Buchbesprechung: Angriff auf die Moderne

Georg Huntemann. Angriff auf die Moderne. R. Brockhaus: Wuppertal, 1966. 184 Seiten. Antiquarisch ab 0,55 Euro.

Frühwerk eines Charakterkopfs

Ich liebe Charakterköpfe. Sie leben hingebungsvoll für eine Sache. Sie stehen mit ihrer Meinung hin, auch wenn sie die einzigen sind. Als solcher Charakterkopf wurde mir Georg Huntemann (1929-2014) vorgestellt. Als junger Theologe wechselte er vom „liberalen“ zu einem „bibeltreuen“ Standpunkt. Die STH Basel, an der Huntemann 35 Jahre lang als Ethiker lehrte, bezeichnete ihn anlässlich des 80. Geburtstag als markanten und originellen Theologen.  Als Gemeindepfarrer betreute er in Bremen aktive Kirchgemeinden. „Die Zeit“ bezeichnete ihn 1967 als „Troublemaker unter evangelischen Theologen“. Umso mehr interessierte mich sein frühes Buch von 1966 „Angriff auf die Moderne. Christusglaube zwischen gestern und morgen“.

50 Jahre später noch aktuell?

Im Vorwort schreibt Huntemann, dass er den Inhalt für das gewöhnliche Fussvolk (so meine Worte) konzipiert hätte. Er widmet sich in 10 Kapiteln, inhaltlich dem Apostolischen Glaubensbekenntnis folgend, aktuellen modernen Fragestellungen und Antworten. Das Werk ist gespickt von Bezügen zu damals aktuellen Publikationen aus Wissenschaftsgeschichte, Religionsphilosophie, Psychologie und Theologie. Sieht man einmal vom Erscheinungsjahr ab (und das sollte man immer, wenn man die Aktualität einer Publikation beurteilen sollte), präsentieren sich die Problemstellungen so fremd nicht. Nur hat sich der Disput verschoben. Er betrifft nach wie vor die evangelische Kirche, doch mittlerweile hat er längst die evangelikale Landschaft erfasst. Wo hört man noch über Hölle, Sünde und Bibel? Ja, sie tauchen wohl in aktuellen Bestsellern auf. Doch der oft im narrativen Stil dargebotene Inhalt präsentiert theologische Antworten, wie sie vor 50 Jahren eben von der Bekenntnisbewegung innerhalb der Landeskirche gebrandmarkt worden waren. Wer getraut sich heute zu brandmarken? Wahr und falsch ist Ansichtssache, eher wichtig ist „anregend“ oder „langweilig“. Irrig ist einzig die Meinung, dass Lehre und Irrlehre genau auseinander dividiert werden könnten. Huntemann fällt demnach unter den postmodernen Häresieverdacht. Ein Grund mehr, das Buch zu lesen.

Die Agenda

„In diesem Buch geht es darum, dass alles, was auf dieser Welt geschieht, als Schatten der Christuswahrheit verstanden wird.“ (24) Neben dem Titel füge ich eine kurze Bemerkung mit einem Schlüsselargument aus dem entsprechenden Kapitel ein.

  1. Ist der Glaube eine unsichere Angelegenheit? (Die Wahrheit über sich und die Welt kann der Mensch nicht in sich selbst finden.)
  2. Neue Welt – Alter Gott? (Technik ist die weitergehende Schöpfung Gottes – aber im Sperrfeuer des Bösen.)
  3. Passt das Christusbild noch in unsere moderne Seele hinein? (Der Mensch als zwiespältiges Wesen will Gott, weil er auf ihn hin geschaffen ist, und dennoch lehnt er sich gegen Gott auf.)
  4. Kann man noch an die Wunder der Bibel glauben? (An ein Wunder glauben, an das Zeichen, das Gott gesetzt hat, bedeutet: Verstehend hinnehmen!)
  5. Die Misere der Welt – ein Beweis gegen Gott? (Die Welt wäre ein Beweis gegen Gott, wenn es nicht das Zeichen des Kreuzes gäbe.)
  6. Brennt in der Hölle ein Feuer? (Der moderne Mensch ist in einer geistigen Kurzatmigkeit dem Augenblick verfallen.)
  7. Wo bleibt noch Platz für den Himmel? (Die Natur lässt sich nicht für die Ewigkeit zwingen.)
  8. Kümmert sich Gott um unser Leben? (Das Wirken Gottes in unserem Leben ist ein Wirken auf ein Ziel hin. Nur wer dieses Ziel im Glauben sieht, kann glauben und sehen, dass Gott in sein Leben hineinwirkt.)
  9. Reden Christen zu viel von der Sünde? (Christen können zuviel von Moral, sie können nicht genug von der Sünde reden.)
  10. Adam und Eva – Urmensch und Übermensch? (Erst im biblischen Anspruch erkennen wir den Massstab für das Woher, Warum und Wozu menschlichen Daseins.)

