Buchbesprechung: Zukünftige Männer

Douglas Wilson. Future Men. Canon Press: Moscow, 2001. Euro 11,59 (Euro 6,06).

Es herrscht Buben-Erziehungs-Notstand. Schulen und Kirchgemeinden sind feminisiert. Diesem Tatbestand wird in Büchern, Zeitungen und Blogs einige Aufmerksamkeit geschenkt. Die Analyse beunruhigt, darüber ist man sich einig. Nun stellt sich jedoch die Frage: Wie lotsen wir unseren Nachwuchs an den Auswüchsen der virtuellen Welt, der Entscheidungsunfähigkeit, der Dauerbefeuerung durch sexuelle Reize vorbei? Ich kenne kein vergleichbares Buch wie dieses von Doug Wilson. Er zeigt einen Weg zur Erziehung von Jungs jenseits von Verweiblichung und falsch verstandener Männlichkeit.

Vor einiger Zeit habe ich den ersten Drittel des Buches gelesen. Dieser gab mir so viele Anregungen, dass ich es eine Weile ruhen liess, um den Inhalt zu verdauen. Es stand seither auf der inneren Liste der „unbedingt zu lesenden Bücher“. Douglas Wilson, so muss ich zudem vorausschicken, ist ein Kirchgemeinde-, Schul- und Verlagsgründer, Buchautor und Verfasser von Lehrmitteln. Er ist musikalisch, Barträger und überzeugter King James-Leser, Narnia-Kenner der ersten Güte. Er ist ausserdem Vater von drei erwachsenen Kindern und 16 Enkeln. Seine Aussagen sind stets provokant. Wilson ist nicht von der Sorte, der sich ängstlich verkriecht. Ja, er sucht richtig gehend die Konfrontation mit seinem Leser.

Diese Reibung mit dem Autoren erzeugte bei mir verschiedenes: Jede Menge Aha-Momente und Nicken, Lacher, aber auch Schamgefühle. Ich kann Wilson nicht in jedem Detail folgen. Trotzdem kann ich das Buch trotzdem aus vollem Herzen und zur aufrichtigen Prüfung empfehlen. Wenn er beispielsweise die Behauptung aufstellt, dass es für einen Jungen essentiell ist, mit Plastikwaffen, Hölzern und anderen Materialien Schlachten ausfechten zu können, so wird mancher von aktuellen Modewellen erfasster „gewaltfreier“ Erzieher zusammenzucken. Doch die dahinter stehende Mahnung, den Nachwuchs auf den geistlichen Kampf vorzubereiten, ist auf alle Fälle ernst zu nehmen. Bevor wir uns eine Reihe weiterer provokativer Denkanstösse ansehen, ist es hilfreich sich eine Übersicht über den Inhalt zu verschaffen:

  • Wie sieht biblisch definierte Männlichkeit im Gegensatz zur Verweiblichung der Männer aus?
  • Welcher Ruf ergeht an den Vater zur Erziehung seiner Söhne?
  • Was ist die Bedeutung eines „Covenant Home“, das heisst eines Haushaltes, die in einer Bundesbeziehung mit seinem Herrn lebt?
  • Welche Lehrinhalte sollen Väter an ihre Söhne weitergeben?
  • Wie können die Söhne im Kampf mit sich selbst angeleitet werden: Bei verdeckter und offener Sünde, Faulheit, der Geldfalle und im Ausnützen sogenannter „christlicher Freiheit“?
  • Wie kann der Vater positiv auf das Verhältnis der Söhne zu Mutter und Schwestern einwirken?
  • Wie leitet der Vater seine Söhne in der Kirche und in der gemeinsamen Anbetung an?
  • Wie finden Söhne Zugang zur fiktionaler Literatur?
  • Wie knüpfen Jungs gute Freundschaften?
  • Wie gehen sie mit Sport und Wettbewerb konstruktiv um?
  • Wie bereitet der Vater die Söhne auf die Verlobung und Heirat vor?
  • Wie thematisiert der Vater das Thema „Mädchen und Sex“?
  • Wie geht der Vater mit dem Anspruch nach Coolness um?

