Buchbesprechung: Von Gott berufen – aber zu was?

Os Guinness. Von Gott berufen – aber zu was? Wissen, für was es sich zu leben lohnt. Hänssler: Holzgerlingen, 2000. 287 Seiten.

Ein Thema, das jeden unbedingt angeht

In diesem Andachtsbuch geht es um ein Thema, das jeden Menschen „unbedingt angeht“. Warum bin ich da? Was ist meine Aufgabe? „An irgendeinem Punkt in unserem Leben wird ein jeder von uns mit der Frage konfrontiert: Wie finde ich den zentralen Sinn meines Lebens und wie kann ich ihn erfüllen?“ (9) „Dieses Buch ist für alle diejenigen unter uns geschrieben, die sich danach sehnen, den Sinn und das Ziel ihres Lebens zu finden und zu erfüllen.“ (12) Es gab selten ein Buch, das mich in letzter Zeit so bewegt hat wie dieses. Ich las es in zwei Anläufen. Anfangs dachte ich: Klar, wenn Os Guinness, Sprössling aus dem berühmten Bier-Imperium von Guinness, promoviert an der Oxford University, ein solches Buch aus dem bequemen finanziellen und zeitlichem Polster heraus schreiben konnte, wen wundert’s? Ich lag falsch. Hier liegt ein Bericht vor, der nicht nur Substanz hat, sondern von der tiefgreifenden Erfahrung des Autors und vieler Zeugen der Vergangenheit lebt. „‘Können Sie sich vorstellen, am Grunde eines tiefen Brunnens zu leben, mit einem Mühlstein um den Hals? So empfand ich mein Aufwachsen.‘ Niemals werde ich das Pathos vergessen, mit dem mir dies von dem Erben einer der reichsten Familien der Welt gesagt wurde. Die meisten Menschen können sich nur schwer die Sogen eines ‚armen reichen Kindes‘ vorstellen. Sie wären nur zu erfreut, nur ein einziges Mal von einem solchen Reichtum verführt zu werden. Aber nicht nur Menschen, die reich an Geld sind, spüren diese Last; auch Menschen die reich an Talenten sind.“ (149) Ob Guinness dabei auch an sich selbst dachte? Beide Lasten, die des Geldes und der Begabung, so scheint es mir, hat der Autor kennengelernt. Er selber lebt bis heute in seiner Berufung „(als Apologet) der Welt das Evangelium zu erklären, und (als Analytiker) die Welt der Kirche verständlich zu machen“ (95).

26 Berichte für Andacht und Hauskreis

Das Buch enthält 26 Berichte. Der Weg durch dieses Buch gleicht einer Entdeckungsreise. Ich war so angetan, dass ich gleich mehrere Berichte hintereinander las. Passender wäre das konzentrierte, langsame, reflektierende Lesen. Man könnte das Werk gut einzeln oder in einer Gruppe innerhalb eines Monats durchlesen. Jedes Kapitel umfasst ca. 10 Seiten. Drei Dinge helfen entscheidend beim Verdauen:

  • Jeder Abschnitt beginnt mit der Schilderung einer berühmten Person aus der Geschichte. Mich interessierte jeweils, wer als nächstes portraitiert werden würde.
  • Zweitens formuliert Guinness in jedem Kapitel die zentrale Aussage in einem kursiv gedruckten Satz.
  • Drittens schliesst ein Kapitel mit Fragen. Nimm als Beispiel den Abschluss des ersten Kapitels: „Haben Sie einen Grund für Ihr Leben, ein zielgerichtetes Verständnis vom Sinn Ihres Lebens? Oder ist Ihr Leben das Produkt wechselnder Entscheidungen und zahllosen Kräfteringens ausserhalb Ihrer Verantwortung? Wollen Sie über den Erfolg hinaus zur Bedeutung gelangen? Haben Sie erkannt, dass es nicht reicht, wenn Sie sich auf Ihre eigene Kraft verlassen…?“ (16) Abgeschlossen wird dieser Blumenstrauss von Fragen vom Refrain: „Hören Sie auf Jesus von Nazareth und folgen Sie seinem Ruf!“

Manche Seiten enthalten einen so reichen Fundus an Zitaten, dass ich sie mehrmals lesen musste. (Ein Beispiel gefällig? „Im Laufe von 2000 Jahren gibt es ein zwingendes Argument gegen den christlichen Glauben – die Christen.“ Nachher folgen Dutzende von Zitaten und Aphorismen, S. 129-132.)

Unsere Identität ist immer von aussen gegeben

Ich unternehme den Versuch eines Schnelldurchlaufs. Zuerst geht es darum, die Charakteristika der Berufung herauszuarbeiten. „Berufung ist die Gewissheit, dass Gott uns so bestimmt zu sich ruft, dass alles, was wir sind, alles, was wir tun, und alles, was wir haben, besonders hingebungsvoll und dynamisch als unsere Antwort auf seinen Aufruf und Dienst angesehen werden kann.“ (13) Der entscheidende Ausgangspunkt dafür entsteht durch das Wirken Gottes. „Wir können Gott nicht ohne Gott finden. Wir können Gott nicht ohne Gott erreichen. … Wir beginnen zu suchen, aber am Ende sind wir es, die gefunden werden. Wir glauben, nach etwas zu suchen, wir erkennen aber, dass wir von Jemandem gefunden worden sind.“ (24) Dementsprechend ist wahre Identität „immer von aussen gegeben“. Sie ist eine Angelegenheit von „Bestimmt-zum-Sein“ (34-35). Der erste Ruf in die Nachfolge Christi geschieht „durch ihn, zu ihm und für ihn“ und wird gefolgt vom zweiten „dass jeder überall und in allem ausschliesslich für ihn denken, sprechen, leben und handeln sollte“ (44).

