Buchbesprechung: Freudige Calvinisten

Greg Forster. The Joy of Calvinism: Knowing God’s Personal, Unconditional, Irresistible, Unbreakable Love. Crossways: Wheaton, 2012. 210 Seiten. Euro 6,80 (Kindle).

Freudlose Calvinisten?

Schon der Titel gibt zu reden. Ein von Freude erfüllter Calvinist – kann es einen grösseren Widerspruch geben? In den USA hält sich ihr Image als freudlose, strenge, asketische Menschen hartnäckig. Hierzulande sitzen – nicht nur in der Theologenzunft – die Vorurteile über Calvin ebenfalls tief. Auch wenn die neuere Calvin-Forschung einhellig ein ganz anderes Bild zeichnet und eine Menge erstklassiger Sekundärquellen verfügbar sind. Die grösste Herausforderung ist blanke Unwissenheit, denn die allermeisten kennen sich im Werk des Reformators nicht einmal ansatzweise aus. Doch hierum geht es in dieser Besprechung nicht. Die Problematik ist jedoch eine ähnliche. Worüber man vielleicht noch am ehesten stolpert, sind die sogenannten „Fünf Punkte“ der Calvinisten, im Englischen durch das Akronym TULIP bekannt. Abgesehen davon, dass diese Schlagworte neueren Datums sind, geben sie sowohl inhaltlich und noch viel mehr als Schlagworte ein verzerrtes Abbild der gesamten Lehre wider. Greg Forster, Philosoph mit Yale-Doktorat, kümmert das nicht. Er sagt: Nehmen wir doch das Akronym und räumen mit den Vorurteilen auf bzw. besetzen die Inhalte anders. Genau dies tut er auch in einer verständlichen Sprache und einer akzeptablen Länge. Er fügt hinzu: Für ihren Ruf als freudlose Zeitgenossen waren sie auch selbst mitverantwortlich. Es ist Zeit, diesen Ruf zu korrigieren.

Eins, zwei, drei

Zur Struktur gibt es nicht viel zu bereden. Nach einer Programmansage in der Einleitung macht sich Forster zu einem Durchgang durch die fünf Buchstaben von TULIP auf , um mit Missverständnissen aufzuräumen. Dann bietet er einen Einblick in eine korrigierte und vertiefte Sichtweise. Dies geschieht im engen Abgleich mit dem Westminster Katechismus sowie mit gelegentlichen Einschüben Calvins, Sprouls und anderen reformierten Lehrern. Reichlich Gebrauch wird vor allem von der Schrift gemacht. Es würde sich lohnen, das Buch durchzublättern und sämtlichen Bibelstellen nachzugehen.

Missverständnisse

Manchmal ist es gut zu wissen, was jemand NICHT lehrt. Also:

  1. Der Calvinist lehrt nicht, dass wir keinen freien Willen hätten. (Ich betrachte die Ausdrucksweise „freier Wille“ für so vorbelastet, dass sie automatisch zu falschen Überlegungen führt.) Dem Willen des Menschen wird keine Gewalt angetan. Die Reformatoren verstanden diesen Begriff im übrigen anders als wir heute. Sie setzten den freien in den Gegensatz zum versklavten (nicht jedoch determinierten) Willen. Kein Calvinist hat etwas gegen Selbstkontrolle oder die moralische Verantwortlichkeit des Menschen.
  2. Der Calvinist lehrt nicht, dass wir gegen unseren Willen gerettet werden. Gerade der nicht erlöste Mensch wird durch Frustration, Zwang, Selbstsucht und Enttäuschung beherrscht. Durch die Erlösung in Christus gewinnt er Erkenntnis, Kraft, Selbstkontrolle, Freude und Befriedigung.
  3. Der Calvinist lehrt nicht, dass der Mensch „völlig“ im Sinne von „komplett“ verdorben sei; komplett definiert als „unfähig zu Gutem in jeglicher Hinsicht“. Forster unterscheidet zwischen „ganz“ (wholly) und „völlig“ (totally). Der Ausdruck „verdorben“ deutet ja auf etwas ursprünglich Gutes hin (38).
  4. Der Calvinist verneint nicht, dass Gott die Verlorenen liebt. Gott ist aktiv in der Erlösung der Verlorenen, die Verlorenen gibt er dem Verderben preis („passing over the lost“, 39). Forster verweist auf das Westminster Bekenntnis (Abschnitte 7.1 und 7.4).
  5. Der Calvinist betont nicht in erster Linie die Prädestination, sondern Gott-Vaters erwählendes Handeln sowie das Wirken des Sohnes in der persönlichen Stellvertretung bzw. des Geistes in der Wiedergeburt.

Schon während ich diese Sätze formuliert habe, merkte ich, wie leicht missverständlich diese Wiedergabe ist. Wer sich des Originals versichern will, der soll sich das erste Kapitel anlesen, das der Verlag online gestellt hat.

