Input: Müssen wir unsere Brille ablegen?

Zitat aus einer FB-Diskussion: „Ich glaube Du schaust, wie ich natürlich auch, durch eine ganz bestimmte Brille. Das ist unser aller Problem. Nicht WIRKLICH offen zu sein. Das ist eine riesige Jüngerschaftsübung. Von Vorbehalten und subjektiven Urteilen frei etwas aus Gottes Augen zu sehen. Lebenslanges Lernen braucht das.“

Antwort von Roderich:

Zu dem Thema „Brillen absetzen“: Man kann nicht KEINE Brille haben. KEINE Brille aufhaben ist also nicht Ziel der Jüngerschaft. Man hat immer eine Brille auf. Es ist nur die Frage, ob man die RICHTIGE Brille aufhat. Welche Brille richtig ist, bestimmt aber das Wort Gottes. (Und man sollte stets offen sein, seine Ansichten – oder seine gesamte Brille – hinterfragen zu lassen, aber das Hinterfragen ist nicht beliebig, sondern sollte auf Basis eines KRITERIUMS geschehen, und dieses Kriterium ist für Christen primär das Wort Gottes. Sekundäre Kriterien sind Tradition (Kirchenväter, Reformatoren etc.), Vernunft (logische Konsistenz etc.), und das ganze unter der Führung des Heiligen Geistes.

Manchmal ist auch für uns Christen ein grundlegendes Umdenken dran. Liebgewordene Überzeugungen werden in Frage gestellt (hauptsächlich, wenn wir als einzelne, als Gemeinde oder als Gesellschaft / Nation in einer schweren Krise sind; denn dann ist man gezwungen, sehr grundsätzlich nachzudenken: stimmen meine Grundlagen? Wenn es uns gutgeht, haben wir oft nicht die Motivation dazu). Das geschieht aber nicht zu oft, sonst könnten wir auch nicht produktiv für Gott tätig sein – wenn wir ständig alles hinterfragen müssten. Eine grundsätzliche „Stabilität“ der Weltanschauung nach sorgfältiger Prüfung anhand der Heiligen Schrift ist prinzipiell im Sinne Gottes.

Eine Brille ist so etwas wie die Grundlage der eigenen Weltanschauung; diese Grundlagen bestehen aus den ANTWORTEN AUF DIE GRUNDFRAGEN des Lebens. Gibt es einen Gott? Hat er sich offenbart, und wenn ja, wie? Was ist der Mensch, was ist Wahrheit, was ist das Gute, Schöne etc.; eine dieser Fragen ist natürlich auch die Frage, wie man die Bibel interpretiert. Daraus ergibt sich auch, dass JEDER eine Brille aufhat, denn man kann diese Grundfragen nicht unbeantwortet lassen. Der Mensch interpretiert dann alle Informationen, die man im Leben erhält, zum Teil IM LICHTE dieser Grundannahmen bzw. sortiert sie entsprechend ein. Oft so, dass sie meine Grundannahmen bestätigen; denn wir sind von Natur aus bequem. Man sollte sich dessen bewusst sein, und daher auch offen bleiben – aber nicht offen in jede Richtung, sondern als Christ gilt als primärer Maßstab für jede Überprüfung einer Aussage – oder der Brille selber – die Bibel.

Paulus hat seine Brille vielleicht zwei mal im Leben ganz grundsätzlich abgesetzt – erst als er entschiedener Pharisäer wurde (und Christen verfolgte), dann als er sich bekehrte. Später folgten mehrere kleinere Prozesse des Umdenkens. Immer unter der Führung des Heiligen Geistes und im Einklang mit dem Wort Gottes. (Das war für Paulus das Alte Testament). Ein fundamentaler „Brillenwechsel“ geschieht also nur wenige Male im Leben. Der Normalzustand ist, dass man zunächst sehr gründlich seine Weltanschauung im Lichte der Heiligen Schrift prüft. (Wer noch gar nicht an Gott glaubt, wird viel grundsätzlicher ansetzen und die Frage nach Gott erst mal grundsätzlich klären). Aber dann sollen wir dann auch LEBEN auf Basis der christlichen Weltsicht und dies entsprechend umsetzen. Darauf kommt es dann im Alltag an.

Römer 12,1.2 sagt: „Verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen möget, welches sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille.“ Diese Erneuerung geschieht durch das Wort Gottes als Maßstab für unser Denken. Was wir also absetzen müssen, sind „Brillen“ (also Antworten auf Grundfragen), die nicht auf dem Wort Gottes basieren. Für die Interpretation des Wortes Gottes brauchen wir wiederum Grundannahmen, die wiederum aus dem Wort Gottes kommen müssen, z. B. wie hat Jesus das Alte Testament interpretiert? Wie hat Paulus / Matthäus / Johannes das Alte Testament interpretiert? Erwarteten die Autoren, dass sie verstanden werden? Also ist das zum Teil zirkulär. (Um zu wissen, wie man die Bibel verstehen muss, muss man sie schon verstehen). Wir können also irgendwo anfangen, und uns dann schrittweise weiter vorarbeiten.

Daher sind wir Menschen darin nie perfekt in der Interpretation. (Sowieso können wir nie etwas erkennen, ohne nicht bereits etwas anderes „vorauszusetzen“). Manchmal müssen wir auch liebgewordene Lehren überdenken – aber anhand der Bibel. Für Hochmut ist also kein Platz; wir sind fehlbar. (Wohl aber für eine gewisse „Gewissheit“ in den zentralen Lehren). Wir brauchen für die Bibelauslegung daher auch die Hilfe von Glaubensbrüdern, vom Verstand (logische Konsistenz), von der Tradition (was haben die Kirchenväter, Reformatoren etc. gedacht), welche hermeneutischen Prinzipien haben sich bewährt und leuchten ein etc. – man sollte in der Hinsicht also immer offen sein, sich korrigieren zu lassen, aber auch nicht übermäßig bescheiden sagen, als dass wir gar nicht wissen können, was die Bibel sagt. Wer meint, eine bestimmte Brille sei falsch, sollte dafür überzeugende Gründe angeben. Maßstab für die richtige Brille ist letztlich das Wort Gottes selber. Und für die Jüngerschaft zentral ist primär das „Bleiben an Gottes Wort“ (Johannes 8,31.32).

Martin Luther hat sich in einem Prozess von ca. 5 Jahren durch seine frühere Brille durchgekämpft, nämlich manche Aspekte der spätmittelalterlichen katholischen Theologie abgelegt. Sein „Durchbruch“ geschah aber am Wort Gottes selber, und durch den Heiligen Geist. (Auch Luthers Brille darf man überprüfen – aber anhand derselben Kriterien: Schrift, Vernunft, Tradition, etc.). Bei Calvin war es ähnlich, er lehnte Luthers Denken erst ab, studierte dann sehr sehr gründlich die Heilige Schrift selber, die Schriften der Kirchenväter etc. und kam schließlich zur Erkenntnis (vom Heiligen Geist gewirkt), dass die Lehre der Reformation im Kern richtig war (Errettung aus Gnade aufgrund von Glauben etc.). Maßstab war dabei immer das WORT GOTTES. Das Wort Gottes sollte also auch bei uns der Maßstab bleiben.

Es gibt ja unterschiedliche „Grade“ an Postmodernität. Aber grundsätzlich gilt: Eine postmoderne Sicht stellt nun diese Herangehensweise an sich in Frage, legt also die Axt an die Wurzel. Ohne klares Verständnis der Schrift können wir also auch nicht aus der Schrift ableiten, wie wir die Schrift zu verstehen haben.