Buchbesprechung: Zwischen „Ethik in den eigenen Reihen“ und „radikaler Gesellschaftstransformation“

Thomas K. Johnson. Natural Law Ethics. An Evangelical Proposal. VKW: Bonn, 2005. 168 Seiten. Kostenloser Download.

„Die natürliche Theologie wurde von (Karl) Barth abgelehnt. Wir täten gut daran, mehr darauf zu hören.“ So las ich kürzlich in den Kommentaren eines Facebook-Eintrags. Was meinte der Verfasser? Ist ihm zuzustimmen? Wer sich zum Thema äussern will, benötigt einen soliden Hintergrund in Theologiegeschichte. Genau dies macht Thomas K. Johnsons vergleichsweises kurzes Buch interessant. Es geht darum, die Antworten des 20. Jahrhunderts auf Barth zu reflektieren und einen evangelikalen Entwurf einer Naturrechtsethik vorzustellen. Lassen wir uns hier auf Spitzfindigkeiten von Theologen ein? Nein, absolut nicht. Das Fehlen einer Antwort, ob die Schrift so etwas wie eine natürliche Theologie kennt, ist von grosser Bedeutung und hat den Evangelikalen bislang weitgehend gefehlt. Sie ist eine unabdingbare Hilfestellung in der Gestaltung des Verhältnisses von Christ zur sie umgebenden Kultur.

Wie geht Johnson vor? Nach dem Einstieg mit dem programmatischen NEIN Barths und einer kurzen Darstellung des Naturrechts bei Thomas von Aquin, dem wichtigsten Vordenker einer Theologie des Naturrechts, spitzt er die Relevanz des Themas auf folgende Fragestellung zu: Gibt es neben der Ablehnung einer Allgemeinen Offenbarung auf der einen und der Theonomie auf der anderen Seite einen dritten Weg? Das erste Extrem führt offensichtlich zu einer „Ethik innerhalb der eigenen Reihen“. Die „Gläubigen“ verkehren in ihrem eigenen Kreis bzw. ihrer Subkultur und haben den Menschen ausserhalb nichts mehr zu sagen. Sie fordern die „Plausibilitäts-Strukturen“ der Umgebung (um einen Begriff des Religionssoziologen Peter Berger aufzunehmen)  nicht heraus, weil jeglicher Anknüpfungspunkt fehlt. Ihre Ansichten sind rein privater Natur. Auf der anderen Seite stehen die Versuche des „Christian Reconstructionism“, einer Bewegung in den USA, den christlichen Glauben als neues Gesetz für die Gesamtgesellschaft anzustreben. Das wiederum erscheint als zum Scheitern verurteilter Versuch einer „überrealisierten Eschatologie“. Wie aber kann eine Ethik des öffentlichen Lebens entwickelt werden?

Johnson entfaltet die Thematik in vier Schritten. Zuerst beschäftigt er sich mit der Theologie Karl Barths, Helmut Thielickes (1908-1986) und des Neocalvinisten Evan Runner (1916-2002). Von Aquin hatte von einem Naturrecht (natural law) gesprochen, durch das Gott seinen Willen mittels der Schöpfung kundtut; diese Prinzipien sind bis zu einem gewissen Grad allen Menschen zugänglich. Barth entwickelte die Ansicht, dass Gott nur durch sein Wort zu erkennen ist; andernfalls mutiere der Glaube zu einer Dimension der Kultur. Thielicke betonte stark die Folgen des Sündenfalls. Der menschliche Verstand sei nicht mehr in der Lage, Normen zu entwickeln. Selbst die Zehn Gebote werden von ihm vom Naturrecht losgelöst. Runner argumentierte geistesgeschichtlich, nämlich von einer Abkoppelung des Naturrechts von Gott seit der Aufklärung mit der Folge eines Natur-/Gnade-Dualismus.

