Buchbesprechung: Ein Panorama der biblischen Heilsgeschichte für Hauskreise

D. A. Carson. The God Who Is There. Baker Books: Grand Rapids, 2010. 240 Seiten. 12,30 Euro (9,73 Euro Kindle-Version)

Nachdem ich vier Werke Carsons, in denen er sich intensiv mit der Gegenwartskultur auseinandersetzt, vorgestellt habe, präsentiere ich eine wichtige Ergänzung: Sein Buch zur biblischen Heilsgeschichte.

Wer Carson liest oder ihn schon mal sprechen gehört hat, weiss um sein ungemein tiefgehendes biblisches Wissen (als Neutestamentler und Exeget), aber auch um seinen äusserst soliden Hintergrund, was aktuelle gesellschaftliche Fragen angeht. Einer der faszinierendsten Berichte betrifft sein Vorgehen, um die Gute Botschaft weiter zu tragen. Er geht durch die biblische Heilsgeschichte, um die grossen Linien aufzuzeigen. Im Laufe dieses erzählenden Vorgehens bieten sich tausend Chancen nicht nur für Fragen des Gegenübers, sondern auch für Vertiefungen. Ausgehend von der biblischen Heilsgeschichte lassen sich die wesentlichen Fragen des Menschen erst richtig formulieren. Ja noch mehr: Das grosse Bild befähigt das Eingehen auf die aktuellen gesellschaftlichen Fragen.

Manchmal lohnt es sich nur schon, die Überschriften von Kapiteln (und Unterkapiteln) zu studieren. Beeindruckt bin ich von dieser Struktur, denn sie zeigt Gott als Handelnder in seiner Geschichte. D. A. Carson hat eine feine Übersicht zur Erzähllinie der Bibel geschrieben.

  • Der Gott, der alles gemacht hat
  • Der Gott, der Rebellen nicht auslöscht
  • Der Gott, der seine eigenen Verpflichtungen schreibt
  • Der Gott, der Gesetze schafft
  • Der Gott, der regiert
  • Der Gott, der unendlich weise ist
  • Der Gott, der ein menschliches Wesen wurde
  • Der Gott, der die Neugeburt schafft
  • Der Gott, der liebt
  • Der Gott, der stirbt und wieder lebt
  • Der Gott, der die Schuldigen gerecht spricht
  • Der Gott, der sein Volk sammelt und verändert
  • Der Gott, der sehr zornig ist
  • Der Gott, der triumphiert

Schauen wir uns die Struktur der einzelnen Kapitel näher an. Ich nehme als Beispiel gleich das erste Kapitel „Der Gott, der alles gemacht hat“. Carson beginnt mit einigen Erläuterungen zum Stellenwert der Bibel früher und heute. Dann zitiert er je einen Abschnitt aus 1. Mose 1+2, den Rest fasst er in eigenen Worten zusammen. Drittens folgt eine Vertiefung zur Frage „Biblischer Schöpfungsbericht und Wissenschaft – wie passt das zusammen?“. Dabei nimmt er Bezug auf aktuelle Publikationen z B. der Neuen Atheisten. Carson fasst in zwei weiteren Abschnitten einige wichtige thematische Erkenntnisse zur Gotteslehre und zur Lehre des Menschen zusammen. Er schliesst mit Anwendungspunkten, wie die Geschichte des Anfangs in die gesamte Heilsgeschichte und in das einzelne Leben eingefügt werden kann. Carson kombiniert also die Elemente des Zitierens, Zusammenfassens, Argumentierens auf aktuelle Fragen sowie auf systematische Lernpunkte über Gott und den Menschen.

Wie sieht eine thematische Vertiefung aus? Carson begegnet auf diese Weise zeitgenössischen (Fehl-)Konzepten. Er stellt ihnen in Kürze die wichtigsten biblischen Aussagen gegenüber. Nehmen wir das Beispiel der Liebe Gottes.  Heute gehen – im Unterschied zu anderen Etappen der Menschheitsgeschichte –  viele von einem Gott der Liebe aus. Dabei denken sie an bestimmte Qualitäten dieser Liebe. Dahinter verbergen sich bestimmte Annahmen über die Natur dieser Liebe: Liebe verurteilt nicht. Sie verdammt niemanden. Sie lässt jeden das tun, was er will. Carson zeigt vier Wege auf, wie die Bibel Gottes Liebe beschreibt (135-137):

  • Es gibt eine Liebe innerhalb der Gottheit, also innerhalb des dreieinen Gottes. Die Bibel spricht ausdrücklich von der Liebe des Vaters für seinen Sohn und der Liebe des Sohnes für den Vater (Joh 3,35; 5,23; 14,31).
  • Gottes Liebe kann sich auf seine allgemeine Fürsorge gegenüber seiner Schöpfung beziehen. Gott sendet Sonne und Regen auf die Gerechten und die Ungerechten. Diese Liebe ist vorsorgend und nicht-diskriminierend (Mt 5,44-47).
  • Manchmal ist Gottes Liebe selektiv. Sie erwählt den einen und nicht den anderen. Jakob wurde geliebt, aber Esau gehasst (Mal 1,2-3). Das ist eine sehr starke Sprache. In 5. Mose 7 und 10 wirft Gott die rhetorische Frage auf, warum er die Nation Israel erwählt hat. Dies lag nur an seinem Vorsatz, es hatte nicht mit der „Güte“ des Volkes zu tun!
  • Wenn Gott mit seinem eigenen Volk in eine Beziehung getreten ist – das meint üblicherweise, dass er in eine Bundesbeziehung mit ihnen trat – dann wird seine Liebe oft als bedingt beschrieben. Judas fordert am Schluss seines Briefes auf, sich selbst in der Liebe Gottes zu halten (Jud 21).

Fazit: Ich schätze D. A. Carson vor allem deshalb, weil er stets bestrebt ist, aus dem Wort Gottes zu predigen und nicht nur ein akademisches Publikum anspricht. Zu allen 14 Kapiteln gibt es ein Leiterhandbuch sowie – umsonst – ein Video mit einem Vortrag von D. A. Carson. 

Das Buch hat mich dermassen gepackt, dass ich gerne ausgehend von diesen Kapiteln in 14 Einheiten selber die biblische Heilsgeschichte erzählen würde, am liebsten in einem evangelistischen Hauskreis. Ich könnte mir vorstellen, dass die Vielfalt und Dichte der Inhalte dafür noch etwas zurückgenommen werden müsste.

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