Buchbesprechung: Die Verwöhnungsfalle

Albert Wunsch. Die Verwöhnungsfalle: Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. Kösel-Verlag: München, 2000. 238 Seiten.

Fünfzehn Jahre nach dem Erscheinen des Buches halte ich es in den Händen. Seit der Erstpublikation bin ich selber fünffacher Vater geworden und neugierig auf Hinweise für Kurskorrekturen.

Das Buch entstand aus einem Artikel in „Die Zeit“ (1998) heraus, welche eine intensive Diskussion von begeisterter Zustimmung bis zu heftiger Ablehnung nach sich zog (21-23). Der Autor hat in seiner Rolle als Erziehungsbeistand manche Situation lebhaft vor Augen. Wunsch verspricht vorab, dass „viele Beispiele oder Episoden“ so konkret sein werden, dass ‚Ertappt-sein-Reaktionen‘ unvermeidlich seien. Würde sich diese Ankündigung erfüllen?

Welche These liegt dem Buch zugrunde? Die gesamte Gesellschaft ist „durch verwöhnende Umgangsformen geprägt und geschädigt.“ (11) Wie macht sich die Wirkung bemerkbar? Sie äussert sich im Unvermögen, ein eigenständiges Leben zu führen (14).

Der Autor eröffnet mit einer ausführlichen Niederschrift des Zeit-Artikels. Verwöhnung tritt im Gewand der Zuwendung auf. Es geht jedoch um den eigenen Vorteil, nicht um den anderen (16). Frauen verwöhnen durch aktives Tun, Männer durch Vermeiden von Auseinandersetzung (17). „Das Kind wird zum kuschligen Schosshund, zum eingekauften Seelenbeistand, vielleicht zum Ersatz nicht vorhandenen Partnerglücks.“ (18) Das Kind konzentriert sich auf das Gefallen-Wollen. Die Folgen für die kommenden Generationen: Es werden kraftlose, ängstliche, leistungsschwache, unmotivierte, angepasste Egoisten herangezogen. Dies beeinflusst die Gesellschaft – etwa insofern, als Unsummen für Verweigerer gezahlt werden. Verwöhnung trägt zur Stabilisierung negativer Strukturen bei.

Um etwas messen zu können, ist ein Massstab notwendig. Was ist gute Erziehung? Wunsch erstellt eine kurze Skizze mit einigen kurzen Rückgriffen in die Pädagogikgeschichte (27-73). Erziehung sei durch „Entfremdung von Lebenszusammenhängen“ (33) nötig geworden. Sie ist „Anregung und ermutigende Hilfe für Kinder und Jugendliche durch Eltern und andere Erwachsene. Sie umfasst alle Bestrebungen, die zu einem selbständigen und eigenverantwortlichen Leben in der Gesellschaft führen.“ (38) Diese Entwicklung des Kindes ist mit Anstrengung verbunden. „Fehlt ein solches Training, werden Hürden als angeborene Begrenzungen oder als Willkürakte der Umwelt erlebt.“ (41) Besonders sticht ein grau hinterlegter Abschnitt heraus:

Als Säugling wurde ich mit Zuwendung und Geschenken überschüttet, als Kind erfuhr ich, dass ich zum Störfaktor in Beruf und Tagesablauf wurde, als Jugendlicher geriet ich per Geld und Konsumgüter in die Abschiebung, als Erwachsener warf man mir vor, mein Leben nicht in den Griff zu bekommen. (52)

Wunsch nennt als Grundvoraussetzungen für Erziehung: Genügend Zeit, eigenes Erwachsenwerden des Erziehers, Vorbild- statt Abbildfunktion und Stabilität in den Beziehungen. Es ist ihm wichtig, Erziehung eingebettet in Ermutigung zu sehen. Ich greife zwei Aspekte heraus:

