Aus den Medien: Ersatzgottesdienst

Früher reisten Bands im kleinen Van an, heute werden Sattelschlepper benötigt. Zürich wurde dieses Wochenende von den Rolling Stones „heimgesucht“. Der Auftritt im Letzigrund-Stadion war kaum zwei Kilometer von unserem Zuhause entfernt. Fetzen der Musik drangen gestern Abend bis zu uns durch. Wir informierten uns als Familie über den Spektakel. Für mehr Informationen siehe

  1. Tagesanzeiger „Wie viel die Rolling Stones in Zürich kassieren“
  2. Blick „So relaxen die Rolling-Stones vor dem grossen Zürcher Konzert“
  3. Das Schweizer Fernsehen „Letzigrund rüstet sich für Rolling Stones“

Die Zahlen variieren. Wir haben zusammen getragen:

  • Seit 40 Jahren sind die Stars im Geschäft, mit dem Jumbo kommen sie samt einem Teil des Equpiments angeflogen.
  • 40 Trucks rollten durch Europa, 17 alleine für die Bühne.
  • Eine Woche lang wird aufgebaut.
  • 40 m Laufsteg ins Publikum werden aufgestellt.
  • 30 Bühnentechniker und 1600 lokale Mitarbeiter sind beschäftigt.
  • 48’000 Zuschauer ergatterten sich innert Minuten eines der begehrten Tickets.
  • 268 Franken betrug der durchschnittliche Ticketpreis.
  • 6 Millionen Gage bekommen die Rocker.
  • Die Stars logieren im Nobelhotel Dolder, wo sie drei Stockwerke belegt haben.
  • Die Zuschauer reisen in Extrazügen an.

Luxusdinner, Luxusloge oder Bier und Wurst, vielleicht noch ein Besuch im Klub nach dem Konzert. Was soll man dazu nur sagen? Konsum-Maschinerie, Massen-Betäubung, Ersatz-Identität. Das sind Begriffe, die mir dazu in den Sinn kommen. Es geht letztlich um eine Ersatzbefriedigung für die wahre Freude. All dies fand am Sonntag statt, an dem die Christen seit zwei Jahrtausenden Gottesdienst feiern. Das liess doch die Frage aufkommen: Geht es hier um einen Gottesdienst-Ersatz?

Ich bin unwillkürlich an den „Kreislauf des (post)modernen Konsumstrebens“ erinnert.

  1. Die Ausgangslage: Innerliche Unruhe und Anspannung; die Leere fühlt sich unangenehm an.
  2. Die Zielreise: Es muss ein Ziel definiert werden, um diesem Zustand Abhilfe zu schaffen.
  3. Die Reise: Vorfreude auf das Happening, wandernde Gedanken, Austausch mit Freunden über SMS, FB-Einträge etc.
  4. Die Rückschläge: Der Druck des Arbeitsalltags und Beziehungsstress im direkten Vorlauf verstärkt das Verlangen nach dem Happening.
  5. Die Zielerreichung: Der eigene Schmerz kann für kurze Zeit betäubt werden. Zurück vom Anlass, stellt sich die Leere wieder ein.
  6. Die Re-Initalisierung: Zurück auf Feld 1. Das nächste Ziel muss definiert werden.

Für die nächsten Tage stellt sich mir die Herausforderung: Wie kann ich inmitten einer ausgefüllten Woche nach der wahren Freude streben? Wie kann auch Montag bis Freitag Wirklichkeit werden, was Asaph geschrieben hat:

Wen habe ich im Himmel [außer dir]? Und neben dir begehre ich nichts auf Erden! Wenn mir auch Leib und Seele vergehen, so bleibt doch Gott ewiglich meines Herzens Fels und mein Teil. (Psalm 73,25-26)