Buchbesprechung: Philosophie aus der Sicht biblischer Weltanschauung

David K. Naugle. Philosophy – A Student’s Guide. (Reclaiming the Christian Intellectual Tradition.) Crossway: Wheaton, 2012. 125 Seiten. 8,80 Euro / 5,43 Euro (Kindle-Version).

Um was geht es in der Serie „Reclaiming the Christian Intellectual Tradition“ von Crossway? Sie will aufzeigen, wie der christliche Glaube unser Leben, Denken, Schreiben und unsere Beziehungen beeinflusst. Eine neue Generation auf der Schwelle zum Eintritt in die akademische Welt und in die uns umgebende Kultur soll auf ihre Dienst an Kirche und Gesellschaft vorbereitet werden. Die Einführungen verdeutlichen, dass es möglich ist, gleichermassen das Denken ernst zu nehmen und ein tief hingegebener Christ zu sein. Ich war gespannt, ob Naugle dieser Ankündigung standhalten konnte.

Zunächst war ich angenehm überrascht vom Bekenntnis des Autoren in den ersten Zeilen: Dieses Buch würde dem Leser helfen, die Konturen der christlich-intellektuellen Tradition zu erkennen, und zwar in der augustinischen Form: Der Glaube erneuert den Verstand, die Gnade stellt die Natur wieder her, ja der Glaube erneuert auch die Philosophie. Der Aufbau des Buches ist ebenso nachvollziehbar. Zuerst geht es Naugle darum, die Wichtigkeit der Prolegomena (Vorrede) herauszustreichen und dann die Beziehung zwischen einer christlichen Weltsicht und der regulären Philosophie darzustellen. Die einzelnen Elemente, nämlich Metaphysik, Anthropologie, Epistemologie, Ethik und Ästhetik werden einzeln beleuchtet. Wie kann die christliche Philosophie zu einem zuverlässigen Führer für diese Disziplinen werden?

Die Prolegomena (Vorrede) ist darum von entscheidender Bedeutung, weil sie sich mit Annahmen, Methoden, Prinzipien und Beziehungen auseinandersetzt. Wer sich diesen Vorbedingungen nicht oder ungenügend bewusst ist, führt sie unhinterfragt in sein eigenes philosophisches Arbeiten ein.  Religiös ausgedrückt handelt es sich um die Vorannahmen des Glaubens, ohne welchen kein Mensch auskommt. Was sind die grundlegenden Vorannahmen einer biblischen Weltsicht? Kurze Auflistungen wie diese gehören zum wertvollen Kern dieses Büchleins.

  • Es existiert eine wesentliche Unterscheidung zwischen dem unendlichen Schöpfer und dem endlichen Gschöpf.
  • Der Kosmos ist kein neutraler Ort, er gehört Gott.
  • Die Lehren von Schöpfung und Erlösung sind eng miteinander verknüpft. Die Gnade (Erlösung) stellt die Natur (Schöpfung) wieder her.
  • Die Erlösten stehen in einer Spannung zur nicht erlösten Umgebung, weil sie in eine andere Richtung gehen (Antithese).
  • Gott erweist allen Geschöpfen Gunst durch seine natürlichen Gaben wie Sonne, Regen, Nahrung etc.

Die christliche Metaphysik wird geprägt trinitarischen Theismus. Was zeichnet diesen aus?

  • Gott offenbart sich durch Worten und Taten in der Geschichte, festgehalten in der Bibel.
  • Der theistische Gott ist persönlich, transzendent, immanent und erhaben (supreme).
  • Gott ist eine unteilbare göttliche Substanz, und er existiert in drei unterscheidbaren, göttlichen, einander gleichgestellten, ewigen Personen. („God is one, indivisible, divine substance, yet he subsists as three distinguishable co-divine, co-equal, and co-eternal persons.“)
  • Die Lehre der Schöpfung spielt eine wichtige Rolle. Sie ist Schauplatz des göttlich-menschlichen Dramas.
  • Gott ist der Referenzpunkt aller Realität. Das spiegelt sich schön im Wort Uni-versum (Einheit und Vielfalt).

