Zitat der Woche: Systeme des Scheins

Vaclav Havel schreibt in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (Rowohlt: Hamburg, 1989) über die Funktionsweise eines posttotalitären Systems. Mitten im sich damals abzeichnenden Umbruch in seinem Heimatland und seiner erneuten Haftstrafe schrieb er seine scharfsinnigen Beobachtungen auf.

Natürlich kann man nicht alles eins zu eins in eine andere Welt transferieren. Doch es gibt manche Parallele zur Funktionsweise von Systemen, seien das Familien, Unternehmen, Kirchgemeinden oder NPO. Wie viele Menschen führen ein Leben in Lüge um eines ruhigen Lebens willen!

Eine scheinbar belanglose Handlung

Ein Leiter eines Gemüseladens placierte im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (14)

Was dahinter steckt

… Wenn er es nicht getan hätte, könnte er Schwierigkeiten bekommen; man könnte ihm Vorwürfe machen, dass er keine ‚Dekoration‘ hat; irgend jemand könnte ihn sogar der Illoylität bezichtigen. Er hat es deshalb getan, weil es ‚dazu gehört‘, wenn man im Leben durchkommen will; weil das eine von Tausenden ‚Kleinigkeiten‘ ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben ‚im Einklang mit der Gesellschaft‘ sichern. (14)

Was die Botschaft wirklich bedeutet

… Diese Parole hat die Funktion eines Zeichens. Als solches enthält sie eine zwar versteckte, aber ganz bestimmte Mitteilung. Verbal könnte man sie etwa so formulieren: Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiss, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf ein ruhiges Leben. Diese Mitteilung hat selbstverständlich ihren Adressaten: Sie ist ‚nach oben‘ gerichtet, an die Vorgesetzten des Gemüsehändlers, und ist zugleich ein Schild, hinter dem sich der Gemüsehändler vor eventuellen Denunzianten versteckt. (14-15)

Wenn die wirkliche Botschaft ausgehängt würde

… Beachten wir: Würde man dem Gemüsehändler befehlen, die Parole ‚Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam‘ in das Schaufenster zu stellen, würde er sich ihrem semantischen Inhalt gegenüber bei weitem nicht so lax verhalten. Obwohl eben dieser Inhalt sich mit der verborgenen Bedeutung des Spruchbandes im Schaufenster diesmal absolut deckt. Der Gemüsehändler würde sich wahrscheinlich weigern, eine so unzweideutige Nachricht über eine Erniedrigung im Schaufenster auszustellen, es wäre ihm peinlich, er würde sich schämen. (15)

Sich den Spielregeln anschliessen

…Wir haben gesehen, dass die eigentliche Bedeutung des Spruchbandes des Gemüsehändlers überhaupt keinen Zusammenhang mit dem Text der Parole hat. Trotzdem ist diese eigentliche Bedeutung absolut klar und allgemein verständlich. Das ergibt sich daraus, dass alle den gegebenen Code kennen: Der Gemüsehändler deklarierte seine Loyalität … auf die einzige Art, auf die die gesellschaftliche Macht hört: Nämlich so, dass er das vorgeschriebene Ritual akzeptierte, dass er den ‚Schein‘ als Wirklichkeit akzeptierte, dass er sich den ‚Spielregeln‘ angeschlossen hat. (18)

Das Leben in der Lüge als Panorama des Alltags

… Das Erfordernis, dass sich der Gemüsehändler öffentlich äussert, scheint sinnlos zu sein. Es ist aber nicht sinnlos. Die Menschen beachten zwar seinen Slogan nicht, sie beachten ihn aber deshalb nicht, weil solche Parolen auch in anderen Schaufenstern, auf Dächern, auf Masten – einfach überall hängen; weil sie so etwas wie das Panorama ihres Alltags bilden. Dieses Panorama als Ganzes ist ihnen freilich sehr gut bewusst. Und der Slogan des Gemüsehändlers ist nichts anderes al ein kleiner Bestandteil von diesem grossen Panorama. (23)

