Buchbesprechung: Vergeude dein Leben nicht!

John Piper. Dein Leben ist einmalig. CLV: Bielefeld, 2004. 224 Seiten. Kostenloser Download.

Es gibt Bücher, an die ich mich über Jahre zurück erinnere. „Dein Leben ist einmalig“ gehört dazu. Der englische Originaltitel „Don’t Waste Your Life“ erklärt dasselbe von einer anderen Seite her. Ich möchte mein Leben so gelebt haben, dass mein Herr mir einmal zurufen kann: „Wohl dir, du treuer Knecht.“ Das bedeutet zweierlei: Einerseits anerkenne ich an, dass ich Knecht von Jesus bin. Das wiederum heisst, dass ich die Verfügungsgewalt über mein Leben abgebe. Zweitens gestehe ich ein, dass ein anderer meine Treue beurteilen wird. Ich stelle die Kriterien dazu nicht selber auf.

Vergeude ich mein Leben?

John Pipers donnernde Botschaft prägte sich in mir ein: „Bedenken Sie: Sie haben nur ein Leben. Das ist alles. Sie sind für Gott geschaffen. Vergeuden Sie Ihr Leben nicht.“ (8) Er rief die Worte vor 15 Jahren Tausenden von Jugendlichen zu. Der Aufruf ist heute nicht weniger aktuell! Diese Buchbesprechung ist darum eine persönlich-emotionale. Das geschieht jedoch nicht auf Kosten von inhaltlicher Argumentation. Piper überzeugt eben durch das Zusammengehen beider Komponenten, wie er es bei anderen gelernt hatte. „C. S. Lewis … lieferte mir den Beweis, dass strikte, präzise und scharfsinnige Logik kein Widerspruch zu tiefen, bewegenden Gefühlen und lebendiger, reger – ja sogar verspielter – Vorstellungskraft ist. Er war ein »romantischer Rationalist«.“ (18) Was verankert Ratio und Emotionen in der Realität? „Nichts ernüchtert eine umherschweifende philosophische Fantasie so sehr wie der Gedanke an eine Frau und an Kinder, für die man sorgt.“ (20) Diesen Schritt habe ich längst vollzogen. Ihn nicht länger aufzuschieben, würde manchen Zeitgenossen um Längen nach vorne katapultieren!

Der Durchbruch zur wahren Freude

Piper ist in diesem Buch besonders persönlich. Er berichtet von der eigenen Suche und seinem geistlichen Durchbruch. „Wollte ich am Ende meines Lebens nicht sagen müssen: »Ich habe es vergeudet«, dann musste ich mit aller Kraft Gottes oberstem Ziel nachjagen und mit ihm daran arbeiten. Sollte mein Leben eine einzige, rundum befriedigende, einheitliche Leidenschaft bekommen, so musste es Gottes Leidenschaft sein.“ (29) Wie würde das möglich werden? Piper fasst zusammen, was unter dem Stichwort „christlicher Hedonismus“ bekannt geworden ist. „Sich in Gott zu freuen, ist nicht nur ein Wunsch oder eine Möglichkeit im Leben; es sollte unsere freudige Pflicht und unser Herzensanliegen sein. Indem er sich entschied, seine Glückseligkeit in Gott zu vermehren, zeigte er, dass Gott viel herrlicher ist als jeder andere Ursprung des Glücks. In Gott glücklich zu sein und ihn zu verherrlichen, ist dasselbe.“ (30) Das Wissen um das ultimative Ziel des Lebens zeigte seine befreiende Wirkung. Jahrzehnte später kann man im Blick auf Piper nur sagen: Es wirkt nachhaltig! „Ich war frei, um in allen Dingen für Gottes Verherrlichung zur Freude aller Menschen zu leben. Er hatte mich vor einem vergeudeten Leben bewahrt. Jetzt besaß mein Leben den letztgültigen Sinn – denselben wie Gott selbst: sich an seiner Größe zu freuen und diese sichtbar zu machen.“ (39)

Ein Leben in Vorbereitung auf den Ruhestand?

Manch einer wird fragen: „Können Sexualität, Autos, Arbeit, Krieg, Windelnwechseln und das Zahlen von Steuern wirklich zu einer Einheit zusammengebunden werden, die Gott verherrlicht und die Seele befriedigt?“ (45) Diese Frage stellt sich umso stärker, wenn man die Babyboomer-Generation, die jetzt im Rentenalter ist, beobachtet. „Leider war das der Traum: Gelange ans Ende deines Lebens – deines einzigen, wertvollen, gottgegebenen Lebens – und mache es zum letzten großen Werk deines Lebens, Softball zu spielen und Muscheln zu sammeln, bevor du deinem Schöpfer Rechenschaft gibst. Stellen Sie sich vor, wie die beiden einst im Gericht vor Christus stehen werden: »Sieh, Herr. Hier sind meine Muscheln.«“ (48) Mittelpunkt unseres Rühmens muss in den Worten von Paulus das Kreuz werden, der strahlende Mittelpunkt der Herrlichkeit Gottes. Von diesem Standort aus wird „jeder Atemzug, jeder Herzschlag, jeder neue Tag, unsere Augen, Ohren, Beine, unser Mund …freie, unverdiente Gaben an Sünder, die nur das Gericht verdienen.“ (55) 

