Tillich: Theologie als Funktion der Kirche

Quelle: Paul Tillich. Systematische Theologie. Band I. Evangelisches Verlagswerk: Stuttgart, 1955. (9ff)

Der erste Satz von Tillichs Spät- und Hauptwerk (seine meisten Schriften basieren sonst auf Vorlesungen und Vorträgen) enthalten ein erstaunliches Bekenntnis:

Theologie ist eine Funktion der christlichen Kirche; sie muss den Erfordernissen der Kirche entsprechen.

Dieser Anspruch ist sicherlich gerechtfertigt. Was sieht denn Tillich als das zentrale Erfordernis für eine Theologie, welche diese Funktion erfüllt?

Ein theologisches System muss zwei Grundbedingungen erfüllen: es muss der Wahrheit der christlichen Botschaft Ausdruck verleihen und es muss dieser Ausdruck der jeweiligen Generation adäquat sein. Theologie steht in der Spannung zwischen zwei Polen, der ewigen Wahrheit ihres Gegenstandes und der Zeitsituation, in der diese Wahrheit aufgenommen werden soll.

Auch hier erntet Tillich meine Zustimmung. Es obliegt dem Theologen, die Wahrheit Gottes in die Situation hinein zu sprechen. Nach Tillich tendieren die meisten Theologen auf eine Seite.

Die meisten Theologien genügen nur einer von diesen beiden Grundbedingungen. Entweder opfern sie Teile der Wahrheit oder sie reden an der Zeit vorbei.

Überbetonungen, so füge ich hinzu, sind wegen unserer Sündhaftigkeit unvermeidlich. Doch Tillich geht noch weiter:

Es gibt auch theologische Systeme, die beide Fehler zugleich machen. Besorgt, die ewige Wahrheit zu verfehlen, setzen sie kurzerhand mit einer grossen Theologie der Vergangenheit gleich, mit überlieferten Begriffen und Lösungen, und versuchen nun, diese einer neuen und gewandelten Situation überzustülpen. Sie verwechseln die ewige Wahrheit mit einer ihrer zeitlichen Ausformungen (engl. „temporal expression“).

Über diese Sätze bin ich gestolpert. Weshalb muss die ewige Wahrheit zeitlich unterschiedlich ausgeformt werden? Ist das eine valable Unterscheidung? Tillich benennt gleich ein Beispiel:

Eben darum handelt es sich bei der Orthodoxie in Europa, die man in Amerika unter dem Namen Fundamentalismus kennt. Wenn es dann geschieht, dass sich dieser Fundamentalismus mit einem Vorurteil gegen theologisches Denken überhaupt verbindet, wie z. B. im evangelistischen Biblizismus (engl. „biblicistic-evangelical form“), dann wird die theologische Wahrheit von heute und morgen ins Feld geführt.

Wenn ich Tillich hier richtig verstehe, wendet er sich gegen einen Biblizismus in evangelischer (evangelikaler?) Form, so wie er ihn aus den USA kannte. Dieser verweigere sich theologischem Denken an sich. Dieser Vorwurf ist tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen.

Der Fundamentalismus versagt vor dem Kontakt mit der Gegenwart und zwar nicht deshalb, weil er der zeitlosen Wahrheit, sondern weil er der gestrigen Wahrheit verhaftet ist. Er macht etwas Zeitbedingtes und Vorübergehendes zu etwas Zeitlosem und ewig Gültigem.

Tillich sieht hier eine Verkehrung zwischen den Kategorien „zeitlose Wahrheit“ und „gestrige Wahrheit“. Diese kategorische Unterscheidung stelle ich in Frage. Tillich selbst hat den Inhalt der christlichen Botschaften mit neuen Begriffen versehen (berühmt ist zum Beispiel das „Neue Sein“ seiner Christologie) und gleichzeitig die Inhalte mit verändert. Wenn man seine eigene Unterscheidung anwendet, hat durch eine Überanpassung an die Situation an der ewig gültigen Wahrheit gedreht.

Er (der Fundamentalismus) hat in dieser Hinsicht dämonische Züge, er zerstört das demütig-aufrichtige Suchen nach der Wahrheit, ruft bei seinen denkenden Bekennern eine Bewusstseins- und Gewissensspaltung hervor und macht sie zu Fanatikern weil die dauernd Elemente der Wahrheit unterdrücken müssen, deren sie sich dunkel bewusst sein.

Die biblische Wahrheit ruft niemals ein Unterdrücken der Wahrheit hervor, im Gegenteil. Der nicht mit Christus versöhnte Mensch muss die Wahrheit unterdrücken (Röm 1,18), weil er das Licht Gottes scheut (vgl. Joh 3,19-20). Die wahre Wahrheit (um einen Ausdruck von Francis Schaeffer zu gebrauchen) hält der Realität nicht nur stand, ihr ist auch kein Gebiet dieses Lebens fremd.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft ein individualistisches Verständnis von Theologie. Die ‚Situation‘ wird nicht auf den Einzelnen, sondern auf die gesellschaftliche Gesamtsituation bezogen:

… Die ‚Situation‘ als der eine Pol aller theologischen Arbeit bedeutet nicht den empirischen psychologischen oder soziologischen Zustand, in dem sich ein Individuum oder eine Gruppe von Menschen gerade befindet.

Es bedeutet vielmehr die Summe der wissenschaftlichen und künstlerischen, der wirtschaftlichen, politischen und sittlichen Formen, in denen sie das Selbstverständnis ihrer Existenz zum Ausdruck bringen.

Darum trennte Tillich Theologie von Verkündigung und Seelsorge.

… Theologie ist etwas anderes als Verkündigung oder Seelsorge. Deshalb ist die Brauchbarkeit einer Theologie für die Predigt oder die Seelsorge keinesfalls das Kriterium ihrer Wahrheit. Die Tatsache, dass orthodoxe oder fundamentalistische Formeln in einer Zeit begeistert aufgenommen werden, wo sich der Einzelne wie die Gemeinschaft Verfallszuständen gegenübersehen, ist durchaus kein Beweis für ihren theologischen Wert, – ebenso wenig wie die allgemeine Zustimmung zur liberalen Theologie in Zeiten der Konsolidierung ein Beweis für ihre Wahrheit ist.

Die Situation, um die es in der Theologie geht, ist vielmehr das schöpferische Selbstverständnis der Existenz, wie es sich in jeder Geschichtszeit unter den verschiedensten psychologischen und soziologischen Umständen vollzieht.

… die Theologie hat es mit dem geistig-kulturellen Gesamtausdruck zu tun…

Ich habe mir zwei Fragen gestellt:

  1. Warum das entweder-oder? Gottes Wort adressiert sowohl das Kollektiv als auch einzelne Personen (man denke etwa an die Propheten).
  2. Wie soll Theologie eine Funktion der Kirche bleiben, wenn sie von Verkündigung und Seelsorge abgetrennt wird?