Nehmen wir uns jetzt einigen diskutierbaren Stellen an:

  • Ein Mann soll nicht umherstehen, wenn es darum geht, Führung zu übernehmen. Er soll die Initiative übernehmen.
  • Ein Junge soll früh die Ehrerbietung gegenüber Mutter und Schwestern lernen. Wilson nennt z. B. die Angewohnheit am Tisch stehen zu bleiben, bis sich die Damen gesetzt haben.
  • Manche Jungs denken, dass sie erst eines Tages dann Gott nachfolgen müssen, doch vorerst noch eine „freie Zone“ der Adoleszenz hätten. Doch Jüngerschaft beginnt als Kind.
  • Jungs lieben es von grossen Taten zu prahlen – während sie auf dem Sofa hängen. Deshalb sollen sie zu harter körperlicher Arbeit angehalten werden.
  • Kluge Eltern stellen faule Kinder der Umgebung als negative Beispiele hin (Spr 24,30).
  • Von 100 Dollar gibt der Sohn 10 der Kirche, weitere 10 für eine gute Sache, spart 30 und hat die übrigen 50 zur freien Verfügung.
  • Die weibliche Frömmigkeit gilt als DER Standard in den Kirchen. Frauen blühen geistlich auf, wenn Männer geistliche Verantwortung übernehmen. Männer verlassen die Kirche, wo Frauen dominieren.
  • Die Bibel spricht viel über Drachen und Riesen. Wir überlesen dies einfach wegen unserer „Brille der Aufklärung“. Wir müssen die Söhne lehren, dass sie Drachenbekämpfer sind.
  • Die Jungs verrichten (in der Schule) das, was eben nötig ist. Die Mädchen gehen gerne die institutionelle Extrameile.
  • Es gibt viele christliche junge Männer, die in der Institution Schule mundtot und passiv gemacht wurden – weil ihnen eingetrichtert wurde, sie müssten alles ertragen.
  • Ein Junge muss gelehrt werden, dass er so lange nicht kämpfen soll, bis er es in Feindesliebe tut. Und: Er soll gegen Ungerechtigkeit kämpfen, vor allem dann, wenn er die einzige anwesende Autorität ist.
  • Wenn die Welt des Sports zum religiösen Kult hochstilisiert wird, dann nimmt wird sie zum Götzendienst. Beispiel: Wenn der Sport am Sonntag zum Gottesdienstersatz wird.
  • Wilson ist – ausgehend von dem Prinzip eines „Haushalts des Bundes“ der Meinung, dass die schärfste Sanktion gegen Bundesbruch die Enterbung ist.
  • Vor der Verlobung soll der Sohn bei den Eltern Rat einholen.
  • Söhne sollen ihren Vätern Rechenschaft über sexuelle Reinheit abgeben – und nicht Gleichaltrigen, die ihr Schicksal teilen.
  • Wilson stellt eine „Theologie der Kleidung“ vor (Kleidung zu verschiedenen Anlässen; Kleidung als Ausdruck unterschiedlicher Absichten; Kleidung als wichtige Metapher des Heils; Gott, der sich bekleidet), um damit eine Ethik der Bekleidung zu begründen.
  • Der „Markenfimmel“ ist verbunden mit einem starken Sog zur Identitätsfindung über Anpassung.  Darum empfiehlt Wilson Verzicht.

Nun zu einigen Lektionen, die ich mir zu Herzen genommen habe.