Anfangsmühen, Fortsetzungserfolg

Ich gebe freimütig zu: Zuerst musste ich mich an Stil und Wortwahl des Autoren gewöhnen. Wenn er etwa die Kosmologie und Christologie des katholischen Theologen und Forschers Teilhard de Chardin (1888-1955) herbeizieht, musste ich anfangs leer schlucken. De Chardin war mir nicht eben als bibeltreuer Theologe bekannt. Huntemann kriegt jedoch den Bogen, indem er munter und fröhlich – also ohne beleidigende Seitenhiebe – bestimmte Aspekte solcher Theologen in seine Gesamtbotschaft hineinnimmt. Bei de Chardin ist die „Christifizierung“ der zentrale Gedanke: Der gesamte Kosmos scheint uns modernen Zeitgenossen zwar mechanistisch-statisch zu sein; in Wirklichkeit bewegt er sich jedoch auf ein Ziel zu (siehe S. 41). Auch Freud und Jung werden (im zweiten Kapitel) gestreift. Ein gelegentlicher Bezug zu Nietzsche darf ebenfalls nicht fehlen.

So ab Mitte des Buches hatte mich das Buch so richtig gepackt. Ich nahm es mehrere Tage mit, um darin zu lesen. Einige Proben gefällig?

  • Christus für das ganze Leben: „Es wäre schleichende Schwindsucht in degeneriertem Christentumsverständnis, wenn wir das Christentum auf die Innerlichkeit oder die Moral einengten. Es gibt nichts auf dieser Welt, das nicht – im Ja oder Nein – im Bösen oder im Guten – zur Christuswahrheit hin in Beziehung stünde, denn ‚aus ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge‘.“ (25)
  • Die Gefahr des Missbrauchs der Technik: „Die Technik macht bodenlos und ehrfurchtslos, weil der technische Mensch alles selbst machen kann und machen will. Technik ist die grosse Entzauberung der Natur und der Seele. Der Mensch will sich durch die Technik erlösen. Aber in Wirklichkeit wird er durch die Technik versklavt, weil er in ihrer Maschinerie seiner Freiheit beraubt wird. … Technik ist die weitergehende Schöpfung Gottes – aber im Sperrfeuer des Bösen.“ (37+44)
  • Predigtkonsumation: „Heute kann man Gottesdienste, Predigten und Vorträge zu religiösen Themen ungestraft bei einer Flasche Bier im Fernsehsessel erleben. Heute lässt man sich gern den ‚lieben Gott‘ herbeizitieren, um eine erbauliche Stunde für eine Familienfeier zu geniessen: Taufe, Trauung, Bestattung. … Es fehlt aber das Betroffensein – der Einbruch des mich in die Entscheidung rufenden Christusbildes.“ (52)
  • Die Demontage der Bibel: „Die Evangelien wurden auf die Werkbank der Kritik gezwängt, auseinandergenommen, in Teile zerlegt, in ‚Einflüsse anderer Religionen‘ aufgelöst, auf ‚Gemeindetheologie‘ zurückgeführt. Die Geschichte war nur noch Material, an dem herumgebastelt wurde. Das Ergebnis: Man hatte nur noch tote Einzelteile – das Ganze ist verlorengegangen.“ (67)
  • Der Realismus der Bibel: „Wenn wir unser Leben nicht mehr verstehen, verstehen wir auch Gott nicht. Gott wird zu einem grossen Unbekannten. … Ist der ‚liebe Gott‘ entthront, weil wir die Welt nunmehr ohne den Schleier der Illusion sehen? Wenn wir die Bibel aufschlagen, um Antwort zu finden, werden wir erstaunt sein, dass dieses Buch uns keine Hallelujastimmung wie ein fertig gepacktes Paket in den Arm gibt. Die Bibel lässt nichts aus von dem, was auch uns in der Welt unheimlich ist.“ (82)
  • Das ärgerlich-realistische Dogma der Erbsünde: „Adam ist der Repräsentant der Menschheit. Die Menschheit ist eine Ganzheit. Wir sind mit dieser einen Menschheit schicksalhaft als einzelne verbunden. Gerade das wir uns heute im planetarischen Zeitalter deutlich. Der Unsinn einiger weniger im Hantieren mit den unbegrenzten Möglichkeit der Zerstörung kann zu einer Katastrophe für alle werden.“ (158)

