Buchbesprechung: Zeit für Wahrheit

Os Guinness. Time for Truth. Baker: Grand Rapids, 2001. 128 Seiten. Gebraucht ab Euro 1,50.

Um was geht es? „Die Wahrheit wird dich freimachen.“ So lautet das populäre Motto westlicher Universitäten. Os Guinness setzt hinzu: „Während dieser Text noch immer Wände ziert, animiert er nicht länger die Köpfe. In volkstümlichen und elitären Kreisen des Westens ist eine andere Haltung vorherrschend geworden, wonach Wahrheit tot ist. Wahrheit in einem objektiven oder absoluten Sinn, Wahrheit unabhängig vom Verstand des Erkennenden existiert nicht mehr länger. Im besten Fall ist Wahrheit relativ. Sie ist eine Frage der Interpretation und hängt von der Perspektive ab. Im schlimmsten Fall ist Wahrheit ‚sozial konstruiert‘, nur ein Gegenstand menschlicher Konvention und ein Zeugnis der Gemeinschaft derer, die dies glaubt, und der Macht, die diese etabliert hat.“ (11-12) Unsere Welt ist eine Welt der Lügen und des Schwindels, die eine Eigendynamik nach sich zieht (engl. „a world of lies, hype, and spin“; Untertitel des Buches). Der Skeptizismus bedeutet den Tod für unsere Gesellschaft und insbesondere für das amerikanische Experiment (13). Nachdem ich diese These gelesen hatte, dachte ich: Zum Glück ist Os Guinness Religionssoziologe und scharfsinniger Denker. Nur zu leicht kippen derartige Gegenwartsanalysen in undifferenzierte, düstere Zukunftsprognosen ab, von denen einen das Gefühl beschleicht, dass eben darin eine gewisse Befriedigung gefunden wird.

Was sind zentrale Aussagen des Buches? In der Mitte baut Guinness die Wirkung der Lüge am Beispiel des Skandals um den damaligen Präsidenten Bill Clinton auf. Er fungierte als eine Art „Einfallstüre“. Anhand seiner Taktik veranschaulicht Guinness sieben Gewohnheiten postmoderner Lüge (60-64):

  1. Die Behauptung, dass Wahrheit kreiert wird, kommt einem Triumpf des Intellekts über die Realität gleich.  
  2. Der Mensch tendiert dazu, verschiedene Rollen zu spielen und damit verschiedene Leben vorzutäuschen.
  3. Dies ist eng verbunden mit einer Abhängigkeit vom Image bei anderen Menschen, also Menschengefälligkeit.
  4. Dafür müssen andere beeindruckt werden. Dies wiederum übersteuert das Schamgefühl und stumpft es ab.
  5. Tatsachen müssen verdreht werden. Deshalb wird mit der Wahrheit gespielt.
  6. Um zu siegen, wird ein „Powerplay“ der Macht aufgezogen.
  7. Geschichten erhalten einen sehr hohen Stellenwert über Inhalte.

Durch solche Manöver verändert sich das gesellschaftliche Klima: Die rationalen Kriterien zur Wahrheitsfindung werden aufgeweicht und das Gewicht politischer Winkelzüge verstärkt (58). Ohne Wahrheit sind wir der Manipulation stärker ausgeliefert (82). Die Krise der Wahrheit führt zu einer Krise der Freiheit (87).

Wie ist das Buch aufgebaut? Die Krise um die Wahrheit wirkt sich insbesondere in der Ethik und im Charakter des Einzelnen aus (Kapitel 1+2). Sie gewinnt auf globaler und auf nationaler Ebene an Einfluss (Kapitel 3). Welches sind zentrale Argumente für die Wichtigkeit der Wahrheit (Kapitel 4)? Mit welchen Strategien können Christen denen begegnen, welche Wahrheit bestreiten (Kapitel 5)? Und welche Entscheidungen müssen sie treffen, um selbst in der Wahrheit zu stehen und zu leben (Kapitel 6)?

Guinness hat eine Gabe, Dinge auf den Punkt zu bringen. Hier sind einige Zitate:

  • „Die Auffassung des Bösen verschob sich von der theologisch definierten ‚Sünde‘ zum gesetzlichen Terminus ‚Verbrechen‘ zur psychologischen Kategorie ‚Krankheit‘.“ (28; Zitat nach Karl Menninger)
  • „Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur Spass oder Langeweile.“ (34)
  • „Dies sind meine Prinzipien. Wenn du sie nicht magst, nun, dann habe ich andere.“ (41)
  • „So lange die Story unterhält, wer schert sich um die Wahrheit?“ (43)
  • „Wenn Wahrheit stirbt und Macht das operative Prinzip der Rede wird, dann resultiert daraus Anpassung, die ‚Tyrannei des Konsens‘.“ (53)
  • „Ohne Wahrheit wird eine Überzeugung zur Spekulation, kombiniert mit Ernsthaftigkeit.“ (78)

Was habe ich gelernt? Ohne Wahrheit sind wir nicht in der Lage der Realität zu begegnen (13). Unsere Haltung sollte aber aus Klage und Protest bestehen. Was ist die Alternative?

  • Erstens ein rigoroser Umgang mit uns selbst. Wir sollten „Menschen der Wahrheit“ werden und befreit leben (15). Johannes fordert uns dazu auf, im Licht zu leben. Mit persönlicher Integrität wollen wir den persönlichen Verzerrungen und Lügen unseres Lebens auf die Schliche kommen (120).
  • Zweitens ein fairer und sorgfältiger Umgang mit anderen. Wenn wir argumentieren, sollten wir dies auf dem „Terrain“ des Gegenübers tun. Das bedeutet: Relativiere die Relativisten! Wir müssen den Skeptizismus konsequent auf den Skeptiker anwenden und ihm die Konsequenzen der eigenen Überzeugung aufzeigen (94).

Stellenweise war ich im Lesefluss etwas gestört durch die zahlreichen Geschichten und Zitate. Mein Rat an den Leser ist deshalb, sich nicht zu stark an diesen Stellen aufzuhalten.