Gott durch Leiden und Tod verherrlichen

Wie wird Christus verherrlicht? Die Botschaft, die Piper predigt, hebt sich stark von der unserer säkularisierten Umgebung ab. Aus dieser Richtung hören wir ständig: Verwirkliche dich! Hole ab, was es zu holen gibt! Die Bibel schlägt einen ganz anderen Ton an: Verherrliche Christus durch Tod und Leiden. „Christus als Gewinn in Ihrem Tod zu sehen, macht ihn groß. Es ist »weit besser«, als hier zu leben. Wirklich? Besser als alle Freunde in der Schule? Besser als sich zu verlieben? Besser als Ihre Kinder in den Arm zu nehmen? Besser als beruflicher Erfolg? Besser als der Ruhestand und Enkelkinder? Ja. Tausendmal besser.“ (72) Diese Einsicht verändert die Basis unserer Beziehung zu Christus grundlegend. „Vertrauen wir Christus nur wegen seiner Geschenke und nicht ihm selbst als der Gabe, die all unsere Bedürfnisse stillt, dann ehren wir nicht wirklich seine Person, sondern nur seine Geschenke.“ (77) Christus selbst oder seine Geschenke? Ich bin noch immer daran, diese Kehrtwende von innen heraus nachzuvollziehen. Ich bin zu stark das Subjekt meines Lebens – nicht Christus. „Das »Wohlstandsevangelium« verschlingt die Schönheit Christi durch die Schönheit der Gaben und macht sie somit zu Götzen. Es beeindruckt die Welt nicht, wenn Christen reich werden und Gott dafür danken. Eindruck macht es auf sie, wenn uns Gott so glücklich macht, dass wir unsere Reichtümer um Christi willen weggeben und es für Gewinn halten.“ (78)

Weg von der Sicherheitsmentalität

Wer die Kehrtwende vollzogen hat, ist bereit, für Jesus Risiko auf sich zu nehmen. „Die tragische Heuchelei besteht darin, dass der Zauber der Sicherheit uns täglich Risiken für uns selbst eingehen lässt, aber uns lähmt, auf der Straße der Liebe für andere etwas zu riskieren.“ (87) Wie wahr! „Wir neigen dazu, etwas aus falschen Motiven heraus zu riskieren. Ohne Christus sind wir alle gesetzlich oder eigenwillig – wir wollen unser eigenes Ding durchziehen oder Gottes Sache benutzen, um unsere eigenen Fähigkeiten zu beweisen.“ (99) Weil dem so ist, beantwortet sich auch die Frage: „Warum fragen uns die Menschen nicht nach unserer Hoffnung? Wahrscheinlich deshalb, weil wir unsere Hoffnung anscheinend in dieselben Dinge setzen wie sie. Sie haben nicht den Eindruck, dass wir auf der Straße von Golgatha gehen, aufopfernde Liebe zeigen und anderen dienen, ohne dafür den Lohn in diesem Leben zu erwarten.“ (120) Damit sind wir bei der für mein Leben zentralen Lektion: Führe ich ein Leben wie im Krieg?

Von Natur aus neige ich dazu, dieselben Dinge zu lieben wie die Welt. Ich beginne mich anzupassen. Allmählich liebe ich, was die anderen lieben, und nenne die Erde mein »Zuhause«. Bevor ich mich versehe, nenne ich Luxus ein »Bedürfnis« und gehe mit meinem Geld genauso um wie die Ungläubigen. Ich vergesse den Krieg und denke nicht mehr daran, dass Menschen umkommen. Mission und unerreichte Völker schleichen sich aus meinen Gedanken heraus. Ich höre auf, vom Sieg der Gnade zu träumen. Ich verfalle in eine weltliche Haltung, die zuerst auf das schaut, was der Mensch tun kann – und nicht auf Gott. Es ist eine schreckliche Krankheit. Und ich danke Gott für jene, die mich immer wieder zu einem Leben wie in Kriegszeiten zwangen. (124)

Eine weitere Folge eines angepassten Lebens, das von der Umgebung aufgesogen ist, stellt die Vermeidungsethik dar:

