Buchbesprechung: Calvins Vorrede zur Institutio (1536)

Vorrede zu Calvins Glaubenslehre, in Johannes Calvin. Christliche Glaubenslehre. Erstausgabe der ‚Institutio‘ von 1536. RVB/VKW: Hamburg/Bonn, 2008.

Wie entstand dieses Schreiben?

1536 schrieb Calvin im Alter von 26 Jahren die erste Auflage der Christlichen Glaubenslehre in sechs Kapiteln, die sich stark an Luthers Katechismus anlehnte. Durch die ausbrechende Verfolgung flüchtete Calvin 1534 von Paris nach Strassbourg, wo er mit den dortigen Reformatoren in Kontakt trat. Bald zogen sie weiter nach Basel, wo er das bedeutende Werk abschloss. 1536 wurde die erste Auflage in Basel gedruckt. Die Vorrede ist dem König von Frankreich, Franz I., gewidmet. Er verteidigt in ihr seine Glaubensgenossen unter dessen Herrschaft.

Um was geht es?

Es mag uns erstaunen, doch Calvins erklärte Absicht bestand darin, sich „auf die Entwerfung einiger Grundzüge der Heilslehre“ zu beschränken, um dadurch diejenigen „welche noch irgendein religiöses Interesse verspüren, für die wahre Gottseligkeit zu gewinnen“. Zweitens glaubte er ein „gutes Werk zu stiften“, um seine verfolgten Glaubensgenossen in Frankreich zu verteidigen und „eine Verantwortung meines Glaubens“ abzufassen. Er selber scheute sich nicht, sich „eben zum Inhalt jener Lehre“ zu bekennen, die „mit Kerker, Verbannung, Ächtung und Verbrennung“ bestraft wurde.

Mit welcher Haltung hat sich Calvin auf diese Verteidigung und Darstellung des Glaubens eingelassen?

  • Er war überzeugt, nicht die alte Lehre zu verleugnen, sondern positiv die wahre Lehre „zu behaupten“.
  • „… die gemeinsame Sache aller Frommen, ja Christi selbst habe ich zu vertreten.“
  • Er erwartete vom König, dass er „einer so gerechten Anwaltschaft nicht Ohren noch Herz“ verschliessen sollte, „zumal wo es sich um eine solche Lebensfrage handelt“.
  • „Wenn sie (die Gegner) aber auch die Ungewissheit unserer Lehre bespötteln mögen, wenn sie die ihrige mit ihrem eigenen Blute und Aufopferung ihres Lebens besiegeln sollten, da könnte man schauen, wie hoch sie dieselbe schätzen.“
  • Calvin hegt das „zuversichtliche Vertrauen, seine Huld wieder erklangen zu können, wenn Du dieses unser Bekenntnis, welches wir als Verteidigung vor Deiner Majestät niederlegen, einmal mit Ruhe und Wohlwollen lesen wolltest.“

Diese Stellen haben mich besonders angesprochen:

Der Zweck der Regierung: „Denn sich in Verwaltung seines Reiches als Gottes Diener erkennen, das macht den wahren König. Wer aber nicht zu diesem dem Zwecke regiert, der Ehre Gottes zu dienen, der übet nicht Herrschaft aus, sondern ein Raubwerk.“

Selbsteinschätzung: „Wir wissen es ja zu gut, wie kleine, arme und verachtete Menschlein wir sind: vor Gott elende Sünder, in den Augen der Leute die verächtlichsten Geschöpfe; eine Art Auswurf und Kehricht der Welt, wenn Du willst, oder noch etwas Schlechteres, … also dass wir uns vor Gott nicht rühmen können als einzig und allein Seiner Barmherzigkeit, welche uns ohne all unser Verdienst das Heil erworben hat.“

Umgang mit den Schriften der Kirchenväter: „Allein, wir bewegen uns in ihren Schriften nie anders als mit dem Bewusstsein, dass alles darin unser ist, um uns zu dienen, nicht um über uns zu herrschen, wir aber allein Christo angehören, dem wir in allen Dingen ohne Ausnahme gehorchen müssen (1 Kor 3,21).“

Irrtum der Mehrheit: „Allein, kaum hat es je mit der Menschheit so gut gestanden, dass der Mehrzahl das Bessere zusagte. Somit entsprang aus den Fehlern so vieler Einzelner meistenteils ein Irrtum der Gesamtheit… Und solche Abhilfe verweigert man aus keinem andern Grunde, als weil wir uns längst an die Übel gewöhnt haben.“

Gott schützt seine Kirche: „Gelebt hat freilich vordem die Kirche Christi, und wird leben, solange Christus zur Rechten des Vaters herrschen wird; Seine Hand wird sie halten, Seine Obhut sie schirmen, Seine Kraft wird sie stärken.“

Das Wort und Satan: „Es ist dies eine Art Naturbeschaffenheit des göttlichen Wortes, dass es niemals auftaucht, ohne en Satan aus seine ruhigen Schlafe aufzuwecken.“

Höhepunkt: Was dem Wesen des Christenglaubens entspricht

„Denn was stimmt mehr, was besser zum christlichen Glauben als die Anerkennung, dass wir von jeder Tugend entblösst sind, um von Gott bekleidet zu werden? Alles Guten leer, um uns von ihm erfüllen zu lassen? Wir, der Sünde Knechte, um von ihm befreit zu werden? Wir, die Blinden, um von ihm erleuchtet zu werden? Wir, lahm, auf dass Er uns leite? Wir schwach, auf dass Er uns unterstütze? Was empfiehlt sich mehr, als uns jeden Stoff zum Rühmen zu entziehen, damit Er selbst allein in Herrlichkeit erscheine, und wir in Ihm uns rühmen? … Was entspräche ferner mehr dem Wesen des Christenglaubens, denn sich Gottes als eines gnädigen Vaters zu getrosten, wo Christus anerkanntermassen Bruder und Versöhner ist? Was wäre ihm angemessen, als alles Glück und Heil von dem Gott zu erwarten, dessen unaussprechliche Vaterliebe zu uns so weit ging, dass Er selbst Seines eigenen Sohnes nicht verschonte, sondern Ihn für uns dahingab (Röm 8,32)?“