Buchbesprechung: Allgemeine Gnade

Herman Bavinck, trans. R. C. Van Leeuwen, Common Grace,  Calvin Theological Journal 24 (1989), S. 35-63.

Die 1894 von Herman Bavinck gehaltene Rektoratsrede in Kampen gilt als Schlüsseltext des Denkers. Zum Thema der „Allgemeinen Gnade“ haben sich in den vergangenen 100 Jahren zahlreiche weitere Denker in reformierter Tradition zum Teil kontrovers geäussert. Bekannt sind die Ausführungen von Abraham Kuyper, dessen Artikelserie 1902-1904 als erweitertes Werk „De gemeene gratie“ in drei Bänden erschien. Bavinck musste mit den Überlegungen Kuypers, so weit sie bis dahin entwickelt waren, vertraut gewesen sein. Auch wenn der Aufsatz Bavincks nicht isoliert betrachtet werden darf (wichtig sind z. B. die Aufsätze „Calvin and Common Grace“ sowie „The Catholicity of Christianity and the Christian Church“), enthält der Aufsatz gewichtige Argumente. Diese betreffen die Grundspannung jedes Christen zwischen seiner irdischen und seiner himmlischen Berufung (56).

Bavinck bezeichnet die „Allgemeine Gnade“ ausdrücklich als reformierte Lehre (39). Er unterteilt den Aufsatz in vier Schritte: Zuerst die biblisch-theologische Begründung der „Allgemeinen Gnade“; dann die Analyse, weshalb die Lehre im römisch-katholischen System keinen Platz hatte; drittens seine Argumentation, weshalb sie durch die Wende der Reformation, insbesondere durch Calvin, ins Blickfeld geriet; zuletzt, weshalb sie von grösster Relevanz für die Gegenwart ist. Bavinck verfolgt damit seine übliche Vorgehensweise, nämlich eine Darlegung anhand des Alten und Neuen Testaments zu liefern, dann die Entwicklung der Dogmengeschichte aufzuzeigen, um an aktuelle Fragen anzuknüpfen.

Die biblisch-theologische Begründung (39-44)

Zunächst ist Bavinck bestrebt die Kontinuität der göttlichen Offenbarung vor und nach dem Sündenfall herauszustreichen. Offenbarung existierte schon vor dem Fall. Gott sprach zum Menschen (Gen 1,28-30), gab ihm ein Gebot (Gen 2,16) und gesellte ihm die Frau als Hilfe zu (Gen 2,22). Nach dem Fall fürchtete sich der Mensch vor Gott (Gen 3,8+9). Die göttliche Offenbarung dauerte an, erhielt allerdings einen veränderten Inhalt. „Nun kommt die Offenbarung zum schuldigen Menschen, der den Tod verdient hat, als Offenbarung der Gnade.“ (40) Diese Gnade bleibt jedoch nicht einheitlich, sondern teilt sich in allgemeine und spezielle Gnade auf. Deutlich wird dies bei den beiden Söhnen des ersten Menschenpaares: Kain wird aus Gottes Gegenwart vertrieben (Gen 4,14+16). Er und seine Nachkommen beginnen mit der Entwicklung der menschlichen Kultur (Gen 4,15-24). Die Nachkommen Sets hingegen erhalten Kenntnis von Gott und beginnen mit Gottesdienst (Gen 4,25-5,32).

Einen weiteren Entwicklungsschritt sieht Bavinck im noachitischen Bund. Nach der Sintflut lebte die neue Menschheit durch Gottes Gnade weiter. Gott schloss einen Bund mit der ganzen Natur und mit jedem lebenden Wesen (Gen 8,21+22, Gen 9,1-17). Dieser Bund markierte den Anfang einer langen Periode der Geduld Gottes (Röm 3,25+26), begleitet durch die Ignoranz des Menschen (Apg 17,30). Gott erlaubte den Völkern in ihren eigenen Wegen zu gehen (Apg 14,16), obwohl er sich nicht unbezeugt liess (Apg 14,17). Der Logos, der alles geschaffen hat und erhält, erleuchtet den Menschen (Joh 1,9). Der Heilige Geist ist der Autor allen Lebens und aller Tugend (Gen 6,17; 7,15, Ps 33,6; 104,30; 139,2; Hiob 32,8; Pred 3,19). Dieses Erhalten der Schöpfung ist ein positiver Akt von Seite Gottes, des ständig wirkenden Vaters (Joh 5,17).