Menschen, die mit der Vermeidungsethik zufrieden sind, stellen im Allgemeinen die falschen Fragen in Bezug auf das Verhalten. Da heißt es: Was ist daran falsch? Was ist falsch an diesem Film? Oder dieser Musik? Oder diesem Spiel? Oder diesen Freunden? Oder dieser Entspannungsmethode? Oder dieser Investition? Oder diesem Restaurant? Oder diesem Geschäft? Was ist falsch daran, jedes Wochenende zu meiner Freizeithütte zu fahren? Oder überhaupt eine zu besitzen? Derartige Fragen werden kaum eine Lebensweise hervorbringen, die Christus verherrlicht und Menschen in Gott glücklich macht. Sie führen zu einer Reihe von Verboten und tragen zur Vermeidungsethik bei. Weitaus besser sind folgende Fragen: Wie kann mir das helfen, Christus mehr zu schätzen? Wie kann ich dadurch zeigen, dass ich Christus liebe? Inwieweit ist es hilfreich, um Christus besser kennen zu lernen und ihn in meinem Leben widerzuspiegeln? Die Bibel sagt: »Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes!« (1Kor 10,31). Somit ist die Fragestellung in erster Linie positiv und nicht negativ: Wie kann ich Gottes Herrlichkeit durch diese Handlung darstellen? Wie kann ich Gott durch dieses Verhalten groß machen? (133)

Ich seufze mit John Piper über

die belanglosen Freizeitbeschäftigungen, mit denen so viele Menschen ihre Zeit vergeuden – mich selbst eingeschlossen. Denken Sie nur an die Bedeutung des Sports, der ja einen großen Teil der Tageszeit einnimmt. Aber Gott wird kein Raum gegeben. Denken Sie an die unzähligen Dinge, mit denen Sie Ihr Zuhause und Ihren Garten bequemer und imposanter machen können. Oder denken Sie an das viele Geld, das Sie für ein größeres Auto ausgeben können, als Sie eigentlich benötigen. Denken Sie an die Zeit, die Energie und die Gespräche, die Sie in Unterhaltung und Freizeit investieren. Und zu alldem kommt jetzt noch der Computer hinzu, der auf künstliche Weise genau diejenigen Spiele neu erschafft, die von der Realität bereits soweit entfernt sind; es ist wie eine vielschichtige, belanglose Traumwelt, die sich zu absoluter Bedeutungslosigkeit ausweitet. (141)

An der Arbeit Gott verherrlichen

Wo beginnt der Kampf also? Er startet in unserem Alltag. „Der »Krieg« findet zwischen der Sünde und der Gerechtigkeit in jeder Familie statt; zwischen der Wahrheit und dem Irrtum in jeder Schule; zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in jeder Legislative; zwischen Integrität und Bestechung in jedem Büro; zwischen Liebe und Hass in jeder ethnischen Gruppe; zwischen Stolz und Demut in jeder Sportart; zwischen dem Schönen und dem Hässlichen in jeder Kunst; zwischen guter und falscher Lehre in jeder Gemeinde; und zwischen Faulheit und Fleiß zwischen jeder Kaffeepause auf der Arbeit.“ (150) „Wir können Gott in unserem weltlichen Beruf durch die Gemeinschaft verherrlichen, die wir bei unserer Arbeit den ganzen Tag mit ihm haben.“ (154) „Wahre persönliche Frömmigkeit unterstützt sinnvolle weltliche Arbeit, anstatt sie zu untergraben. Die Gemeinschaft mit Gott bringt keine Untätigkeit hervor. Deshalb sind Menschen, die ihr Leben hauptsächlich dem Müßiggang oder frivolen Freizeitbeschäftigungen widmen, selten so glücklich wie arbeitende Menschen.“ (161)

Evangelisation ist das angemessene Ziel für den Wohlstand der Gemeinde

Dann öffnet Piper den Fokus. „Das letztendliche Ziel der Weltmission ist, dass Gott durch sein Wort Anbeter gewinnt, die seinen Namen durch einen fröhlichen Glauben und Gehorsam verherrlichen. Mission existiert, weil es an Anbetung fehlt.“ (184-185) Er ruft uns zu: „Erheben Sie sich über Ihr begrenztes Leben – ja, ein sehr wichtiges Leben, in dem Gott nicht herabgesetzt wird – und schauen Sie auf das große, aufregende Bild von Gottes globalen Absichten mit der Weltgeschichte.“ (186) „Die Weltevangelisation ist die schnellste und sicherste Methode, die Gemeinde zu retten. Wir besitzen so viele materielle Dinge, dass wir in Gefahr stehen, auf unseren Reichtum zu vertrauen anstatt auf Gott. »Wenn ein Mensch zu Wohlstand gelangt, kann ihn nur Geben davor bewahren, in der Seele arm zu werden.« Die Evangelisation der Welt ist das einzige Unterfangen, das groß und wichtig genug ist, um ein angemessenes Ventil für den Wohlstand der Gemeinde zu sein.“ (196-197)

Fazit: Liebe zu Komfort und Sicherheit beenden

Piper betet zum Schluss: „O Vater, schenke deiner Gemeinde, dass sie deine Herrlichkeit mehr liebt als Gold – um ihre Liebe zu Komfort und Sicherheit zu beenden.“ (217) Was für eine Bitte! Ich stimme – manchmal noch etwas zögernd – darin ein.