  1. Konsequenzen müssen zugelassen werden. Wenn der Erzieher die Anspannung nicht aushalten kann, verhindert er das Erfahrungslernen des Kindes. „Wird dagegen die Konsequenz eines Tuns gespürt, kann ein Aufarbeiten einsetzen. Konsequenzen sind nachvollziehbar und reduzieren die Voraussetzung zur Entstehung von Machtkämpfen. Sie verdeutlichen auf differenzierte Weise, was welche Folgen hat. Ist der Preis zu hoch, ändert sich das Verhalten.“ (63) Ich würde aus Sicht biblischer Weltanschauung hinzufügen: Solche Lektionen sind wertvolle Gelegenheiten, mit dem Kind über Motivationen und Herzenshaltung zu sprechen und es dann zu Christus zu führen.
  2. Ermutigung setzt bei einer Zwischenbilanz an. „Besonders weiterführend ist, wenn auf ‚Noch-nicht-Können‘ reagiert wird. Aber auch angemessene Hinweise, wie der momentane Erfolg auszubauen wäre, werden gerne aufgegriffen… (72)

Der Autor versprach dem Leser „Ertappt-sein-Situationen“. Auf den Seiten 89-96 wurde es so richtig ungemütlich. Verwöhnung entsteht durch

  • zu viel gewähren lassen (z. B. übervolle Kinderzimmer, überproportionale Geldzuwendungen, riesige Eisportionen, Berge an Süssigkeiten, willkürliches Aufgeben von vorher gemachten Absprachen)
  • zu wenig gewähren lassen (z. B. zu häufig für ein Kind handeln, es zu lange füttern, anziehen, ihm die Spielutensilien wegräumen, bei Konflikten sofort Partei ergreifen, für die Folgen von Missgeschick, Fehlverhalten oder Streit stellvertretend eintreten)
  • unangemessenes Reagieren (z. B. bei kleiner Überforderung der Hausaufgaben zum Lehrer gehen, präventiv im Supermarkt mit Süssigkeiten eindecken, Süssgetränke per Diktat verordnen)

Im zweiten Teil des Buches widmet sich Wunsch der individuellen und kollektiven Analyse von Verwöhnung inkl. Beschreibung der Folgen. Natürlich unterlässt er es nicht, ein Erste-Hilfe-Paket zur Entwöhnung zu schnüren.

Was ist der Nutzen des verwöhnenden Erziehers? Kurz und bündig: „Wer verwöhnt, hofft auf Willfährigkeit.“ (110) „Die subtile Botschaft des Verwöhners lautet: ‚Ich traue es dir nicht zu‘; ‚Ich halte dich für schwach‘; ‚Schau auf meine Stärke!‘ Anstelle eigenen Probierens handeln andere. ‚Ich mach es schon für dich‘, so die nett klingende Entmündigungsofferte. Aber weder Kinder noch andere Lernende können so zu einem Zugehen auf Neues geführt werden.“ (164)

Was sind typische Aufforderungstechniken zur Verwöhnung (147)? Ungeschicklichkeit, Schwäche, Zeitmangel, Zeitmangel, reuiger Augenaufschlag, Fassungslosigkeit, Dauerstress, sich als Pechvogel hinstellen.

In manchen Büchern stören mich die fett gestellten Zitate, weil ich andere Stellen herausgehoben hätte. Nicht so bei diesem Buch. Man nehme sich diese Charakterisierung von Verwöhnung vor:

Verwöhnung basiert auf grossen Selbstzweifeln,
äussert sich als Angst und daraus resultierendem fehlendem Zutrauen,
verhindert ein Aufgreifen von Herausforderungen,
manifestiert eine substanzielle Entmutigung gegenüber eigenständigem Wachstum mit der Folge einer reduzierten Lebensqualität,
führt auf Dauer zu einem gestörten Gemeinschaftsbezug und macht letztlich abhängig und einsam. (161)

Verwöhnung verhindert Interesse und Neugier, Auseinandersetzungsbereitschaft, Kraft und Ausdauer, Anerkennung, Zielstrebigkeit, angemessene Rückmeldungen, Grenzerfahrungen, selbst geschaffenen Erfolg, ein realistisches Selbstbild und damit Selbstvertrauen (85). Diese Aufzählung lässt mich erschauern – ich verhindere also genau das, was ich anstrebe.