Die spezielle Gnade offenbart Gott durch seinen Bund mit den Nachkommen Abrahams. Er erfüllt seine Verheissungen schliesslich im Gnadenbund durch Christus. Der Unterschied zwischen der Religion Israels und den anderen Religionen liegt somit nicht in der Offenbarung an sich, sondern in der speziellen Gnade. Gott schloss mit Abraham und seinen Nachkommen einen Bund. Der Schöpfergott machte sich ihm als Jahwe, den Gott des Bundes, bekannt. Israels Friede und Heil sind nur in ihm zu finden. Er ist ihr Fels und ihr Licht (Ps 27,1), der Gegenstand ihres Begehrens (Ps 42,1; 73,25). Sein Gesetz ist ihre Wonne (Ps 119,97) und Licht für ihren Weg (Ps 119,105). Ihre Freude ist es – in Davids Worten ausgedrückt – mit einem gereinigten Herzen und einem erneuerten Geist zu leben (Ps 51,10). Israels Glaube findet seine eigentliche Erfüllung in Christus. Er ist der ultimative Inhalt des Gnadenbundes und damit der speziellen Gnade. In ihm treffen die allgemeine und die spezielle Gnade wieder zusammen.

Die eschatologische Optik bildet eine nicht zu überhörende Stimme innerhalb der Melodie des Aufsatzes über die Allgemeine Gnade. (Bavinck kommt allerdings erst im vierten Abschnitt darauf zu sprechen, siehe S. 59.) Erst wenn das Königreich Gottes in seiner Fülle gekommen und Christus es in die Hand des Vaters zurückgegeben haben wird, kann die ursprüngliche Ordnung ganz wiederhergestellt werden. Ja, Christus gibt sogar noch mehr, als die Sünde gestohlen hat. Er stellt den Menschen nicht nur im Stand Adams vor dem Sündenfall wieder her, sondern macht uns zu Menschen, die nicht mehr sündigen (1Joh 3,9) und nicht mehr sterben (Joh 11,25) können. So wie wir im Bild des Irdischen geboren wurden, so werden wir nach unserer Auferstehung das Bild des Himmlischen tragen (1Kor 15,45-49). Ein neuer Gesang wird im Himmel angestimmt (Offb 5,9), auch wenn die ursprüngliche Ordnung der Schöpfung bestehen bleibt.

Das System der römisch-katholischen Kirche (44-49)

Im römisch-katholischen Verständnis schuf Gott den Menschen im Zustand der Unschuld und beschenkte ihn mit dem donum superadditum („überschüssige Zugabe“). Diese Zugabe verlor er durch den Sündenfall, seine natürlichen Gaben behielt er jedoch. Diese Unterscheidung legte den Grundstein für eine doppeltes Ziel des Menschen, nämlich ein höheres und ein niederes. Diese Zweiteilung wirkte sich auf das gesamte Menschsein aus, indem sie zwei getrennte Bereiche, den natürlichen und den übernatürlichen, schuf.

Die (Wieder-)Entdeckung durch die Reformation (49-55)

Nach Bavinck ist es insbesondere Calvin zu verdanken, diesen Dualismus beseitigt zu haben. Calvin unterschied zwischen allgemeiner und spezieller Gnade, zwischen dem (allgemeinen) Wirken des Geistes in der gesamten (sündigen) Schöpfung und dem (speziellen) Werk der Heiligung. Die Reformation konnte jedoch einseitige Entwicklungen nicht verhindern: Die eine Strömung spielte die allgemeine Gnade herunter, während die andere die spezielle Gnade zu wenig klar herausstellte.

Die Bedeutung für die Gegenwart (55-65)

Die Allgemeine Gnade ist Schüssel zum Verständnis der Spannung – nicht aber der Trennung – zwischen „Glaube und Wissen, Theologie und Philosophie, Autorität und Vernunft, Kopf und Herz, Christentum und Menschheit, Religion und Kultur, der himmlischen und der irdischen Berufung, Religion und Moral, des kontemplativen und des aktiven Lebens, von Sabbat und Werktag, von Kirche und Staat.“ (56) Es geht um die Spannung von irdischer und himmlischer Berufung. Bavinck fügt gleich hinzu, dass es in der Jetztzeit keine völlige Ausgewogenheit geben würde. Jede Person und jede Bewegung würde sich einer kleineren oder grösseren Einseitigkeit schuldig machen.

