Buchbesprechung: Das Prinzip der Katholizität der christlichen Kirche

Herman Bavinck. The Catholicity and the Christian Church. Calvin Theological Journal 27 (1992). S. 220-251.

Das Anliegen

Was beabsichtigte Bavinck in diesem frühen Aufsatz, der auf einer Vorlesung in Kampen von 1888 basiert? Es war in der Zeit, als die Bemühungen zur Zusammenführung der beiden Abspaltungen von der niederländisch-reformierten Kirche vorangetrieben wurden. Bavinck war durch seinen Einsitz in die entsprechenden Kommissionen stark in die Ereignisse involviert.

Start- und Ausgangspunkt ist der dritte Teil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bzw. das Bekenntnis an die Universalität der einen heiligen christlichen Kirche. Was war damit gemeint? Angesichts der zahlreichen Irrtümer und Spaltungen ist diese Frage von grösster Dringlichkeit (222).

Die Struktur

Bavinck beantwortet die Frage in dem für ihn üblichen Dreischritt, indem er erstens das Alte und Neue Testament befragt (biblische Theologie), den Linien der Kirchen- und Dogmengeschichte folgt und dann auf aktuelle Fragen Bezug nimmt.

Der Gedankengang

Erster Abschnitt: Was lehrt die Bibel über Katholizität?

Nach der Erschaffung der Welt richtete sich der Fokus rasch auf ein einzelnes Volk – Israel. Die Herrschaft über dieses Volk zeichnete sich durch innere Katholizität aus: Das gottesdienstliche, moralische und politische Leben wurde durch Gottes Gesetze strukturiert. Doch Gesetz, Psalmen und Propheten wiesen schon auf die herrliche Zukunft hin, in welcher die ganze Erde durch den Nachkommen Abrahams gesegnet werden würde. In der Fülle der Zeit sandte Gott seinen Sohn für den Kosmos. Das Christentum kennt weder Rasse, Alter, Geschlecht oder gesellschaftliche Klasse. Das Kreuz Christi versöhnte alle Dinge miteinander. Diese globale Ausrichtung durchlief in der Anfangszeit der christlichen Kirche den ernsthaften Test des jüdischen Exklusivismus. Doch der tiefe Graben wurde abgerissen (siehe Epheser 2,11ff). Bavinck spannt dann den Bogen kurz in das eigene Umfeld: Wer immer sein Leben nur in einem Konventikel, einer kleinen Gemeinschaft (kerkje) verbringe, habe noch nie die Kraft der Katholizität richtig erfahren. Wer sie aber erlebt habe, dem sei es unmöglich, engstirnig zu bleiben (227).

Zweiter Abschnitt: Die Idee der Katholizität in der Geschichte der christlichen Kirche

In den ersten Jahrzehnten und Jahrhunderten erfuhr die Kirche starke Verfolgung. Dies bewirkte Kulturpessimismus . Die ursprüngliche qualitative Antithese zwischen Kirche und Welt wurde in eine quantitative umgekehrt (229). Der Unterschied zwischen heilig und unheilig wurde dadurch in eine Differenz zwischen gut und besser verkehrt. Das christliche transzendiert das Natürliche, anstatt es zu durchdringen und zu heiligen. Nach römisch-katholischem Verständnis beherbergt die Kirche das Christliche. Kirchliche Kunst triumphiert beispielsweise über weltliche Kunst; Zölibat besser als die Ehe, Armut besser als Besitz. Die weltlichen Bereiche wurden so sich selbst überlassen, das Christentum verlore seine immanente, ständig reformierende Kraft. Erst die Reformation bahnte den Weg zurück zur einer qualitativen Unterscheidung. Der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses, nämlich der Glaube an den allmächtigen Vater von Himmel und Erde, wurde wieder gebührend geehrt (236). Die protestantische Ethik ist in mancher Hinsicht rigoroser und strikter; zur gleichen Zeit ist die natürliche Ordnung in sich selbst nicht unheilig. Sämtliche Bereiche sind jedoch von der Sünde durchdrungen. Nicht nur die Kirche, sondern auch Heim, Schule, Gesellschaft und Staat wurden fortan grundsätzlich unter die Herrschaft von christlichen Prinzipien gestellt (238).