Leben vor dem Einen Zuschauer

Eine fatale Verzerrung trennt „die weltliche Seite von der geistlichen völlig ab und reduziert die Berufung auf ein anderes Wort für Arbeit“ (54). Gott sucht für uns einen Ort, „einen Ort seiner Wahl – und wir werden erst wir selbst sein, wenn wir dort angekommen sind.“ (63) Diese Berufung berührt uns ganz persönlich, sie ist jedoch mehr als das; sie „berührt auch das kulturelle (öffentliche) Leben in beträchtlichem Masse“ (77). „Jünger sind nicht so sehr die, die nachfolgen, sondern die, die folgen müssen.“ (86) Ein Leben, das auf diese Art und Weise gelebt wird, „ist ein Leben, das man vor einem Zuschauer führt, der alle anderen übertrifft – der Eine Zuschauer.“ (91). Dies ist die Hauptlektion für mich aus diesem Buch. Durch diese Berufung, die vor ihm gelebt wird, wird „eine Leidenschaft für das tiefgreifendste Wachstum und das höchste Heldentum im Leben eines Menschen“ entfacht (100). Sie ist Grundlage für das Übernehmen von moralischer Verantwortung (109). Die Aufgabe ist nicht nur eine persönlich, sondern gemeinschaftlich (118). Christi Nachfolger sind „noch lange nicht“ am Ziel angekommen, sondern immer auf dem Weg (129).

Hindernisse, die Berufung zu leben

Dem Leben in dieser Berufung stehen einige Hindernisse gegenüber. „Die Kehrseite dieser Berufung ist die Versuchung der Einbildung.“ (141) Darum die Frage: „Verhalten Sie sich, als ob die Berufung Ihnen allein gilt, nur für Ihre Wünsche, Träume, Pläne, Titel und Errungenschaften gemacht?“ (148) Eine zweite Versuchung ist der Neid. Dieser Neid ist „nicht einfach ein hohes Ziel oder Ehrgeiz“, sondern „Sorge wegen des Gutes eines anderen“ (154). Neid zerstört. Die dritte Gefahr ist der Wohlstand. „Wir tun das, was wir im Leben tun, weil wir dazu berufen sind, und nicht, weil wir dafür bezahlt werden.“ (167) Viertens lauert die „Todsünde der Trägheit“, ein Zustand der geistlichen Niedergeschlagenheit (173). Die fünfte Gefahr droht von unserer säkularisierten Umgebung. Sie ist eine Welt ohne Fenster für den transzendenten Gott. Der Ruf Jesus beinhaltet gerade „die Erwartung übernatürlicher Realitäten“ (183). Sechstens widersteht Berufung dem Druck der Privatisierung, „weil sie darauf beharrt, dass Jesus Christus der Herr jedes Lebensbereiches ist.“ (192) Siebtens führt Berufung zur Fokussierung. „Um etwas Bestimmtes zu erreichen, wird ein Mensch alles andere aufgeben.“ (208)

Berufung und Jüngerschaft

Was sind weitere Begleiter des Rufs in die Nachfolge Christi? Berufung wird von einer „äusseren Perspektive auf die Gegenwart“ durchbrochen und dadurch „eine vorrangige Quelle christlicher Visionen und christlicher Visionäre“ (216). Alltägliches wird zur Freude und zur Pracht. „Ich tue kleine Dinge mit grosser Liebe.“ (229) Wer so beschenkt worden ist, benötigt noch eines: Ein dankbares Herz (245). Jesu Nachfolger sind dann bereit, den Spott um ihres Meisters willen zu tragen. Sie erwarten nichts anders. Sie warten ruhig auf die entscheidenden Augenblicke, ohne aus eigener Kraft etwas erzwingen zu wollen. Sie erreichen schliesslich gut das Ende ihrer Berufung und geben sie zurück in Gottes Hände.

Und jetzt?

Die zahlreichen biografischen Einschübe regten mich an, einige Biographien anzuschaffen: „Briefe an Olga – Briefe aus dem Gefängnis (von Vaclav Havel); „Der heilige Franziskus“ (von G. K. Chesterton); „Briefe an Freya“ (von Helmuth James von Moltke). Oder wie wäre es, eine Biografie zu Leonardo da Vinci, Yehudi Menuhim, Pablo Picasso und Margrit Thatcher zu lesen? Wir kennen ihre Namen, doch haben kaum eine Ahnung, was hinter deren Leben steckt.

Meine eigene Berufung ist mir durch dieses Buch nochmals deutlicher vor Augen gemalt worden. Sie besteht eben u. a. darin, diese Zeilen zu schreiben. Jemand fragte mich: „Warum investierst du Stunden um Stunden in das Schreiben?“ Eben darum, weil mir Gott dieses Vorrecht und diese Last in meine Leben hineingegeben hat. Die Leidenschaft ist längst geweckt. Ich tue es – hoffentlich – vor dem Einen Zuschauer. Ihm sei alle Ehre!

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