Buchbesprechung: Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten

Bruno Kreisky. Zwischen den Zeiten. Siedler-Verlag: Berlin, 1995. 494 Seiten. Gebraucht ab 0.01 Euro

Wie komme ich darauf, die Biografie eines österreichischen Politikers aus dem 20. Jahrhundert zu lesen? Bei meinem Besuch in Wien stiess ich in einer Ausstellung über die Kindheit im Kaiserreich des 19. Jahrhunderts auf ein Zitat von Bruno Kreisky (1911-1990). Neugierig geworden, besorgte ich mir seine Memoiren. Darin bespricht er seine Erinnerungen aus fünf für sein Land entscheidenden Jahrzehnten: Den letzten Jahren des Kaiserreiches, des Ersten Weltkriegs, der Zwischenkriegszeit, des Zweiten Weltkriegs und der ersten Zeit danach bis zum Staatsvertrag von 1955.

Eine Biografie ist für mich ein Fenster zu einem anderen Leben, einer anderen Zeit, anderen Perspektiven, anderen politischen und religiösen Überzeugungen. Kreisky spricht an einer Stelle davon, dass er im Gefängnis die Gelegenheit hatte, Menschen näher kennenzulernen, die er sonst nie getroffen hätte. Er stellte ihnen Fragen, wollte beispielsweise wissen, wie sie zu ihren politischen Überzeugungen gekommen waren (262). Das Vertiefen in eine solche Erzählung ermöglicht mir ähnlich das Nachspüren von ganz anderen Denkvoraussetzungen. Ich halte wie gewohnt den Stift bereit, um von Einsichten und Ideen zu profitieren.

Die hauptsächliche Verbundenheit mit Kreisky besteht wohl darin, dass ich mit ihm eine ähnliche Leidenschaft zum Lesen teile. Es verging kein Tag oder besser gesagt keine Nacht, in der er sich nicht mindestens eine Stunde Zeit für die Lektüre genommen hätte. „Eine Facette meiner Zugneigung zu Büchern ist meine grosse Lust, selbst zu schreiben und zu fabulieren. Dieser Lust am Schreiben hätte ich in besonderer Weise huldigen können, wenn es zur Erfüllung meines ursprünglichen Berufswunsches gekommen wäre: Journalist zu werden.“ (84) Dieser Leidenschaft konnte er allerdings in anderem Zusammenhang ausgiebig frönen. Über die Jahre und Jahrzehnte entstanden zahllose Flugblätter, Reden und Artikel. In Erinnerung bleibt mir ein konspiratives Treffen nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1934, als er in Windeseile einen schicksalshaften Text für eine verbotene Ausgabe der Arbeiterzeitung verfasste.

Ebenso eindrücklich bleibt für mich das Bekenntnis Kreiskys nach Zusammenbruch seiner Partei: „Ich habe an diesem 12. Februar 1934 mit grosser Deutlichkeit erkennen müssen, dass das, was ich für meine Welt hielt, zusammengebrochen war. Eine neue zu finden wäre für mich gewiss einfacher gewesen als für viele andere. Ich hätte mich mehr der Wissenschaft widmen können und eine akademische Laufbahn einschlagen können. Ich hätte wahrscheinlich auch ein ganz guter Advokat werden können. Auch in die Wirtschaft hätte ich gehen können. Es hätte aber auch die Möglichkeit bestanden, ein neues Studium, Medizin, zu beginnen und später ins Ausland zu gehen. … Ich habe das alles nicht getan. Im Bewusstsein, dass meine Welt zerschlagen war, half ich, eine neue im Untergrund aufzubauen.“ (204)

Wie erlebte Kreisky das Gefängnis? „Ich habe immer grossen Wert auf ‚privacy‘ gelegt. Nun sass ich Tag und Nacht mit Leuten beisammen, die ich mir nicht aussuchen konnte. Immer in meinem Leben hatte ich einen Raum für mich allein gehabt, und Einlass fanden nur die, die ich einlassen wollte.“ (250) Und wie nützte man die Zeit? „Ich habe in dieser Zeit viel gelesen, das Gefängnis war, … meine Universität.“ (260)

Hier sind einige Einsichten aus seinem Leben als Politiker:

