Buchbesprechung: Eine kleine Untersuchung der Moral

Herman Bavinck. Hedendaagsche moraal. J.H. Kok: Kampen, 1902. Digitalisiertes nederländisches Original.

Bavinck definiert es als Ziel dieses kurzes Buches, die „moralischen Prinzipien und Probleme der heutigen Zeit zu diskutieren und zu erklären“. Denn unter den dringlichsten Fragen stelle sich folgende in den Vordergrund: Was ist gut und böse? Wie kommt der Unterschied zwischen beiden zustande, wie wird er gerechtfertigt? (10) Die Unklarheit betreffe viele Gebiete, etwa die Emanzipation der Frau, die Ehe, die Gründung der Gesellschaft, die Autorität der Regierung, die Rechte der Wissenschaft oder die Kunst (ebd.). Dieser breite Blick für die gesamte geschaffene und vom Menschen weiter entwickelte Wirklichkeit kennzeichnet die Schriften der Neocalvinistischen Bewegung und auch Herman Bavincks Werk. Die im Winter 1901 gehaltene Vorlesung fällt in die Zeit des Wechsels vom ländlichen Kampen in das urbane Zentrum Amsterdam. Bavincks erste Auflage der Reformierten Dogmatik war zu diesem Zeitpunkt komplett erschienen. Zwischen 1901-1904 sind eine ganze Anzahl wichtiger Schriften, meist aus Vorlesungen heraus, entstanden.

Bavinck fährt fort und betrachtet den atemberaubenden Fortschritt der Wissenschaft. Dieser vermag den Menschen aber nicht zu befriedigen. Warum nicht? Weil Gott dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt hat (Pred 3,11). Er gibt ihm das Verlangen, nicht allein durch Brot satt zu werden. Es gibt in seiner Seele „ein unausrottbares Streben aus der Mitte der Vergänglichkeit, die ihn zieht und zu verschlingen droht“. Darum verlangt er danach, den Anker seiner Seele „auf den Boden der unsichtbaren und ewigen Dinge“ zu werfen. Dieses Streben unterscheidet ihn vom Tier. Der Mensch ruht nicht, bevor er Antwort auf die lebenswichtige Frage erhält, nach welchen Leitlinien er sein Leben ausrichten soll. Dass sich so viele drängende Fragen innerhalb der Ethik ergeben haben, ist für Bavinck jedoch kein gesundes Zeichen. So lange der Mensch sicher in seinem Haus lebe, kümmere sich wenig um die Fundamente, auf denen sein Haus gebaut ist. Erst wenn sich in der Wände Risse zeigten, treibe ihn die Angst vor dem Zusammenbruch dazu, sich mit den Grundlagen zu beschäftigen.

Bavinck widmet sich den Fragen in drei Schritten: Zuerst beschreibt er das Problem, dann beschäftigt er sich mit damals gängigen Lösungsvorschlägen, um drittens einen Blick aus der Sicht des Glaubens auf diese zu werfen (11).

Eine wichtiges metaethisches Argument Bavincks lautet: Jedes Kind wird schon permanent an Grenzen erinnert.  In der Schulbank, auf dem Spielplatz , im Umgang mit anderen, später in Beruf, Gesellschaft und Staat, in Wissenschaft und Kunst muss er sich gewissen Ordnungen fügen (13).  Jeder Kreis von Menschen etabliert für sich Regeln für den gegenseitigen Umgang. Bavinck nennt Regeln der Höflichkeit und den Zwang der Mode. Über diesen Regeln stehen die Gesetze der Natur. Der Mensch ist nur dann frei, wenn er sie kennen und ihnen gehorchen gelernt hat (16). Die Gesetze innerhalb des Staates regeln das Zusammenleben, ohne welche ein Volk schnell ins Chaos kippen würde (18). Als höchste Form bezeichnet Bavinck die von Gott geschaffene Moral (19). So bald z. B. die Gesetze in Konflikt mit dieser Moral stehen, untergräbt der Mensch seine eigene Existenz und arbeitet an seinem eigenen Untergang. Im Bereich der Moral gibt es allerdings keinen Zwang und keine Nötigung. Die Moral ist der Bereich des Willens (22).

Welches ist die Instanz, die für alle und zu allen Zeiten die Unterscheidung von Gut und Böse vorschreibt? Woraus besteht das moralisch Gute, und worauf ist es gegründet (24)? So leitet Bavinck den zweiten Teil ein. Der Bereich der Moral geht über die biblische Offenbarung (genannt „besondere Offenbarung“) hinaus. Nicht nur Elia und Elisa, Petrus und Paulus, auch Sokrates, Platon, Mohammed und Zarahustra verstanden ihre Moral in einem religiösen Rahmen (25). Durch die Aufklärung erst wurde die Moral von allen religiösen Bindungen abgetrennt (26). Descartes, Grotius und andere hatten diese Lehre von einer natürlichen, unabhängigen Moral vorbereitet. Immanuel Kant kam zum Schluss, dass Gott und all die unsichtbaren und ewigen Dinge für den menschlichen Verstand völlig unerkennbar seien. Das behinderte ihn jedoch nicht beim Aufbau einer strengen Moral. Er begründete den berühmten „moralischen Imperativ“, nach dem die reine Pflichterfüllung zum einzigen Massstab des Guten wurde (28). Doch gegen diesen moralischen Rigorismus wurden bald Vorbehalte angemeldet.

