reihe von Symbolen zu uns spricht.“ (28)

„Man kann zwischen zwei Typen der Theologie unterscheiden, der apologetischen und der kerygmatischen. In letzterer wird das Kerygma, die Botschaft, weitergegeben, ausgelegt und entweder in biblischen Begriffen oder in solchen der klassischen Tradition systematisch geordnet. In der apologetischen Theologie wird die Botschaft zu dem vorphilosophischen und dem philosophischen Verständnis der Wirklichkeit in Beziehung gesetzt. “ (31)

„Es ist immer ein Kennzeichen für die beginnende Auflösung einer Theologie, wenn sie die objektive Seite als quasiwissenschaftliche Aussage von der subjektiven trennt und die subjektive Seite als emotionalen ‚Willen zu glauben‘ trotz mangelnden Beweises versteht. Das Problem der Wahrheit kann in der Theologie nicht durch objektive Beweise, sondern nur durch existentielle Kriterien gelöst werden.“ (32)

„Die Methode der Korrelation wird vor allem von der apologetischen Theologie angewandt. Frage und Antwort müssen einander so entsprechen, dass das religiöse Symbol als angemessene Antwort auf eine Frage verstanden werden kann, die mit der menschlichen Existenz gegeben ist…. So wird z. B. die Frage, die mit der menschlichen Endlichkeit gegeben ist, durch Symbole beantwortet, die die Idee von Gott konstituieren.“ (33)

„Wenn die Frage, die in der menschlichen Endlichkeit enthalten ist, die Frage nach Gott ist und die Idee von Gott die Antwort auf diese Frage, dann gewinnt die moderne Existenzanalyse der menschlichen Endlichkeit äusserste Bedeutung für die theologische Behandlung der Gottesidee.“ (34)

„Die Methode der Korrelation  befreit die Christologie von dem Historismus, der den christlichen Glauben an die neue Wirklichkeit auf zweifelhafte historische Wahrscheinlichkeiten zu gründen versucht…“ (34)