Es stellte sich die Frage: Ab wann hört eine Kirche auf eine Kirche zu sein? Die Reformatoren unterschieden zwischen fundamentalen und nicht fundamentalen Artikeln des Glaubens, zwischen Zweifel, Irrtum und Häresie (Irrlehre). Nicht jeder Unterschied konnte also zum Anlass der Trennung werden. In einem Punkt war die Reformation noch nicht durchgebrochen, nämlich bezüglich der Gewissensfreiheit. Es fehlte die Einsicht, dass in diesem Bereich allein Gott Souverän und Richter ist.

Dritter Abschnitt: Die Verpflichtung der Katholizität für die heutige Zeit

Bavinck schreibt der Reformation ein unvollständiges Bemühen zu. Mancher Lebensbereich blieb von den Reformen unberührt (243). Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Politik nahmen nie reformatorische Prinzipien in sich auf. Mit dem Pietismus kam zudem eine Strömung auf, die für den Rückzug ins Private plädierte. Gleichzeitig gesteht Bavinck ein, dass wir – vielleicht noch stärker, als wir es uns denken – von der modernen Weltsicht beeinflusst sind. Das irdische Leben wird nicht mehr primär als Vorbereitung auf den Himmel betrachtet, sondern besitzt eigenen, unabhängigen Wert. Eine starke Beschäftigung mit materiellen Sorgen ist die Folge hiervon. Wir suchen das Leben hier so angenehm wie möglich zu gestalten (245).

Bavinck versucht die Balance zu wahren: Weder verteilt er pauschal die Bemühungen Pietismus (vielmehr sieht er ihre Bemühungen z. B. in der Weltevangelisation). Andererseits sieht er die Gefahr, sich mit einem Leben im eigenen Kreis und etwas Evangelisation zufrieden zu geben und somit viele Lebensbereiche sich selbst zu überlassen (246). Er vergleicht dies mit einem Guerillakrieg, der den Feind punktuell schwäche, jedoch niemals umfassend triumphiere.

Dieser Separatismus wirke sich auf die Kirchenlandschaft aus. Nicht die Reformierung, sondern das Sektierertum floriere. Seine Beschreibungen könnte in unseren Tagen geschrieben worden sein: Man verlässt eine Kirchgemeinde oder besucht sie gelegentlich. Wenn eine Gemeinde nicht länger befriedigt, hält man nach der nächsten Ausschau – ohne Gewissensbisse. Persönlicher Geschmack wird zum entscheidenden Faktor. Mit Verweis auf 1Tim 4,4 – was Gott geschaffen hat, ist gut und nicht verwerflich – sagt Bavinck der Weltflucht den Kampf an. Ruhe habe seinen Platz, es brauche nicht nur Werktage, sondern auch den Sabbat. Es brauche beides: Das Reich Gottes als Schatz zu hüten und es gleichzeitig als Sauerteig in die Welt zu tragen.

Das Fazit

Bavinck thematisiert in diesem Aufsatz die Grundspannung, in der die Kirche bereits vor 150 Jahren stand und heute verstärkt steht: Einerseits ist sie von der Moderne voll erfasst (um nicht zu sagen „aufgefressen“ worden). Diese legt den Schwerpunkt auf die Diesseitigkeit des Lebens. Erkennbar wird dies am krampfhaften Bemühen vieler Gemeinden „relevant“ zu sein. Gleichzeitig bleibt die Tendenz den Glauben im privaten Bereich verbannt zu lassen und dort als Restposten für Momente erhabener Gefühle zu hüten. Das wiederum stärkt den Hang zu einer quantitativen Unterscheidung zwischen dem Alltäglichen und dem Aussergewöhnlichen. Insofern gebe ich Bavinck Recht, dass es Not tut, unseren Glauben in alle Bereiche des Lebens „hineinzudenken“ und entsprechend zu handeln. Mit der Kritik, dass der persönliche Geschmack jeden seine eigene Kirche auslesen suche, hat Bavinck den Konsumismus unserer Zeit vorweg genommen. Zielgruppen-segmentierte Kirchen mit dem Leitprinzip „Unterhaltung“ stellen eine groteske Verzerrung der göttlichen Absicht seiner Kirche und eine Verletzung des Prinzips der Katholizität dar. Die Gegenbewegung des Separatismus scheint mir ebenso wenig eine gute Lösung. Was bleibt der dritte Weg? Ich wünsche mir, dass eine gesunde, die gesamte Schrift auslegende Verkündigung wieder in unseren Gemeinden Einzug hält. Bavinck: „Den freien Gemeinden (free churches) gehört zweifelsohne die Zukunft.“ Mit einer Bedingung: Dass sie die Katholizität des christlichen Glaubens und der christlichen Kirche bewahren.

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