Buchbesprechung: Aristoteles – Lehrer des Abendlandes

Hellmut Flashar. Aristoteles. Lehrer des Abendlandes. C. H. Beck: München, 2013. 416 Seiten. Euro 21,99 (Kindle-Version).

Als Ron Kubsch die Aristoteles-Monographie auf www.theoblog.de ankündigte, setzte ich sie gleich auf meine Merkliste. Aristoteles‘ Bedeutung für die Philosophiegeschichte ist kaum zu überschätzen. Dass der Autor als Philologe seine Arbeit mit der 40-jährigen Erfahrung als Herausgeber der Deutschen Aristotels-Gesamtausgabe anging (wie er im Vorwort schreibt), weckte zusätzliches Interesse. „Das heisst nicht, dass er den philosophischen Problemen aus dem Weg geht, aber deren Erörterung stärker auf das Werk und dessen Eigenarten bezieht.“ (7) Flashar stellt einen mustergültigen Standard für eine sorgfältige Auswertung der Quellen auf. Bei vielen Philosophen und Theologen ist dieses Vorgehen (leider) keine Selbstverständlichkeit.

Den ersten Einblick gewann ich durch eine kompakte Darstellung des Lebens bzw. dessen, was wir aufgrund der Primär- und Sekundärliteratur darüber wissen. Die Darstellung weist manche Lücken und Unklarheit auf. Aristoteles entstammt einer vornehmen Familie. Der Vater war Leibarzt am Hof des makedonischen Königs (15). Mit 17 Jahren wurde Aristoteles von seinem Vormund nach Athen geschickt, um an der Akademie Platons zu lernen. Platon war schon 20 Jahre dort, als A. dort eintraf, um 20 Jahre seines Lebens dort zu bleiben. Platon zeigte sich „tolerant in der Respektierung anderer Meinungen“. Alle Platonschüler, die wir kennen, wichen in entscheidenden Fragen von Platon ab. „Der schärfste Kritiker war aber Aristoteles“ (22). „Platon ertrug ihn nicht nur, sondern liess sich von ihm auch anregen“ (23). Aristoteles schrieb wesentlich schneller als Platon, in seinem deutlich kürzeren Leben erreichte er dessen doppelten Umfang. Die „Dialoge“, in denen sich A. neu für die damalige Zeit selbst als Gesprächspartner einführt, zeigen sein Bestreben „alle in der Akademie diskutierten Themen und Probleme auch nach aussen hin in der für ein breiteres Publikum angemessenen Form darzustellen“ (28).

Als Eingewanderter ohne volles Bürgerrecht in Athen dürfte Aristoteles sich aus Politik herausgehalten haben. Er unterhielt jedenfalls weiterhin Beziehungen zum makedonischen Königshof.  Die antimakedonische Stimmung dürfte dann auch den Ausschlag gegeben haben, dass er Athen verlassen musste. Er ging zu Hermias, einem Herrscher in einer kleinasiatischen Provinz mit Beziehungen zu Platon. Mit 38 Jahren hat A. dessen Stieftochter geheiratet. Es ist unsicher, ob die beiden Kinder von ihr stammten oder von seiner Haushälterin. Die neben Platon und Hermias einflussreichste Person im Leben von A. war Theophrast. Mit ihm stellte A. zahlreiche Untersuchungen an. Überhaupt sammelte A. eine Menge Erkenntnisse durch Beobachtungen in der Natur. Von Legenden umrankt ist sein Einfluss auf Alexander den Grossen. Flashar schätzt A. Einfluss auf den späteren Welteneroberer als hoch ein. Die Lehrtätigkeit musste so ausgestaltet gewesen sein, dass A. noch viel Zeit für eigene Forschung übrig blieb.

A. kehrte schliesslich nach Athen zurück und begann dort eine öffentliche Lehrtätigkeit. Er besass eine riesige Bibliothek, nicht umsonst trug er den Spitznamen „der Leser“ (54).  Neben zahlreichen öffentlichen Vorlesungen überarbeitete er laufend frühere schriftliche Entwürfe. Überhaupt stürzte er sich nach dem frühen Tod seiner Frau in die Arbeit (57). Von seinem Werk ist rund die Hälfte erhalten geblieben. Er starb mit 63 Jahren und hinterliess ein Testament, das uns erhalten ist und ein ansehnliches Vermögen verrät.