  1. Wilson beginnt in der Einleitung mit einer Steilvorlage. Er meint: Wir denken über den Glauben, dass er nur zukünftige Dinge beschreibe. Das sei aber eine gnostische Perspektive! Glaube betreffe auch die Gegenwart. Der Glaube sieht im Buben den heranwachsenden Mann. Wenn er ihn auf die Seite nimmt, sagt er ihm ebenso, was GUT war, wie er ihn auch mit Sünde konfrontiert. Der Unglaube sieht hingegen nur die Sünde – und schüttet das Kind mit dem Bade aus.
  2. Im ersten Kapitel beschreibt Wilson ein Sollbild von Männlichkeit in fünf Merkmalen. Ein Mann übt Herrschaft über die Erde aus; er ist geschaffen um ein Ehemann zu werden; er ist ausgerüstet, um Retter zu sein; es wird von ihm erwartet, dass er in der Weisheit wächst; er ist dafür gemacht, um in Gottes Herrlichkeit zu reflektieren. Dies bietet einen hilfreichen Überblick zur Reflektion.
  3. Der nörgelnde Vater diszipliniert deshalb, weil er verärgert oder irritiert ist. Es ist fast unmöglich ihm zu gefallen. Ein weiser Vater lehrt, wenn er diszipliniert. Was hat er im Blick? Die von Gott aufgetragene Herrschaft über diese Erde. Um diese auszuüben, braucht der Mann Stärke, mit der er sein Haus führt und schützt. Ein Vater kann wesentlich zur Ent-Männlichung beitragen, wenn er seinen Sohn in falscher Unterordnung erdrückt.
  4. Manche Eltern gehen von der Vorstellung aus, dass Kinder sich „irgendwann für den Glauben entscheiden“. Es scheint fast, als ob dieser Entscheid nichts mit ihnen zu tun hätte. Doch dem ist nicht so, im Gegenteil: Ein junger Mann wird nicht irgendwann mit Gott seinen Weg gehen. Wilson entwirft das Bild eines „covenant home“ (einem Heim des Bundes). Ein Kind wird in diesen Bund hinein geboren. Alles Bemühen geht dahin, den Buben in diesem Bund aufzuziehen – im Wissen darum, dass nicht alle darin bleiben werden.
  5. Jungs brauchen gesunde geistliche Nahrung. Was sind zwei Hauptmerkmale dieser Ernährung? Sie erhalten erstens eine christliche Weltsicht, das heisst einen Rahmen mit den dahinter liegenden Annahmen zur Realität in Unterordnung gegenüber Christus. Zweitens benötigen sie eine positive Sicht der Zukunft, gespeist von den biblischen Verheissungen.
  6. Eltern können es sich nicht leisten, nichts über die Sünde der Söhne wissen zu wollen. Es gibt zwei Arten von Sünde, versteckte und offenbare. Versteckte Sünde baut auf einer falschen Theologie auf. Sie zieht nicht in Betracht, dass versteckte Sünde ans Licht kommt, dass sie wächst und dass sie stets andere in Mitleidenschaft zieht. Bei offener Sünde geht es oft um Worte, die in unseren Familien ausgesprochen und toleriert werden.
  7. Eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern ist das Lehren einer christlichen Sicht auf Arbeit. Ein Junge, der seiner Faulheit überlassen bleibt, wird für ein frustrierendes Leben vorbereitet. Zudem wird er an den Punkt gelangen (in der Regel bei der Erwerbsarbeit), wo er von seiner Faulheit überführt wird. Ein Fauler lernt zudem nicht, was wirkliche Sabbatruhe ist.
  8. Manche Jungs entwickeln schon von klein auf schlechte Schlafgewohnheiten. Verbunden mit Faulheit kann das zu finanziellen Verlusten führen. Wer eine Arbeit nicht zur vereinbarten Zeit beendigt oder in verlangter Qualität abliefert, trainiert sich in Unehrlichkeit.
  9. Christliche Freiheit wird oft falsch verstanden. Es bedeutet Sklaven Christi zu sein. Der Freiraum wird nicht ausgenützt. Viel mehr geht es um die Haltung: Wie kann ich den Freiraum zum Guten und zum Wachstum in Christus nützen?
  10. Jungs müssen darin angeleitet werden, mit unreinen Gedanken umgehen und ihnen zu widerstehen. Sie dürfen in diesem Thema nicht sich selber überlassen werden. Vor allem muss ihnen klar sein, dass der Anlass stets in ihrem eigenen Herzen und nicht in ihrer Umgebung zu suchen ist!
  11. Väter sollen Mütter anhalten, nicht mit einem harschen und dominanten Verhalten ihre Söhne zu entmündigen und ihnen damit ihre Männlichkeit zu nehmen. Ebenso achten sie darauf, dass sich Mütter nicht von den Söhnen manipulieren lassen – etwa dann, wenn sie etwas von sich selbst erzählen und ihnen als emotionaler Ausgleich Arbeit oder Strafe erlassen wird.
  12. Männer, die sich in der Kirche aus der Verantwortung nehmen und die hinteren Bänke drücken, geben ihren Söhne ein schlechtes Vorbild ab.
  13. Gerade im Umfeld von Kirchgemeinden kann es vorkommen, dass Eltern gerne ihre Kinder mit den Kindern einer anderen Familie befreunden würde. In einer Bundesgemeinschaft muss es jedoch möglich sein, ehrlich zu bleiben. Das heisst: Sagen, dass die Kinder kein guter Umgang für die eigenen wären.

Wilsons Vorgehen in diesem Buch hat mich  doppelt ermutigt: Erstens präsentiert er jedes Thema aus der Schrift. Besonders fallen seine häufigen Zitate aus den Sprüchen auf. Ich nahm mir vor, einige Themen wie Selbstbeherrschung, Faulheit, Geld etc. anhand der Sprüche zu erarbeiten. Zweitens ist Wilson bestrebt (und es gelingt ihm meines Erachtens), weder in die weltflüchtige noch in die anpässlerische Falle zu tappen. Das heisst, er sucht einen dritten Weg zwischen „alles verbieten und tabuisieren“ und dem gedankenlosen „alles ist erlaubt“. Fazit: Dieses Buch wartet auf die Übersetzung.