Bavinck sah den grossen Paradigmen sich vom 18. zum 19. Jahrhundert vollziehen: Das 18. Jahrhundert erklärte Staat und Gesellschaft aus den Einzelnen heraus (32-33). Das 19. Jahrhundert verschmolz den Einzelnen mit der Gesellschaft. Gemeinschaft war das Schlagwort, und die Evolution bildete die dazu passende Theorie. Diese würde alle Phänomene erklären und sämtliche Rätsel des Menschen lösen. Das Gewissen galt fortan als Produkt der gesellschaftlichen Prägung. Die Gesellschaft wird Mutter der Sprache, der Religion, der Moral. Moral kann als Gesamtwille der Gesellschaft verstanden werden, die dem Einzelnen vorgeschrieben wird (34). Sie ist ein Produkt der Umstände und damit des Zufalls. Kein moralisches Gebot steht deshalb absolut. Alles ist relativ. Je nach Gesellschaft würde das Gute böse sein, das Moralische obszön, die Wahrheit Lüge (36). Die Folge: Das Recht des Stärkeren setzt sich durch und triumphiert.  Dieses Kriterium für Recht und Unrecht kollidiert jedoch mit der Wirklichkeit, wendet Bavinck ein. Seien nicht gerade diejenigen die „edelsten und besten unserer Rasse“ gewesen, die ihre Stimme gegen den Gesamtwillen der Mehrheit erhoben hätten? Zudem fragt er sich, welcher Massstab zur Überprüfung angenommen werden kann. An welchen Kriterien kann beispielweise das „Glück der Gesellschaft“ gemessen werden? Niemand könne im Voraus absehen und berechnen, welche Früchte eine bestimmte Entscheidung für die Gesamtgesellschaft trage.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sei es erneut zu einem geistigen Umbruch gekommen. Mehrere Ursachen hätten dabei zusammengespielt (40-41), u. a.  die Ernüchterung in der Wissenschaft, die unbefriedigende Natur der neutralen Erziehung, die Einseitigkeit des Intellektualismus, die Übel der Gesellschaft,  die Komödie des parlamentarischen Systems, die Korruption der Bourgeoisie, die Vergötterung der Macht von Fürsten und Staaten. Der moderne Mensch glaubte deshalb keinem moralischen Gesetz und keiner Autorität mehr. Durch die Kunst äusserte sich ein neues Ideal: Der wahre Künstler ist ein Mystiker, ein Visionär. Kunst, Leidenschaft und Ekstase stellen die wahre Schönheit des Seins dar. Wer auf frischer Tat ertappt wird, verkörpert die Leidenschaft des Lebens. Es bildeten sich zwei Strömungen heraus: Einmal die asketische Richtung, verkörpert durch Leo Tolstoi, die den Verzicht idealisierte. Auf der anderen Seite stand Friedrich Nietzsche. Während sich Tolstoi aus Abneigung gegenüber bestehenden Institutionen von der Gesellschaft zurückzog, trat ihnen Nietzsche in souveräner Verachtung gegenüber, um sie mit Füssen zu treten (44). Er bezichtigte Juden und Christen der Umkehrung der Werte, dass nämlich der Schwache für stark erklärt wurde. Dem Christentum attestiert er eine unterwürfige Sklaven-Moral. Das wahre Prinzip der Sittlichkeit sei jedoch der „Wille zur Macht“ (47).

Hier nimmt Bavinck wiederum klar Stellung. Zwar hätte der technische Fortschritt die Herrschaft des Menschen über die Natur ausgeweitet. Es entging seiner Aufmerksamkeit jedoch nicht, dass sich neben Fortschritt und der Zunahme des Wohlstands auch Nebenerscheinungen wie Spekulation, Fälschung, Konkurse, Alkoholismus etc. in bisher unbekanntem Ausmass bemerkbar machten! Utilitarismus und Egoismus zeigten sich als die stärksten Motive der Menschen. Bildung ohne Religion Macht bringe raffinierte Teufel hervor. Die Menschheit ohne Divinität (Göttlichkeit) verwandle sich in Bestialität (51).

Im dritten Teil sucht Bavinck die Situation um die Wende zum 20. Jahrhundert aus Sicht des Glaubens zu beleuchten. Er sieht die eben beschriebenen neuen Ideale in Kunst, Literatur und Philosophie als Reaktion auf die Selbstgefälligkeit der bürgerlich-liberalen Väter an (55). Typisch für Bavinck ist das Anerkennen von Körnern der Wahrheit auch in der gröbsten Verirrung (54). Die Kunst sei zum indirekten Verbündeten der Religion geworden, weil sie im Namen der Leidenschaft und Begeisterung, von Schönheit und Wahrheit, dem Regime der Mittelmässigkeit der Fehdehandschuh hingeworfen und es zum Kampf herausgefordert habe.  Bavinck zieht eine Parallele zu Kierkegaard, der sich gegen das laue Volkschristentum gewandt habe (57). Eine reine Fokussierung auf die grosse Zahl der Mehrheit könne gute Ansätze ersticken.