Der gegenseitige Zwang den Spielregeln zu gehorchen

…. Ihre gegenseitige Gleichgültigkeit den Parolen gegenüber ist nur Trug. In Wirklichkeit zwingt einer den anderen durch sein Spruchband, das vorgegebene Spiel zu akzeptieren und dadurch auch die gegebene Macht zu bestätigen, einer hält einfach den anderen in Gehorsam. (24)

Die individuelle Motivation für das Leben in Lüge

… Sehr vereinfacht könnte man sagen, dass das posttotalitäre System auf dem Boden der historischen Bewegung der Diktatur mit der Konsumgesellschaft gewachsen ist. Hängt nicht die Tatsache, dass sich die Anpassung an das ‚Leben in Lüge‘ so allgemein und die gesellschaftliche ‚Autototalität‘ so leicht verbreitet haben, mit der allgemeinen Unlust des Konsummenschen zusammen, etwas von seinen materiellen Sicherheiten zugunsten seiner geistigen und sittlichen Integrität zu opfern? Mit seiner Bereitschaft, angesichts der äusserlichen Verlockung der modernen Zivilisation auf einen ‚höheren Sinn‘ zu verzichten, mit seiner Aufgeschlossenheit den Verlockung der herdenhaften Unbekümmertheit gegenüber? (26)

Die Konsequenzen des Ausstiegs

Stellen wir uns jetzt vor, dass sich unser Gemüsehändler eines Tages auflehnt und aufhört, Spruchbänder auszustellen, die er nur ausstellte, um sich Liebkind zu machen; dass er aufhört, zu Wahlen zu gehen, von denen er weiss, dass es keine sind; dass er anfängt, bei Veranstaltungen das zu sagen, was er wirklich denkt und genug Kraft findet, sich mit denen zu solidarisieren, mit denen sich zu solidarisieren ihm sein Gewissen befiehlt. Durch eine solche Rebellion wird der Gemüsehändler aus dem ‚Leben in Lüge‘ austreten, das Ritual ablehnen und die ‚Spielregeln‘ verletzen. Er wird wieder seine unterdrückte Identität und Würde finden, seine Freiheit zu verwirklichen. Seine Rebellion wird ein Versuch um das Leben in Wahrheit sein.

Die Rechnung wird ihm schnell präsentiert werden: Er wird seinen Posten verlieren und zum Beifahrer eines Lieferwagens degradiert werden. Sein Gehalt wird herabgesetzt. Seine Hoffnung, eine Urlaubsreise nach Bulgarien zu machen, wird er aufgeben müssen. Die weitere Schulausbildung seiner Kinder wird bedroht. Die Vorgesetzten werden ihn schikanieren, und seine Mitarbeiter werden sich über ihn wundern. (26-27)

Wer die Spielregeln verletzt

… Das System muss es tun, von der Logik seiner ‚Eigenbewegung‘ und Selbstverteidigung ausgehend: Der Gemüsehändler beging nämlich nicht nur irgendein individuelles, in seiner Einmaligkeit abgeschlossenes Vergehen, sondern er hat etwas unvergleichlich Gewichtigeres getan: Dadurch, dass er die ‚Spielregeln‘ verletzte, hat er das Spiel als solches abgeschafft. Er hat entlarvt, dass es nur ein Spiel ist. Er hat die Welt des ‚Scheins‘ zerstört, die Grundlage des Systems; er hat die Machstruktur dadurch verletzt, dass er ihre Bindungen durchlöchert hat; er zeigte, dass das ‚Leben in Lüge‘ ein Leben in Lüge ist. Er hat die Fassade des ‚Erhabenen‘ durchbrochen und enthüllt die wirkliche, das heisst ‚niedere‘ Basis der Macht. (27-28)

Die Macht des Lebens in Wahrheit

… stützt sich auf keine eigenen Soldaten, sondern sozusagen auf die ‚Soldaten ihres Feindes‘, nämlich auf alle, die in der Lüge leben und zu jeder Zeit – zumindest theoretisch – von der Kraft der Wahrheit ergriffen werden könnten…

Fazit

2014 sind viele alte Tabus gefallen. Dafür wurden eine Menge neuer geschaffen. Das Spiel geht weiter.

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