Kolumne: Ich bin auch ein Tierfreund

„Das ist ungewohnt!“ Dies war die spontane Reaktion mehrerer Freunde. Man trifft mich mit einer schwarzen Pudelwelpe auf Spaziergang. Ja, es ist ungewohnt. Auch für mich. Zwei Wochen gehört ein junger Hund zu unserer Familie; wir sind sozusagen seine Urlaubsdestination.

Wer profitiert von wem?

Ich liebe lange Spaziergänge. Durch den Hund erhalte ich nicht nur die Legitimation, sondern ernte gar noch Komplimente dafür. (Aber Achtung: Ein Hund kann auch zur willkommenen Ausrede werden, um Aufgaben und Problemen auszuweichen, indem Mann sich aus dem Staub macht.)

Vom Hund werde ich mit viel Aufmerksamkeit bedacht. Sie liegt mir auf den Schuhen und versteckt sich hinter mir. Wenn ich mich bewege, blickt sie in die gleiche Richtung. Wenn ich Richtung Ausgang schreite, kommt sie Schwanz wedelnd daher. (Ich glaube, dass Tiere zum Ausgleich für fehlende Beachtung gehalten werden.)

Ein Spiegelbild der eigenen Stimmung

Mit jedem Menschen in unserer siebenköpfigen Familie unterhält der Hund seine eigene Beziehung. Sie weiss genau, mit wem sie was anfangen und mit wem sie wie weit gehen kann. Wer seine innere Spannung an ihr entlädt, indem er sie zwanzigmal reizt, muss sich nicht wundern, wenn sein Umgang mit wildem Bellen und Schnappen quittiert wird. Sie springt mich nicht an und „zwackt“ mich auch nicht. Ich bin ihr Kumpel in gefahrvollen Situationen (z. B. bei grossen Hunden), bei längeren Spaziergängen und dann, wenn sie ganz schnell nach draussen muss.

Gemeinsame Erlebniswelt

Das grösste Erstaunen löste bei mir die Reaktion von Spaziergängern aus. Hundefreunde jeden Alters und beiden Geschlechts überhäuften mich mit Komplimenten. Zwei, drei Buben und dazu noch ein junger Hund! Das muss der vollendete Papa sein. Noch nie in meinem Leben, auch nicht als ich mich mit allen fünf Kindern in Extremsituationen im öffentlichen Raum bewegte, wurde ich so mit Lob überhäuft. Nachdem ich mich von der ersten Verblüffung erholt hatte, fragte ich mich nach dem Grund. Meine These: Die Menschen haben mehr Interesse an Tieren, weil die meisten von ihnen mehr Erfahrung mit Tieren als mit mehreren Kindern haben.

Anknüpfungspunkt für Gespräche

Als Hündeler ist Mann sofort im Kontakt mit anderen Menschen. Das sichtbare Objekt des Erstkontakts ist der Vierbeiner. Mann spricht über Charakter, Erziehung, Angewohnheiten, das Wetter und schliesslich auch über das eigene Leben. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten. Wer sonst mit gesenktem Haupt an vorbeirennt, blickt mich plötzlich mit offenem Gesicht an und beginnt einen Schwatz.

Zudem: Der Gesprächseinstieg nach dem Gottesdienst fällt viel leichter! Menschen, die sich schnell zurückziehen und kaum Einblick in ihr Leben und schon gar nicht in ihre Gedanken geben, öffnen sich plötzlich. Der Austausch von Erfahrungen führt unverhofft unter die erste Schicht der Höflichkeit. Unwillkürlich entfährt mir ein Seufzer. Wenn der Einstieg in das Gespräch über die Predigt doch ebenso mühelos von statten gehen würde!

Erziehung in Schlüsselmomenten

Natürlich gilt es auch die Parallelen zur Kindererziehung im Auge zu behalten. Führungspotenzial,  Präsenz und Konsequenz bilden sich eins zu eins beim Tier ab. Schlüsselmomente prägen den Verlauf der restlichen Zeit. Gibst du Leine, wenn du sie bei dir halten sollst? Muss sie dir auch dann gehorchen, wenn sie nicht möchte? Erlaubst du gar eine Rollenumkehr? Ziehst du die Anordnungen durch, dass sie sich zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Räumen nicht blicken lassen soll? Daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, ist ungemein lehrreich.

Mein Umgang mit Tieren und der Einfluss des Evangeliums

Gott ist der Schöpfer von Menschen und Tieren. Seine Wahrheit ist die Wahrheit für das ganze Leben. Durch die Sünde sind Mensch und Tier einander entfremdet. Beide leiden unter dem eigenen Ungehorsam und unter dem des Gegenübers.

Ja, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Halten von Tieren und dem Einfluss des Evangeliums. Die gute Botschaft entfremdet nicht von der Natur, sondern die Gnade stellt eben diese Beziehungen zumindest teilweise wieder her. Zwei Lektionen:

  1. Zurückstehen: Ein Tier lernt mich zurückzustehen. Allerdings gilt es auch für das Umgekehrte: Das Tier kann einen Platz in meinem Leben bekommen, der Gott allein gehört. Ich bin überzeugt, dass mancher Tierfreund in Wirklichkeit vor allem Freund von sich selbst ist. Tierdienst kann Götzendienst werden.
  2. Sorgen: Körperpflege, Ernährung, Training, Zuwendung – all dies wird von einem Tierhalter verlangt. Auch dies kann sich schnell in eine ungesunde Richtung entwickeln. Über dem Tier wird der Ehepartner oder die Beziehung zu Gott vernachlässigt.

In wenigen Tagen werde ich wieder alleine oder nur mit meinen Kindern unterwegs sein. Dann muss ich selber bellen, um wieder Beachtung zu bekommen.