Der Hauptteil des Buches besteht in einem thematisch angeordneten Durchgang durch sein Werk. Dies ist genau das, wonach ich gesucht hatte. Mit Bedacht zeigt Flashar in jedem Kapitel die Quellenlage auf, erläutert die Struktur der Werke, um durch die einzelnen Teile zu gehen und am Schluss Wert und Relevanz kurz aufzuzeigen und zu kommentieren. Oftmals folgen einige wichtige Hinweise auf die spätere Forschung und Weiterentwicklung seiner Ideen. Von besonderem Interesse waren für mich die Kapitel

  • „Ethik – Wege zum Glück“ (3.): Neben dem Tugendbegriff war ich gefesselt durch die Überlegungen von A., ob es „ein oberstes Gut gibt, ein Endziel, das nicht partikular durch Ausübung einer berufsmässigen Tätigkeit und auch nicht als Mittel für einen noch übergeordneten Zweck erstrebt wird, sondern das das oberste Ziel für den Menschen als Menschen ist“ (72-73). Tugend war für A. „eine feste Grundhaltung des Charakters, die sich aus Gewöhnung ergibt“ (77). Die Ethik für A. ist eine Ethik ohne explizite Metaphysik (78). Der „diesseitige, aufgeklärte Charakter der aristotelischen Ethik lässt die Eusebeia beiseite“ (84). A. war vom Gedanken nach dem rechten Mass getrieben. Die Übersichtstabelle mit den Tugenden (79) gehört zu den wertvollsten Stellen des Buches. „Es tritt uns ein ideales und zugleich wirkliches Menschenbild entgegen.“ (83) Die Abschnitte der Nikomachischen Ethik zur Gewöhnung werde ich genau studieren, da ihre Relevanz für das Thema des Lernens erheblich ist. Ein weiterer Untersuchungsgegenstand ist das wahre Glück des Menschen, das für A. „im Sinne des ethisch wertvollen Handelns tätig sein, und zwar kraft freiwilliger Entscheidung, mit Lust und Freude, mit abwägender Besonnenheit, unter Freunden in politischer Verantwortung“ (102) bedeutete.
  • „Rhetorik – Theorie der öffentlichen Rede“ (5.): Wie stand A. zur Sophistik, welche die Rhetorik als „Kunst der Eristik, der Fähigkeit ’schwächere Sache zur stärkeren zu machen'“, also zu manipulieren, auffasste (140)? Für Plato war Rhetorik zur „Chiffre oder zur Metapher für Philosophie“ (143) geworden. A. entwickelte drei Redeformen, nämlich die Gerichtsrede (das Gerechte), die Ratsrede (das Gute) und die Festrede (das Schöne), siehe die Darstellung auf S. 145. Da ich selber oft Reden zu halten habe, las ich aufmerksam die Empfehlungen von A., wonach „um einer besseren Wirkung … willen“ sich der Redner „mit der Anführung der Prämissen zu begnügen und es dem Hörer“ überlassen sollte, „den Schluss auf den vorliegenden Einzelfall zu ziehen oder gelegentlich auch eine der Prämissen wegzulassen“ (148).
  • „Metaphysik – Erste Philosophie“ (8.): Ein dritter Bereich betrifft die Theologie von A., nämlich seine Lehre vom ersten Beweger. Seine Substanzenlehre „ist zielgerichtet und mündet in einem fortschreitenden Prozess der Reduktion hin zur obersten Instanz des Seins, … zu einem ‚Ersten Bewegenden‘.“ (227) Dieser erste Beweger ist das „Denken“; A. konstruiert also eine ‚Geistmetaphysik‘ (228). „Der Gott des Aristoteles ist, obwohl als ‚Lebewesen‘ bezeichnet, keine Person, sondern ein Denkmodell, er ist kein Weltschöpfer, keine Macht des Schicksals; er ist ohne Materie. Obwohl sein Wesen reine Wirklichkeit ist, kümmert er sich um die Welt nicht, wie er auch seinerseits unbeeinflussbar ist, man kann keine Gebete an ihn richten.“ (230) Alle Prozesse in der Welt der Erscheinungen sind „teleologisch orientiert“ (245). Hier interessiert mich weiter zu erfahren, wie späteren christlichen Denkern die Intergration und Differenzierung zum christlichen Theismus gelang.

Als ich das Buch meiner Frau zeigte, meinte sie: „Dieses Buch gefällt dir wohl.“ Und meinte damit, dass es nicht eben die Lektüre für jedermann darstelle. Ich wage einen kleinen Widerspruch. Nicht jeden wird dieses Buch gleichermassen interessieren. Stil und Sprache sind jedoch ansprechend. So manches Buch, das im Vorwort auch für „normale Leser“ angepriesen wird, entpuppt sich dann doch als Insidergeschichte. Nicht so bei Flashar. Mit Musse und einer Portion Neugier für Geschichte lässt sich dieses Werk gut angehen. Dazu trägt bei, dass es 350 Seiten nicht übersteigt. Bei einigen Themen dachte ich: „Das muss ich später nochmals lesen.“ Gerade das Kapitel über die Logik war dann doch etwas viel Neuland! Über das Endnotenverzeichnis hinaus enthält das Buch ein gut gegliedertes Literaturverzeichnis, das ich immer wieder konsultierte. Zu jedem Kapitel werden die wichtigen Sekundärquellen aufgeführt. Dies ist noch wichtiger als das für ein solches Buch übliche Stichwortverzeichnis. Einige Texte sind (in einer älteren Übersetzung) auf dem Netz verfügbar, z. B. die Nikomachische Ethik in einer Übersetzung durch Adolf Lasson von 1909.