Welche konkreten Auswirkungen hat dies für das Leben des Christen? Bavinck nennt davon fünf (allerdings nicht in einer ausdrücklichen Aufzählung):

  1. Es schiebt allem Separatismus oder Bewegung der Askese den Riegel bzw. entzieht solchen Bemühungen ihren Boden. Sünde ist nicht Substanz (materia), sondern Form (forma). Sünde sit nicht Essenz, sondern Veränderung (privatio).
  2. Der Christ ist nicht aufgefordert, eine neue übernatürliche Ordnung ins Leben zu rufen. „Das Christentum hat kein einziges fremdes Element in die Schöpfung eingeführt. Es bringt keinen neuen Kosmos hervor, sondern macht den Kosmos neu. Es stellt wieder her, was durch die Sünde verdorben worden war. Es versöhnt das Schuldige und behandelt das Kranke; das Verwundete heilt es.“
  3. Für den Einzelnen bedeutet es vor allem, treu seiner irdischen Berufung nachzugehen. „Wenn wir in dieser Gnade stehen, in der Freiheit, mit der Christus uns frei gemacht hat, sollen wir unseren christlichen Glauben in der treuen Ausübung unserer irdischen Berufung leben.“
  4. Im kollektiven Sinn regelt es die Beziehung zwischen Familie und Gesellschaft, zwischen Kirche und Staat. Familie, Staat und Gesellschaft sind nicht von der Kirche abhängig, sondern sind direkt durch den Schöpfer ins Leben gerufen. Jede dieser Institutionen ist von Gott mit eigener Autorität ausgerüstet worden.
  5. Lebensbereiche wie beispielsweise Kunst und Wissenschaft haben ihren Ursprung in der allgemeinen und nicht in der speziellen Gnade. Sie entstammen der Linie Kains. „Die Künste und Wissenschaften haben ihr principium nicht in der speziellen Gnade der Wiedergeburt und Bekehrung, sondern in den natürlichen Geschenken und Talenten, die Gott in seiner Allgemeinen Gnade auch den Ungläubigen gegeben hat.“ Bavinck nennt übrigens als biblische Beispiele: Moses, der in der Weisheit der Ägypter trainiert worden war; Salomo, der die Dienste von Hiram für den Tempelbau in Anspruch nahm; die Israeliten, welche die Stiftshütte mit dem Gold und Silber Ägyptens schmückten; Daniel, welcher in der Weisheit der Chaldäer ausgebildet wurde; die Weisen aus dem Osten, die ihre Schätze vor Jesus niederlegten. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Stellung der Theologie aus der Sicht Bavincks. Sie ist sozusagen der Spezialfall unter den Wissenschaften. Sie verfügt über ein eigenes Prinzip, Objekt und Ziel, das sie ausschliesslich aus der speziellen Gnade bezieht. Sie wurde durch das Zusammenfinden von allgemeiner und spezieller Gnade ins Leben gerufen und gehört darum auch in die Reihe der Wissenschaften. Sie ist nicht Königin der Wissenschaften, sondern herrscht, indem sie den anderen (zu)dient.

Fazit

In diesem Aufsatz wird auf kurzem Raum eine enorme Menge an Überlegungen und Argumenten auf den Tisch gebracht. Auch wenn man Bavinck nicht in allem folgen kann: Die Kombination aus biblisch-theologischen, dogmengeschichtlichen und aktuellen Argumenten regt zur Nachahmung an. Wer in einer anderen Richtung argumentiert, sollte die Argumente in allen drei Bereichen sorgfältig bedenken. Überzeugt bin ich vom Argument Bavincks, dass jeder Mensch die Grundfrage der Beziehung zwischen himmlischer und irdischer Berufung zu klären hat. Ihre Existenz abzustreiten oder sich gar nicht mit ihr zu beschäftigen, führt in meiner Beobachtung zu einer ungleich grösseren Unausgewogenheit entweder in Richtung Weltflucht oder Anpassung. Manchmal scheint mir, dass gerade durch Weltflucht die Hintertür offen gelassen wird für das Eindringen von nicht reflektierten, weltlichen Gedanken und Gewohnheiten.