Buchbesprechung: Francis Schaeffer über das christliche Leben

William Edgar. Schaeffer on the Christian Life. Crossway: Wheaton, 2013. 206 Seiten. 14 Euro (6,60 Euro für Kindle)

Bevor ich das Buch im Zug zur Hand nehmen konnte, setzte sich eine Dame neben mich. In dem Moment wusste ich, dass nicht Ruhe, sondern Gespräch angesagt war. Schon vor dem Lesen war ich zur Umsetzung aufgefordert! Dieses Buch ist Teil einer Serie „… on the Christian Life“. Es geht darum, einen thematischen Zugang zu bekannten Autoren (wie Calvin, Wesley oder Bonhoeffer) zu erhalten. William Edgar, Professor für Apologetik am Westminster Theological Seminary, ist mit dem Autoren nicht nur durch sein Fachgebiet verbunden. Francis Scheffer war in den 60er-Jahren sein „geistlicher Geburtshelfer“. Das Buch ist ein Beweis mehr dafür, dass das wirkliche Vermächtnis Schaeffers nicht seine Bücher und Tonbänder, sondern Menschen sind.

In den ersten drei Kapiteln führt der Autor anhand der eigenen Geschichte und biografischen Schlaglichtern in das Leben von Schaeffer ein. Wer bereits die Biografien von Edith Schaeffer „L’abri“ oder „The Tapestry“ oder von Colin Duriez „Francis Schaeffer: An Authentic Life“ gelesen hat, für den wird sich so viel Neues nicht finden. Trotzdem haben diese Kapitel mein Herz erwärmt. Als ich Edgars Schilderung seiner Bekehrung gelesen habe, legte ich das Buch eine Weile weg, um zu beten. Edgar erinnert sich an das Lächeln und die persönliche Einladung Schaeffers inklusive Vorbereitungauftrag: Er sollte sich eine Frage fürs Gespräch beim gemeinsamen Frühstück überlegen. Durch solche Zeugnisse bin ich immer wieder ermutigt worden, zuzuhören, zu fragen und Zeugnis für den Glauben abzulegen (siehe 55 Minuten zuhören, 5 Minuten antworten; Die Suche nach dem Spannungspunkt; Vier Fragen zum biblischen Glauben).

Edgar verzichtet trotz der persönlichen Nähe auf Heldenverehrung. Die Studienmethode Schaeffers fasst er nüchtern als „informelle Sammlung von Schrift, Menschen, Artikeln und Ausschnitten“ zusammen (Pos. 303). Hilfreich waren die Erklärungen über Schaeffers kirchlichen Hintergrund, so etwa die verschiedenen Denominationen und Missionsgesellschaften, denen er zu Beginn seines Dienstes in Europa angehörte und von denen er sich nach Beginn von l’abri bald löste. Edgar beschreibt Schaeffer als einen Menschen, der sich zwar bemühte ein guter Vater zu sein, dem es aber trotz ausserordentlicher Energie angesichts der Vielzahl von Verpflichtungen nur unvollständig gelang (676). Seine Frau Edith beschreibt Edgar als den „versteckten Artisten, der l’Abri zusammenhielt“. Auch Enttäuschungen wie etwa die mässige Wirkung seines gesellschaftskritischen Films („Wie können wir denn leben?“) verschweigt er nicht. Edgar liegt es auch fern, Schaeffer als analytischen Denker darzustellen. Er weist immer wieder darauf hin, dass er grosse Fragen wie etwa die Vereinbarkeit göttlicher Soueränität und dem menschlichen Willen nicht mit der Logik eines analytischen Philosophen anging. Das hiess jedoch nicht, dass er dadurch tiefer, durch zahllose Gespräche gereifter Antworten entbehrte!

In den Kapiteln 4-6 analysiert Edgar das wichtige Buch „True Spirituality“ (dt. „Geistliches Leben, was ist das?“). Er beginnt damit, einige Basisthemen Schaeffers zu nennen. Ich führe diese auf, weil es gut tut, sich an sie zu erinnern. Zudem wird mir bewusst, dass sie innerhalb von Evangelikalen nicht mehr einfach zum „Standard“ gehören.

  • Die Voraussetzung für geistliches Leben: Jemand muss wirklich Christ sein!
  • Den Unterschied zwischen wirklicher moralischer Schuld und Schuldgefühlen
  • Das stellvertretende Sühneopfer Christi in Raum und Zeit
  • Die Natur des Glaubens: Kein irrationaler Sprung
  • Die Autorität der Bibel

Ebenso nennt Edagr sieben Elemente, die nach Schaeffer eine biblische Weltanschauung prägen:

  1. Sie gründet im dreieinen Gott.
  2. Das Universum ist Gottes Schöpfung.
  3. Der Sündenfall ist die Katastrophe, die alles verändert hat.
  4. Jesus ist Gottes Sohn und wahrer Mensch.
  5. Glauben empfangen wir mit leeren Händen.
  6. Die Heiligung geschieht kontinuierlich.
  7. Die Verherrlichung steht noch aus.