Die vier Hauptüberlegungen

Für den Hauptteil gebe ich das jeweils wichtigste Argument in Kurzform wieder. Wie es sich für ein allgemein verständliches Lehrbuch gehört, wird das Argument in verschiedenen Facetten und Blickrichtungen wiederholt, ausgeführt und verfeinert.

  1. Gott liebt dich persönlich. Als Jesus starb und wieder auferstand, rettete er dich. Wahre Liebe ist persönlich. Wahre Liebe tut konkrete Dinge für konkrete Individuen. (Umgekehrt: Wenn Gott alle Individuen persönlich erretten wollte – und Gott erreicht stets, was er will – dann müssten alle Individuen gerettet werden. Wir wissen jedoch, dass dies nicht wahr ist. Wenn Gottes rettendes Werk universell ist, kann es aber nicht persönlich sein. Genau dies behaupten aber alle anderen theologischen Richtungen. „Alles, was Calvinisten von Nicht-Calvinisten unterscheiden, ist bloss eine Konsequenz dieser ersten und fundamentalen Differenzierung.“ S. 52)
  2. Gott liebt dich bedingungslos. Nichts ist deinem himmlischen Vater wichtiger als dich zu retten. Wahre Liebe handelt davon, Prioritäten zu setzen. „Hassen“ bedeutet nämlich umgekehrt, jemanden an die zweite Stelle zu setzen (siehe z. B. in Lk 14,26 in Bezug auf die eigene Familie). Gott liebt uns mehr als das Leben selbst. Darum und um nichts anderes geht es am Kreuz. Calvinisten wollen keinen Kompromiss bezüglich der persönlichen Natur von Gottes errettender Liebe (sieh Punkt 1); ebenso schrecken sie vor zurück, Gottes Prioritäten für die Schöpfung zu kompromittieren (78).
  3. Gott liebt dich unwiderstehlich (irresistably). Die neue Geburt durch den Heiligen Geist ist eine radikale, übernatürliche Transformation. Der Heilige Geist überzeugt uns, und er tut das in einer Weise, die völlig ausreichend (sufficient) ist. Auch wenn das Werk des Geistes auf wundersame Weise die Natur transzendiert, beschloss Gott trotzdem sein Volk in einer Weise zu erlösen, die mit seiner Natur in Beziehung steht. Der Mensch antwortet also auf das Werk des Heiligen Geistes.

Der dreieine Gott wirkt in der Erlösung des Menschen zusammen: Der Vater gewährt (grant) Leben durch den Geist, damit die betreffende Person zum Sohn Gottes kommen kann (100). Gottes Liebe ist persönlich, sie setzt Prioritäten, und sie muss auf keine Art und Weise verdient werden.

4. Gott liebt dich unverbrüchlich (unbreakably). Du kannst in allen Trübsalen bestehen und dich in allen Umständen freuen. Heiligung besteht darin, durch Prüfungen und Leid in der Gottesfurcht zu wachsen. Diese Willigkeit in Leid auszuharren ist das Tor zur Freude. Wir erleben die Freude nicht trotz dem Durchleben von Leiden, sondern gerade durch dasselbe!

Calvinist zu sein bedeutet in der Fülle der Freude zu leben

Freude ist das Zentrum eines Gott-gerichteten Lebens, schreibt Forster am Anfang des Buches. Calvinist zu sein bedeutet in der Fülle der Freude in Lehre und Frömmigkeit zu leben. Normalerweise lese ich erst ganz zum Schluss andere Rezensionen. Dieses Mal tat ich es umgekehrt. Ted Klucks Besprechung hat es mir angetan. Dies hat wohl damit zu tun, dass ich mich (wie er auch) als zutiefst freudiger, weltzugewandter, entscheidungs- und handlungsfreudiger Calvinist, wie von Forster beschrieben, verstehe. Vor einer Weile hat mich jemand gefragt, worin denn das grosse Ärgernis des Calvinismus bestehe. Ich glaube, dass sie dem therapeutisch gerahmten Glauben, dem Evangelium der Selfhelp- und Feel good-Botschaften, von vornherein den Boden entzieht. Doch erst jenseits dieses pseudo-frommen Geländes beginnt, so bin ich überzeugt, die wahre Freude. Nur sie ist wahrhaft imstande – kraft dem durch den Heiligen Geist geschenkten Glauben – Betrübnissen und Schrecken dieser Welt ins Auge zu blicken. Nochmals Forster: Der Calvinist kann aus dem reichen Erbe schöpfen, wenn es um die Frage geht, „was sagt die Bibel über das tägliche Leben mit Gott und der Freude angesichts von Druck und Leid?“ Wir erkennen natürlich nur einen Bruchteil von Gottes Gesamtplan und vertrauen uns IHM für den Rest an.

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