Was empfiehlt Wunsch für Erzieher, die der Verwöhnung entkommen wollen? Er nennt u. a. (211ff)

  • Zur eigenen Haltung: Anbiederung zahlt sich längerfristig nicht aus.
  • Erst wenn der Preis der Verwöhnung zu hoch ist, setzt der Impuls zur Veränderung ein.
  • Nicht ständig die Frage wälzen, wie es dazu kommen konnte
  • Die Energie in mutige Versuche stecken
  • Nachvollziehbare, einfühlsame und wohlwollende Botschaften senden
  • Als „Rückwärtsgang“ weg von der Verwöhnung eine Strategie zwischen Ja und Nein ins Auge fassen

Meine Lernpunkte habe ich in Fragen verpackt.

  • Wie kann ich vermehrt bei ‚Noch-nicht-Können‘ ermutigen?
  • Zu enge Grenzen töten (93). Wo enge ich meine Kinder ein und verhindere Wachstum?
  • Wo lasse ich mich zu Unrecht von meiner Frau verwöhnen?
  • Wann neige ich dazu, über Verwöhnung nach Anerkennung und Zuwendung zu suchen?
  • In welchen Bereichen kann ich vermehrt Anreize zur Übernahme von Selbstverantwortung geben?

Fazit

Ich nehme zwei kleinere Dämpfer vorweg. Die Sätze sind zwar prägnant formuliert, manchmal fehlt ihnen jedoch die Lebendigkeit. In einzelnen Teilen musste ich mich mehrmals orientieren: Was ist das Ziel des Kapitels? Abgesehen davon bestätigte das Werk nicht nur eigene Beobachtungen. Ich glaube, dass Wunsch nahe an einem unangenehmen gesellschaftlichen Nerv „operiert“. Es wundert mich nicht, dass das Buch heute in verschiedenen Übersetzungen auch im asiatischen Raum vorliegt.

Vor allem schärfte die Analyse meine eigene Achtsamkeit. Einige Stellen mögen extrem klingen, so etwa dieser Ausschnitt der Verwöhnungstendenz der Gesamtgesellschaft: „Aufgeschwemmt, blass und übersät mit Krankheitszeichen lechzen sie nach der nächsten Annehmlichkeit. Alle Hoffnung setzen diese Konsumritter von der traurigen Gestalt darauf, bald noch mehr Kraft einsparen zu können. Anforderungen werden als Kriegserklärung erlebt, aber die Trägheit verhindert sogar einen Zurückweisungsversuch. Diesem Sumpf aus Lethargie und Apathie kann kaum aus eigener Kraft entronnen werden. Jede neue Verwöhnung zieht weiter nach unten.“ (119) In den weiteren Beschreibungen fallen Worte wie ‚Sozialromantiker‘ und ‚postmoderne Asoziale‘. Ich halte mich diesbezüglich gerne an Chesterton, der sagte: Christen sind hoffnungslose Pessimisten und gleichzeitig hoffnungslose Optimisten. Wenn das eine dominiert, geht die Balance verloren. Ich ziehe den Schluss: Ja, wir sind verwöhnt, und für solche Menschen ist Christus gestorben. Eigentlich ist dieses Buch ein Augenöffner und Vorbereiter für das Evangelium, das auch im Bereich der Erziehung umgestalten und verändern kann. Verbunden mit dieser grundsätzlichen Kursänderung können die von Wunsch beschriebenen Massnahmen liebevoll und zielführend umgesetzt werden. Manchmal befürchte ich jedoch, dass manche Christen ein Bild vom Glauben haben, das der gesellschaftlichen Verwöhnung nicht unähnlich ist.