Buchbesprechung: Young, Restless, Reformed

Collin Hansen. Young, Restless, Reformed. Crossway Books: Wheaton, 2008. 162 Seiten. Euro 6,80 (Kindle-Version).

Above all I Thank the God who found nothing good in me but saved me nonetheless.

My friends read John Piper’s book Desiring God and learned from Wayne Grudem’s Systematic Theology. They wanted to study at the Southern Baptist Theological Seminary and sent each other e-mails when they saw good sales for the five-volume set of Charles Spurgeon sermons.

Sechs Jahre danach

Das Buch ist mittlerweile sechs Jahre auf dem Markt. Collin Hansen, damals Christianity Today-Journalist, heute in leitender Funktion bei der Gospel Coalition, hat bereits ein Interview „5 Jahre später“ gegeben. Austin Fischer brachte „Young, Restless, No Longer Reformed“ auf den Markt. (Kevin DeYoung hat eine hilfreiche Rezension zu diesem Buch geschrieben.)  Verschiedene Exponenten wie Marc Driscoll oder C. J. Mahaney haben turbulente Zeiten hinter sich. Trotzdem: Es lohnt sich, das Rad einige Jahre zurück zu drehen. Collin Hansen reiste durch das Land, um Orte des Aufbruchs um den sogennanten „New Calvinism“ zu besuchen und den Puls eins zu eins zu spüren. Was hier folgt, könnte man einen „assoziativen Durchgang“ durch das Buch nennen. Ich kommentiere Aussagen des Buches und beschreibe den eigenen inneren Widerhall.

Die Initiative geht von Gott aus

Es geht mir hier weniger darum, Orte und Personen aufzulisten, als vielmehr den Zug einer jungen Bewegung zu erfassen versuchen, der ich mich selbst verbunden, ja zugehörig fühle. „Die Initiative, Souveränität und Macht Gottes ist die einzig sichere Hoffnung für die sündigen, wankelmütigen und schwachen menschlichen Wesen.“ (15) Nicht wir dringen zu Gott durch, sondern Gott dringt zu uns durch. Diese Umkehr im Denken liegt der gesamten, Denominationen übergreifenden Bewegung zugrunde. Sie erfasst jedoch, wie John Piper – Wortführer der ersten Stunde – richtig sagte, nicht nur den Verstand, sondern lässt auch das Herz singen (17).  Joshua Harris (Verfasser des Buches „Ungeküsst und doch kein Frosch“)) bringt mein eigenes Erleben auf den Punkt: Alles, womit ich aufgewachsen war, kann man mit „mensch-zentriert“ zusammenfassen (19). Es erfasste mich ein Hunger nach dem transzendenten Gott, der nicht als jemand beschrieben wird, der „herumsitzt und darauf wartet, bis unsere Party beginnt“ (21). Ich wollte nicht mehr ständig vor Augen gehalten bekommen, dass es auf deine Aktion, deine Auswahl und deine Entscheidung ankommt. In anderen Worten, ich war das moralistische Verständnis von Religion leid (22). Es erschüttert mich, wenn ich Erwachsene antreffe, deren „Sonntagschul-Karriere“ das Grundverständnis geprägt hat, dass Gott so etwas wie göttlicher Butler und kosmischer Therapeut darstellt. Am besten könnte man dann eine Liste mit Do’s and Dont’s zusammenstellen.

Wo bleiben die Inhalte?

Wonach ich mich sehnte, waren Predigten, die Inhalt aufwiesen, anstatt Abklatsch unserer Alltagskultur zu sein (vgl. 25). Nicht die Megachurch mit ihren Parkeinweisern und der Kino-Atmosphäre schwebte mir vor (27). Ich begann Johannes Calvin zu lesen. Er war nicht so schwierig, wie es mir verschiedene angekündigt hatten (30). Calvin systematisierte, was ich in der ganzen Schrift seit Jahren gelesen hatte, nicht nur an einigen von mir vorselektierten Lieblingsstellen (30).  Diese Theologie begann mein Denken und Handeln zu erfassen. Das Ziel ist eine vertiefte Anbetung Gottes und ein kraftvoller Dienst für seine und nicht für meine Sache. Ich glaube, dass eben hier die Krux liegt: Wir wollen Gott nicht zu viel an Kontrolle übergeben. Und richtig: Nirgends in der Bibel laden Menschen Gott ein, in Beziehung mit ihm zu treten. Es läuft stets umgekehrt: Gott sucht den Menschen (42).