Erst auf diesem Hintergrund lässt sich eine solide Sicht des christlichen Lebens entwickeln. Als Schlüsselbegriff Schaeffers nennt Edgar die „Wirklichkeit“ (reality). Es besteht eine objektive Wahrheit der Welt und ihres Schöpfers. Ebenso ist die Existenz des Bösen Wirklichkeit. Immer wieder greift Schaeffer auf den Vergleich mit den beiden Stühlen zurück. Für den Nichtchristen gibt es nur die sichtbare Wirklichkeit (der eine Stuhl), für den Christen ist jedoch die unsichtbare Wirklichkeit (der zweite Stuhl) ebenso real. Leider verhalten sich manche Christen so, als ob es nur einen Stuhl gäbe. Die Freiheit des Christen ist Ausdruck der Realität, die sich zuerst in seinem Innern abbildet. Sie lässt sich, wie Schaeffer am Anfang von „True Spirituality“ aufzeigt, auf zweifache Art überprüfen: Ob wir eine tiefe Befriedigung in Gott finden und ob wir unsere Nachbarn lieben. Der Tod und die Auferstehung Christi bilden die Basis der Wirklichkeit des christlichen Lebens. Im zweiten Teil des Buches „True Spirituality“ wendet Schaeffer diese Realität auf die durch die Sünde entstellten Beziehung des Menschen zu sich selbst und anderen (Ehe, Kirche) an. Die Realität von Christi Wirken triumphiert über die Sünde. Dies zeigt sich etwa bei körperlichen oder psychischen Problemen nicht in einer vollständigen, sondern einer substanziellen Heilung.

Im dritten Teil (Kapitel 7-10) weitet Edgar den Fokus aus: Was bedeutet das geistliche Leben für das Gebet, für Zeiten der Bedrängnis und des Leids, für das Leben innerhalb der Kirche und für das kulturelle Engagement? Erbaulich ist etwa die Zusammenfassung von vier Predigten Schaeffers zum Gebet. Was die Botschaft unvergleichlich stärkte, war Edgars Erleben des Gebets in l’abri als tägliche unverzichtbare Selbstverständlichkeit. Edgar selbst hat diese Gewohnheit seither beibehalten.

Von besonderem Interesse waren für mich die kurzen Einwürfe Edgars, in denen er die Verbindung Schaeffers zur neocalvinistischen Bewegung aufzeigt. Der Einfluss sei nur indirekt zu spüren. Schaeffer benützte zum Beispiel den Begriff der allgemeinen Gnade nicht, er arbeitete aber mit äquivalenten Kategorien. Ebenso lag die Betonung viel weniger auf dem Kulturmandat als bei Abraham Kuyper. Schaeffer legt die Betonung auf die Auswirkung von christlichen Ideen auf alle Bereiche des Lebens.

Neu war für mich die Kritik an Schaeffers Lehre der Kirche. Sie sei zu wenig ausgearbeitet gewesen. Der Reiz Schaeffers habe für viele eben darin bestanden, dass man orthodox und zur gleichen Zeit authentisch-anders (eine Wortkonstruktion von mir) sein konnte. Auch wenn Schaeffer bezüglich Lehre der Kirche manche Frage unbeantwortet liess, so hat er mir doch mit seinen grundsätzlichen Überlegungen zu Form und Freiheit sehr geholfen. Die kurzen Abhandlungen „The True Marks of a Christian“ und „The Church before the Watching World“ mit ihrem Ruf zu Reinheit ebenso wie zu liebevollem Umgang lassen die eigenen Erfahrungen Schaeffers durchschimmern. Sie sind jedoch unverändert wichtig für unsere Generation, die von einer Kultur des Beleidigtseins und lehrmässigen Laxheit geprägt ist. Schaeffers Dienst galt speziell denjenigen „Kindern der Kirche“, welche sich der Auswirkungen der (neoorthodoxen und liberalen) Theologie gar nicht bewusst waren. Die geistliche Not Europas nach dem Krieg stand ihm vor Augen. Insofern dürfte er 50 Jahre später so aktuell wie damals sein.

Ich selber habe Schaeffer persönlich nicht gekannt. Trotzdem prägt er mein eigenes Leben und motiviert mich, die biblische Botschaft auf die Fragen der Zeit anzuwenden. Dieses Blog selbst ist eine Frucht hiervon.