  • Politik als pädagogische Tätigkeit: „Ich habe vom reinen Politisieren und Polemisieren nie viel gehalten, sondern habe meine politische Tätigkeit unter den Jungen als eine im höchsten Masse pädagogische aufgefasst: Zusammenhänge darzustellen, das zu schildern, was geschieht hinter dem, was zu geschehen schien. Ein Glücksgefühl innerhalb meines Tätigkeitsbereiches habe ich immer dann empfunden, wenn ich den Eindruck gewann, das mit Erfolg getan zu haben.“ (22) Er setzt hinzu: „Meinen Eltern bin ich noch heute überaus dankbar dafür, dass sie mich sehr bald und immer wieder die rauhe Wirklichkeit erkennen liessen.“ (ebd.)
  • An Veränderungen mitarbeiten: „Man hat mir wiederholt den Vorwurf gemacht, ich gehörte zu jenen, die glauben, dass alles machbar sei. Ich habe das niemals als Kritik verstanden, auch wenn es so gemeint war. Vielleicht bin ich sogar deshalb in die Politik gegangen, weil man hier an Veränderungen mitwirken kann.“ (190)
  • Zu den Kommunisten: „Es erfordert ja eine ganz besondere psychologische Struktur, für ein politisches Ziel zu kämpfen, das weit in der Zukunft liegt.“ (149)
  • Politik und Macht: „In der Politik muss man immer wieder abwägen, wo die wirkliche Macht liegt. Wenn man sich Irrtümern hingibt, sind sie folgenschwer.“ (210)
  • Inhalte oder Personen: „Wenn man herauszufinden versucht, warum ein junger Mann oder eine junge Frau einer Partei beitritt, stellt sich die Frage, ob es eher ein Programm und mithin ein Abstraktum oder nicht vielmehr diese oder jene Persönlichkeiten sind, die den einzelnen motivieren, so dass am Ende aus der Begeisterung für die Personen an der Spitze eine Begeisterung für die Sache erwächst.“ (217)

Beobachtungen aus seiner Zeit

  • Fragen in die Zukunft: „Je grösser die Zahl der Arbeitslosen wurde, je mehr sich die grosse Krise verschärfte, desto öfter drehte sich die Diskussion um die Frage: ist das nun eine der grossen Krisen des Kapitalismus, oder ist es schon seine letzte?“ (159)
  • Zur Entwicklung des National-Sozialismus: „Das Bild von der Einheitlichkeit der Arbeiterklasse, wie es in der Frühzeit des marxistischen Denkens geprägt worden war, unterlag einem Verwitterungsprozess, und die Verwirrung war vollständig, als die Arbeiterklasse schliesslich in drei grosse Gruppen sich aufsplitterte: in Sozialdemokraten, die den Kern der privilegierten Arbeiter darstellten – Eisenbahner, Postbeamte, Metallarbeiter, alle, die noch eine einigermassen sichere Beschäftigung hatten; in Kommunisten, die in den  proletarischen Ghettos der Grossstädte immer mehr Zulauf fanden; und in eine geheimnisvolle neue Bewegung sich deklassiert fühlender Kleinbürger. Sie nahmen bedenkenlos die rote Fahne und setzten in die Mitte die Swastika. Sie übernahmen die alten sozialistischen Lieder und unterschoben ihnen einen neuen Text. Und wie die Sozialisten und Sozialdemokraten marschierten sie an den Feiertagen. Nur teilte sie die Kapitalisten in Schaffende und Raffende ein und setzten dem Wort Sozialismus das Wörtchen national voran. Es war wie in der Legende, wonach am Jüngsten Tag der Teufel in Gestalt des Herrn erschien.“ (160)
  • Nicht einfach die Methoden des Gegners übernehmen: „Ein Übernehmen der Nazimethoden wäre eine Veräusserlichung unserer Arbeit und damit eine Verflachung.“ (184)

Was nehme ich mir zu Herzen?

  • Lass dir Zeit beim Reden! „Aber ein Redner das habe ich durch das Zuhören bei (Otto) Bauer gelernt, muss vor allem Zeit haben. Das habe ich so sehr praktiziert, bis es mir zur zweiten Natur wurde. Noch heute neige ich dazu, lieber etwas länger bei einem Punkt zu bleiben, weil mich der Gedanke quält, im Publikum könnten Leute sitzen, die nicht wirklich erfassen, worum es mir geht. Das mag eine Schwäche sein, doch der Lohn war gross.“ (222) „Es mag sein, dass langsames Reden auf manche in meiner Umgebung enervierend wirkt. Aber die pädagogischen Fähigkeiten, die man mir zuspricht, sind vielleicht und unter anderem darauf zurückzuführen. Oft hat man über mich gesagt, den Kreisky könne man verstehen. Dies offenbar deshalb, weil ich den Leuten Zeit zum Mitdenken liess.“ (166)
  • Kein Abstand aufbauen: „Auf eines allerdings habe ich von Anfang an geachtet: Keinen meine intellektuelle Überlegenheit spüren zu lassen, zumal ich gar nicht immer selbst davon überzeugt war. Ich griff immer sehr spät in Diskussionen ein und war sehr froh, wenn ein junger Mann oder eine junge Frau Meinungen geäussert haben, die mir nicht richtig zu sein schienen.“ (138)
  • Zuhören: „Zwangsläufig ist der Politiker schon von seiner Tätigkeit her stark auf die Aussenwelt hin orientiert. Er muss seine Überzeugungen vermitteln und kann es sich nur selten leisten, wirklich zuzuhören. Das ist ja sein Malheur und macht ihn oft ein bisschen zu selbstgefällig. Die Politiker glauben alles am besten zu verstehen und alles über einen Leisten schlagen zu können.“ (262)