Sowohl als auch

Ich habe das stete Aufbegehren im Ohr: „Ich verstehe Gott nicht.“  Ja, ich verstehe vieles nicht. Wenn du nicht damit beginnst, dass du es verdienst in die Hölle zu kommen, dann taucht bald der Gedanke auf, dass Gott unfair sein könnte (44). Viele unbequeme Stellen der Bibel müssen dann übergangen oder gar ausgemerzt werden. Gottesdienste sollen möglichst kurz dauern. Warum auch? Ein Film dauert gut und gerne zwei Stunden und kaum einen reut die Zeit. Warum auf Details zum historischen Kontext verzichten (vgl. 48)? Inhaltliche Dichte, um dem Alltag zu entschweben? Keineswegs. Das geht nicht zulasten einer realistischen, auf die Täler und Tränen unseres Alltags gerichteten Sicht (49). Auch nicht auf Kosten von Gefühlen und Erfahrungen. Gerade diese möchte der souveräne Gott bewegen und heiligen (vgl. das Statement von J. I. Packer, 53:  “The charismatic renewal emphasized experience and affections – topics important to the Puritans.”) Natürlich landen wir bei Jonathan Edwards, der uns zeigt, wie wir mit unseren Emotionen zurechtkommen können, ohne einen ungesunden Emotionalismus Vorschub zu leisten („Edwards teaches us how to be emotional without succumbing to emotionalism, how to value doctrine without become doctrinaire.“ 57)

Der Postmodernismus, der sich in den letzten Jahren wie Nebel in unserer Umgebung und auch in unseren Gemeinden verbreitet hat, verstärkte bei mir das Bedürfnis nach Ausgewogenheit zwischen Verstand un Emotionen, Sinn und Sensibilität, wissenschaftlicher und romantischer Weltsicht (61). Ich wollte nicht mehr vor komplexen Themen zurückschrecken, ebenso wenig davor, heute und morgen lebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Dies muss jedoch auf eine jugendliche Art und Weise geschehen, wie es sich für einen Mittdreissiger (noch) gehört (64).  Ich wollte den Gottesdienst nicht mit einer To-Do-Liste, sondern mit Futter zum Denken und Handeln verlassen (65).

Das Evangelium für das ganze Leben

Albert Mohler bringt ein weiteres Anliegen auf den Punkt. „Meine Agenda ist das Evangelium.“ Dabei refussiert er ein bestimmtes Label. Wenn es jedoch nach Punkten geht, ja, dann steht er zu den fünf Punkten des Calvinismus (74).  Das Label „Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift“ genügt nicht; viele bekennen sich dazu, doch der (Gemeinde-)Alltag spricht eine ganz andere Sprache. Wir müssen doch verstehen, wie sich dies im Leben ausbuchstabiert (vgl. 77)!

Ja, neben Johannes 3,16 steht 3,27: „Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ (88) Und: „Wenn Gott das Innere verändert, lässt er das Äussere oft so, wie es ist.“ Der Calvinismus präsentiert Gott als gross genug um zu heilen ebenso wie seinen Segen zurückzuhalten und unseren Glauben zu testen (95). C. J. Mahaney – in der Zwischenzeit durch weitere schwierige Jahre gegangen – bringt es auf den Punkt: „Wie geht es dir?“ – „Besser, als dass ich es verdiene.“ (100)  Auch Marc Driscoll, der durch die negativen Schlagzeilen enorm an Glaubwürdigkeit eingebüsst hat, kommt im Buch zu Wort. Es wäre aus meiner Sicht jedoch verkehrt, all das, was in Seattle passiert ist, einfach zu verbannen. Wie oft habe ich gerade jüngere Männer getroffen, die mir bezeugten, dass sie die klaren, direkten, manchmal ruppigen und die Grenze der Höflichkeit überschreitenden Botschaften von Driscoll geistlich am Leben erhalten haben.