Dieser „Front“ der Ablehnung einer Naturrechtsethik stellt Johnson drei andere Theologen mit ihren entsprechenden Entgegnungen gegenüber, allen voran Emil Brunner (1889-1966). Dieser sah die moralische Schwäche des Kulturprotestantismus im Gegensatz zu Barth gerade im fehlenden Verständnis des Naturrechts. Er zog eine starke Verbindung zwischen der Offenbarung in Christus und der Offenbarung in der Schöpfung. I. John Hesselink, Calvin- und Barth-Forscher, hatte unter Brunner studiert und bei Barth promoviert. Er interpretiert Calvin dahingehend, dass dieser wahre Erkenntnis durch Gottes Schöpfung anerkannte bei gleichzeitiger Ablehnung des klassischen Naturrechts. Besonders hervorgehoben wird der dreifache Gebrauch des Gesetzes bei Calvin. Gustav Wingren (1910-2000), schwedischer Lutheraner, diagnostizierte zwar die Auflösung der Verbindung von Gott und Natur, erkennt jedoch einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Schöpfung und Gesetz Gottes an.

Als unterstützende Stimmen zieht Johnson den Literaturwissenschaftler C. S. Lewis und den Sozialpsychologen David Myers heran. Ersterer spricht in seinem Buch „Die Abschaffung des Menschen“ von einem übergeordneten universellen Moralgesetz, ebenso im ersten Teil von „Mere Christianity“ von einem auffälligen Gehorsam gegenüber bzw. dem bewussten Abweichen des Menschen von seiner eigenen Natur. Myers ausgiebige Metastudien belegen weltweite gültige moralische Standards. Johnson zieht vor allem das Beispiel des Kohabitationseffekts heran: Das Zusammenleben vor der Ehe erhöht die Scheidungswahrscheinlichkeit. Auch Myers identifiziert transkulturelle Ideale. Zwei weitere unterstützende Stimmen sind Albert M. Wolters. In seinem wichtigen Buch „Creation Regained“ legt er als Theologe eine starke Betonung auf das Schöpfungsgesetz und die heilsgeschichtlich bedingte Unterscheidung von Struktur und Richtung (siehe diese Rezension). Cornelius van Til, Begründer der transzendentalen reformierten Erkenntnislehre, betont die starke Spannung im Leben des gottfernen Menschen. Er lebt im ständigen Gegensatz zwischen zwei „mindsets“.

Gerade der dreifache Gebrauch des Gesetzes – der erste treibt den Menschen zur Busse, der zweite gebietet der Sünde weltweit Einhalt, der dritte leitet den Gläubigen in einem Leben der Dankbarkeit an – zeigt sich als wichtige Stütze in der Entwicklung einer Naturrechtsethik. Diese hat nicht davon auszugehen, dass der Verstand von der Sünde verschont geblieben sei, im Gegenteil. Die allgemeine Offenbarung Gottes durch die Schöpfung ermöglicht jedoch erst das Denken der Menschen. Der Vorschlag einer evangelikalen Naturrechtsethik sei darum „entwaffnend einfach“ (127). Es bestehe ein universales Bedürfnis nach Liebe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit sowohl bei Einzelnen als auch innerhalb von Institutionen. Johnson weist auf die Wichtigkeit der Trinität hin (131): Alle drei Personen der Gottheit wirken sowohl in der allgemeinen Offenbarung durch die Schöpfung wie auch in der speziellen Offenbarung durch die Erlösung zusammen. Diese Verbindung ist denn auch das theologische Kernargument, um verschiedene aktuelle philosophische Entwürfe ebenso wie gesellschaftliche Grundfragen zu adressieren. Dies ist der „dritte Weg“ zwischen einer „Ethik in den eigenen Reihen“ und einer (in aktueller Terminologie ausgedrückt) „radikalen Gesellschaftstransformation“.

Fazit: Ich gebe freimütig zu, das Buch ist keine leichte Kost. Insgesamt zehn Denker werden auf knappem Raum ausgiebig zitiert. Es braucht mehrere Anläufe, um sich mit deren zentralen Argumenten vertraut zu machen. Als ich das Buch zum zweiten Mal gelesen hatte, fiel mir auf, wie sorgfältig die Abhandlung abgefasst ist. Das einleitende Kapitel sowie die Zusammenfassungen der einzelnen Teile helfen bei der Orientierung.