Gott ist auch der Herr des Fussballs

WM-Zeiten sind Ausnahmezeiten.

Ich erkenne es bei meinen Söhnen (und erinnere mich an meine eigene Jugendzeit). Man gibt sein ganzes Taschengeld für die Bilder aus. Fertigt sich Listen an, welche Bilder noch fehlen. Bespricht in der Geschwisterschar, von welchen Kollegen welche Bilder eingetauscht, ergattert oder erbettelt werden können. Am Morgen früh gilt es zuerst die Resultate der letzten Spiele zu erkunden. Dann wird eifrig diskutiert, wer stark bzw. schwach spielte. Der brennende Wunsch entsteht, gleich mit dem Fussball auf die Wiese nach draussen zu gehen. Im Bus, in der Gemeinde, in den Freizeitveranstaltungen wird eifrig über Mannschaften und Spieler diskutiert.

Gehen wir zu den Erwachsenen. Sie kaufen sich Trikots. Sie gehen früher von der Arbeit, um sich auf ein Spiel vorzubereiten. Sie trinken Bier, um sich in Stimmung zu bringen. Sie rufen, schreien, gestikulieren. Bis tief in die Nacht nehmen sie sich Zeit, um untätig vor der Leinwand zu sitzen. Kaum einer überlegt sich im Nachhinein nur einen Augenblick, ob sich die Zeit gelohnt hätte. Höchstens nach einer Niederlage der Lieblingsmannschaft stellt sich der Kater ein. Doch es gibt noch viele weitere Spiele.

Lasst mich eines gesagt sein: Gott ist auch der Herr des Fussballs. Er hat nicht nur die Arbeit geschaffen, sondern auch Dinge, die um ihrer selbst willen Freude machen. Das wird beispielsweise daran erkennbar, dass es im Paradies Bäume gab, die „schön zum Ansehen“ waren. Zudem ist es widersinnig, einen gesamten Lebensbereich aus der Herrschaft desjenigen zu verbannen, der alles geschaffen hat. Nicht der Fussball an und für sich ist verkehrt, sondern das, was wir daraus machen. Welchen Platz er in unserem Leben einnimmt.

Werden wir noch konkreter: Soll man sich wegen dem Fussball betrinken? Die Nachtruhe derart verschieben, dass über Tage und Wochen Gebet und Studium von Gottes Wort hintan stehen müssen? Soll man mitfluchen über vergebene Torchancen? Dies sind doch Anzeichen dafür, dass der Fussball den vom ersten Platz verdrängt hat, der uns geschaffen hat.

Ich glaube, dass unser Glaube weder die WM verbannen noch die WM den Glauben verdrängen sollte. Nein, die WM ist Gelegenheit zum geistlichen Wachstum (oder aber zum Anlass dafür, den alten Menschen weiterhin der Sünde zur Verfügung zu stellen). Der Fussball ist hervorragendes Thema für Gespräche: Was bedeutet dir der Fussball? Wann hat dies angefangen? Welches sind für dich die bedeutungsvollsten Momente? Was fühlst du nach der Niederlage deiner Mannschaft? Wie verdaust du sie?

Ich glaube, dass wir uns über ein schönes Spiel freuen dürfen. Gott hat Menschen körperliche Geschicklichkeit geschenkt. Doch Achtung: Es gibt nicht nur siegende, sondern mehr unterlegene Mannschaften. Ja, am Schluss bleibt nur noch eine Equipe übrig. Was passiert beispielsweise mit dem spanischen Goalie Casillas, der nur noch ein blasses Abbild seiner früheren Zuverlässigkeit war? Meine Jungs erklärten mir: Er ist jetzt nur noch 12 Millionen wert und darf nicht mehr in seinem Stammverein spielen (ich habe diese Aussage nicht überprüft).

In einigen Wochen werden die Fussballbilder in den Schubladen verschwinden oder gar im Kehricht gelandet sein. Viele werden sich dann dem nächsten Vergnügen zugewendet haben. Ein Fingerzeig, sich schon heute mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. „Lass sie erkennen, dass du Gott bist, und nicht der Fussball.“ So betete mein Zweiter am Vorabend der bitteren Niederlage der Schweizer Mannschaft gegen die Franzosen. Meine Frau fügte am nächsten Morgen hinzu: „Erinnert euch, wenn ihr einmal über eine Niederlage verzweifelt seid, wo euer wahrer Zufluchtsort ist.“ Dank sei der WM, ohne sie hätten sich diese Gespräche nicht ergeben.