Bavinck verweilt etwas bei der Kunst und sieht sie als Geschenk Gottes. Sie verdanke ihre Existenz dem Schöpfer aller Dinge. Allerdings werde die Kunst grob missbraucht. Unter dem Deckmantel der Wohlanständigkeit schrecke sie vor keinem Verbrechen zurück. Kunst bestehe um der Kunst willen, alles sei erlaubt. Bavinck will der Kunst nicht ihre Unabhängigkeit verweigern (59). Er sieht ihre Berechtigung, jedoch nie losgelöst von dem, der das Gute, Wahre und Schöne definiert hat (59). Die grössten Künstler, deren Kreationen von Jahrhundert zu Jahrhundert bewundert werden, waren weder Leugner der Religion noch der Moral (60-61). Der Künstler darf nie über die Gesetze von Religion und Moral gesetzt werden. Kunst ist kein reiner Ausdruck der Wirklichkeit, sondern sie ist Interpretation der Empfindung der reichen sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung Gottes, die in der Seele des Künstlers geweckt wird.

Damit kommt Bavinck inhaltlich auf den Anfang zurück: Kein Mensch ist autonom. Ein Narr kann mit dem Kopf gegen die Wand anrennen, aber mit keinem anderen Ergebnis, als dass er sich damit selbst verletzt. Ein Denker kann sich in seinem Stolz über die Gesetze der Logik hinwegsetzen, nur um die Beute seiner eigenen Fehlüberlegungen zu werden. Darum gilt: Ein Mensch, wer er auch immer sei, ist nicht autonom. Er ist nicht sein eigener Herr und Gesetzgeber. Immer und überall ist er verpflichtet, „kein Herr, sondern ein Diener, kein Gesetzgeber, sondern Untertan, kein Meister, um zu befehlen, sondern Kind, das zu gehorchen hat.“ (64) Aus dem Umstand, dass in verschiedenen Völkern unterschiedliche Moralvorstellungen herrschen, zieht Bavinck den umgekehrten Schluss, der in der heutigen Zeit oft gezogen wird: Es ist Anzeichen dafür, dass der Verstand der Völker durch die Sünde verfinstert sei (65). Die Offenbarung von Gottes Gesetz ist notwendig. Es gibt keine Moral ohne Metaphysik. Der Mensch strebt von sich aus über die natürlichen Dinge hinaus.

Wer die Gesetze der Natur also missachtet, fügt sich selbst Schmerzen zu. Wer die Gesetze des Staates ignoriert, muss unter Umständen mit Gefängnis rechnen. Wer das moralische Gesetz seines Schöpfers ausser acht lässt, zerstört das Bild Gottes, in dem er geschaffen wurde. Das moralische Gesetz hat seinen Ursprung im göttlichen Gesetzgeber, der mächtig ist zu retten und zu verderben. Wenn Gott aber der höchste Gesetzgeber ist – für Moral wie auch für jeden anderen Bereich -, dann stellt er auch sicher, dass sie für den menschliche Intellekt ausreichend erläutert werden. Gott kann den Menschen in  dessen Gewissen auf das moralische Gesetz verpflichten. Wie dumm ist es deshalb, die Moral von der Wurzel der Religion und der Metaphysik abzuschneiden und in „die kargen Böden des menschlichen Ermessens und der sozialen Bedingungen“ zu pflanzen (71-72). Bavinck fordert zum Schluss nicht anderes als die Rückgewinnung dieses einzig sicheren, unerschütterlichen Fundaments für alle Bereiche des menschlichen Lebens, Kunst und Wissenschaft eingeschlossen.  Es sei zudem immer besser, in die Hände des Herrn zu fallen, als dem unbarmherzigen Urteil der Menschen ausgesetzt zu sein. Wenn Gott verurteilt, so bietet er gleichzeitig in Christus seine vergebende Liebe an.

Fazit: Wer unter Ethik bisher nur die persönliche Ethik der Arbeit und der Sexualität gefasst hatte, für den mögen diese Gedankengänge mehr als gewöhnungsbedürftig sein. Doch dieses Buch ist eine wundervolle Anleitung darin, die Herrschaft von Christus für das ganze Leben zu bedenken. Auch wenn Christen seit eh und je eine Minderheit darstellen: Was für eine Kraft entfaltet sich, wenn wir diesen Anspruch Gottes auf die ganze Wirklichkeit Raum geben – für unsere Gedanken und dann für unsere Taten. Ich bin überzeugt, dass sich aus dieser Umgestaltung des Denkens (Römer 12,2) ein – wenn auch nur persönlicher – Kurswechsel ergeben kann, der uns aus der leidigen Rolle des Anpassers und Nachahmers unserer Umgebung herauslöst.