Es ist Michael Horton zuzustimmen: „Du brauchst nur dann einen grossen Erlöser, wenn Gott wirklich heilig ist. Sonst benötigst du einen Coach und Therapeuten oder einen CEO.“ (110) Diese Aussage hallt noch heute in mir nach. Ehrlicherweise bleibt doch in vielen Predigten wenig mehr übrig als das von Horton Genannte. Was wir lehren, treibt dann unser Leben an, auch wenn wir uns unserer Lehre nicht bewusst sind (119; „doctrine dictates deeds“). Shai, Rapper, gibt zu Protokoll: „Repräsentiere. Schäme dich des Evangeliums nicht. Vertrete den Herrn Jesus Christus.“ (119) Was uns ansteht, ist „demütige Orthodoxie“. Wir wollen die Wahrheit und zwar die ganze, so dass sie uns ganz hinneinnimmt und verändert (120). Wir stehen dazu, dass wir noch längstens nicht an diesem Punkt angelangt sind. Überzeugung muss sich mit Milde paaren („If Christians will meet today’s cultural challenge, they must couple conviction with meeknes.“ Joshua Harris, 120) So ergeht von dieser Bewegung die Einladung zu einem neuen Lebensstil, der von theologischen Überzeugungen getrieben ist (124). Es ist keine absurde Idee, in einer Jugendgruppe die Systematische Theologie von Wayne Grudem zu studieren. Im Gegenteil. (122) Die ganze Bibel lesen? Selbstverständlich. Machen wir uns auf, um die Heilsgeschichte als Ganzes zu studieren.

Dem Internet sei Dank

Das Internet hat für die Reformierte Theologie das bewirkt, was MTV für die Hip-Hop-Kultur getan hat (133). Ich habe selbst viel von den Ressourcen, welche die Gospel Coalition zur Verfügung stellt, gelernt. Die Bewegung steht klar, wo der gesellschaftliche Wind in eine andere Richtung weht: Komplementarische Sicht Mann/Frau, Irrtumslosigkeit der Bibel, stellvertretende Sühne, Himmel und Hölle und Homosexualität (139). Manche ihrer Vertreter haben schon vor Jahren erfasst, was Not tut: Abschied zu nehmen von den angepassten, von der Moderne vereinnahmten „sucher-sensiblen“ Gottesdiensten (vgl. 144; Driscoll: „We’re seeker-hostile. We’re seeker-insensitive. It’s like you punch a guy in his face, and he brings his two friends and says, ‘Hey, can you punch them too?’ It’s a weird phenomenon. I’m not going to lie to you.“)

Hier geht es zu einigen im Buch erwähnten Ressourcen:

Fazit

Zwei Fragen stellen sich mir:

  1. Wie steht es mit der Kritikfähigkeit einer solchen Bewegung? Meine (vorläufige) Antwort: Wir sind begnadigte Sünder, das heisst, wir tun uns wie andere schwer damit. Wenn das Ziel jedoch Gottes Herrlichkeit sein soll, dann steht es uns wohl an, zu Sünden zu stehen und uns unter Fehler zu beugen. Auf Kritik, wie sie beispielsweise von John MacArthur kommt (siehe dieser Beitrag), muss gehört werden.
  2. Brauchen wir noch mehr Bewegungen und Richtungen hier in Europa? Meine (überzeugte) Antwort: Wir brauchen dringend eine Reformation durch das Wort Gottes. Etwas vom Entscheidensten ist die Rückkehr zu auslegenden Predigten . Wir benötigen ebenso sehr Nahrung für die Seele in Form von guter Literatur. Deshalb freue ich mich sehr über Initiativen wie Evangelium21 und Josia.