Ausschnitt: Das Kapitel über die Hölle

Jedes Kapitel ist dreiteilig aufgebaut. Als Ausgangspunkt gilt wie erwähnt ein Aspekt des Apostolikums. Mit kräftigen Strichen wird mittels aktueller Beispiele aus Buch und Presse die gesellschaftliche Ausgangslage skizziert, um dann eine biblische Antwort zu formulieren. Wertvoll sind ist die Verdichtung in Form von einigen Stichpunkten am Ende jedes Kapitels sowie ein, zwei Dutzend Fussnoten mit Literaturhinweisen. Sehen wir uns das Kapitel „Brennt in der Hölle ein Feuer?“ näher an. Es ist ein gutes Beispiel für die Aktualität des Buches.

Ausgangslage: Für die allermeisten Menschen kann das Christentum nur ein Christentum ohne Hölle sein. Die Hölle ist Relikt eines mythologischen Weltverständnisses und widerspricht der am Diesseits orientierten Welt.

Biblische Antwort: Jesus hat die Tatsache eines Gerichtes und der Hölle als ewige Verdammnis bezeugt. Wer die Bibel ernst nehmen will, wird auch diese Worte Jesu hinnehmen müssen. Überhaupt: Warum schafft man mit der Hölle nicht gleich konsequent den Himmel ab?

Vielleicht sieht man heute zu sehr die erste Pflicht des Christen darin, zu beruhigen und zu trösten. Das geschieht auch dann, wenn der anzusprechende Mensch sich selbst gar nicht als trostlos oder beunruhigt versteht. Die Christen haben den Trost und den Frieden zu billig gemacht. Sie haben zu sehr die Härte in der Botschaft Jesu vergessen, seinen Aufruf zur unbedingten Umkehr, zum Bruch mit der Vergangenheit, seinen Ruf in die Entscheidung zwischen Himmel und Hölle. (100)

Empfehlung

Jede Zeit muss die ihr gestellten Fragen aufs neue beantworten. Insofern bewegen wir uns 50 Jahre nach dem Erscheinen des Buches in einem anderen Kapitel der Geschichte, nämlich der Spätmoderne. Die Ernüchterung über die Grenzen des Fortschritts ist längst eingekehrt, der Skeptizismus allgegenwärtig. Dieser präsentiert sich oft unter dem Codewort „sozialer Konstruktivismus“. Hilft uns das Buch von 1966 in der Beantwortung der aktuellen Fragen? Die Diskussion in den einzelnen Fachgebieten steht heute fraglos an einem anderen Punkt. Freud und Jung sind Klassiker, heute spricht man über die Neurobiologie. Doch die Fragen sind im Grunde genommen dieselben geblieben.

Ab und zu ist die Irritation nicht ganz zu vermeiden, etwa wenn Huntemann ein gutes Wort für die Wunder von Lourdes oder für das katholische Fegfeuer einlegt. Auch das Theologenvokabular drückt manchmal durch. Zu spekulativ bleibt mir der Autor im siebten Kapitel, wenn er über die Quantenphysik zu sprechen beginnt und eine mögliche Weiterentwicklung der Naturgesetze ableitet (allerdings mit interessanten Literaturhinweisen). Auch im letzten Kapitel war ich erstaunt, auf ein gleichzeitiges Bestehen des Schöpfungsberichtes als Wirklichkeit zu treffen, um dann zu hören, dass es sich um „verdichtende Bilder“ handle, der nicht den äusserlichen Vorgang im Blickfeld habe (182). Atmet Huntemann hier noch etwas reichlich die Luft seiner theologischen Lehrmeister ein?