Die philosophische Anthropologie war für mich der am wenigsten ergiebige Teil. Das mag damit zusammenhängen, dass ich mich schon intensiv mit ihr auseinandergesetzt hatte. Die verschiedenen Aspekte sind um den zentralen Gedanken gruppiert, dass der Mensch ein Mikrokosmos darstellt, der zum Makrokosmos passt. Auch seine eigene Geschichte fügt sich in der grossen Geschichte ein. Die biblische Anthropologie ist weder übermässig pessimistisch (Überbetonung der Sünde) noch zu optimistisch (Überbetonung der Ebenbildlichkeit). In Gottes Bild geschaffen zu sein heisst, in unserer Totalität, also in Substanz, Beziehungen und Funktion ihm ähnlich zu sein. Eine besondere Bedeutung kommt der Menschwerdung Jesu zu (57).  In ihm ist menschliche Ganzheit verkörpert (Anthropologie), Glaube und Verstand versöhnt (Epistemologie). Er vereinigte Himmel und Erde, indem er auf der Erde Gottes Gegenwart und Herrlichkeit einführte (Metaphysik). Er verband auch Fakten und Werte (Ethik). In ihm stellte die Gnade die Natur wieder her (Soteriologie und Eschatologie).

In der Epistemologie gab es mehrere interessante Facetten. Wir alle leben, so Naugle, in einem epistemologischen „Nebel“ (62). Die Medien tragen ihren Anteil für die Verschleierung bei – ein weiterer Aspekt, der mich zum Nachdenken brachte. Naugle nimmt auch zur Unterscheidung zwischen allgemeiner und spezieller Offenbarung (durch die Schöpfung bzw. durch die Schrift) Stellung. Im Hinblick auf eine erneuerte Sichtweise durch den Zugang zur speziellen Offenbarung meint er, dass die allgemeine Offenbarung gerade so viel bereithalte wie die spezielle (66). Das ist eine Aussage, über die man debattieren möchte. Naugle streicht zudem die Verbindung zwischen Erkenntnis und Interesse heraus. Auch hier führt die Erlösung zu einer fundamentalen Neuordnung dessen, was uns anspricht und anzieht.

Die Ethik stellte zumindest in der Vergangenheit das Endziel der Philosophie dar („ethics … was the end game of philosophy.“ 74) Naugle fokussiert gleich auf die wichtige These des Naturrechts: Jedermann ist dazu in der Lage zu betrügen, aber niemand wird gerne betrogen. Wie schon in anderen Teilen stellt beschreibt er das Metanarrativ der Schrift als Rahmen für die Ethik. Von Anfang bis zum Ende werden Tugenden vorgeführt, die für das Leben von Gottes Bundesvolk und für die Kirche verbindlich waren und sind (78). Ebenso nachdrücklich betont Naugle, dass die christliche Philosophie Gott als das grösste Gut hinstellt und dass – ganz im Sinne von Augustinus – nur in ihm das wahre Glück gefunden werden kann.

Interessant – und für mich zuweilen etwas spekulativ – sind die Erläuterungen zur Ästhetik. Kein Wunder nahm Naugle Anleihe bei der Vorlesung Abraham Kuypers über die Kunst (in „Lectures in Calvinism“). Zwei Fragen stehen im Zentrum: Wenn sich Schönheit an Gott orientiert, können dann normative Aussagen gemacht werden? Naugle bejaht dies (und ich pflichte ihm bei). Die Schöpfung enthält  zahlreiche Hinweise. Wir haben uns stark daran gewöhnt, dass Kunst hässlich und ekelerregend sein muss, um wirkliche Kunst zu sein. Die zweite Frage betrifft uns als ästhetische Wesen: Welche Gesamtwirkung hat Kunst auf uns? Der Autor nennt u. a. diese: Kunst hat die mystische Aufgabe, uns an die verlorene Schönheit zu erinnern und einen Vorausblick auf die kommende zu schenken (94).

Im abschliessenden Kapitel bespricht Naugle etwas Zentrales: Die Haltung eines Philosophen. Dabei nimmt er v. a. auf die griechischen Denker Bezug. Plato hatte zu Recht Bedenken (er äussert sie in seinem Werk „Republik“), dass Philosophie einen Menschen seiner Herkunft entfremdet, ihn arrogant und skeptisch macht. Die Philosophiegeschichte hat ihm Recht gegeben. Deshalb war es auch mein Gebet, dass ich mir gerade als philosophischer Theologe  bewusst bleibe, wozu meine ganze Arbeit dient. Sie muss auf Gott ausgerichtet bleiben und seinem Volk dienen. Es erfordert zudem meine Bereitschaft, für unangenehme Positionen hinzustehen und Leiden in Kauf zu nehmen.