Buchbesprechung: Dinner mit dem Teufel

Os Guinness. Dining with the Devil. Baker: Grand Rapids, 1993. 128 Seiten. Euro 8,73 (Kindle-Version).

Lesen? Ja, wenn…

Ich mag kurze Bücher mit Inhalt. Nicht jedes Thema muss auf 500 Seiten ausgerollt werden mit der Bemerkung, es hätte eigentlich noch weitere 500 Seiten gebraucht. Lohnen sich die 9 Euro für die gut 100 Seiten? Es kommt drauf an: Wer noch nie eine Kritik zur Gemeindewachstums-Bewegung gelesen hat, dem empfehle ich, dies nachzuholen. Zumal in manchen Gemeinden die soziologischen Studienergebnisse bisweilen fast zur Heilsbotschaft hochstilisiert werden. Wer schon ausführlichere Bücher wie die von David F. Wells gelesen hat, der betritt vertrautes Gelände.

Der Titel

Die Kombination des Titels mit dem Inhalt erregte meine Neugier. Guinness hat als Religionssoziologe promoviert, und zwar über den berühmten Artgenossen Peter Berger. Von diesem stammt auch das Bild des Dinierens mit dem Teufel. Die Metapher soll folgendes sagen: Die Kirchenwachstumsbewegung hat sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen. Wer mit dem Teufel tafelt, wird sich über kurz oder lang ohne Besteck wiederfinden.

Die These

Damit sind wir bei der These des Buches: Guinness setzt sich mit dem neuen Fundament der Mega-Church-Bewegung auseinander. Was dem Autor gut gelingt, ist das Vermeiden einer verbalen Schlammschlacht. Er will keine pauschalisierenden Vorschlaghammer-Argumente, sondern Prinzipien bzw. Argumente für eine sachliche Auseinandersetzung liefern. Die Hauptaussage lautet: Die Moderne ist gleichzeitig Chance und grösste Gefahr für die Kirche. Ihr Einfluss hat die Auswirkung des Glaubens auf das Leben massiv verringert. Die Wachstumsbewegung ist die Antwort auf die Krise des Glaubens angesichts der Moderne. Der christliche Glaube scheint die Kultur kaum noch zu berühren, umgekehrt beeinflusst die Kultur den Glauben jedoch massiv.

Die Struktur

Guinness arbeitet sich Schritt für Schritt durch eine numerische Struktur. In der Einleitung stellt er bereits 12 Statements auf. In den restlichen Kapiteln geht er in aufsteigender Form durch eine Anzahl von Argumentationshilfen. Ich fand diese Struktur zwar faszinierend, jedoch wenig hilfreich beim Merken der wichtigsten Inhalte. Die Gefahr bei der Nennung von Dutzenden von Unterpunkten ist die Überschneidung bzw. fehlende Differenzierung.

20 Charakterisierungen und Argumente

Mein persönlicher Gewinn dieses Buches bestand aus einzelnen Bemerkungen.

  1. Das Imperium der Moderne stellt die Alternative zum Königreich Gottes dar.
  2. Evangelisation wird auf der einen Seite leichter, doch die konkrete Jüngerschaft dafür viel schwieriger!
  3. Die Pastoren sind zu Managern mutiert. Auf dem christlichen Buchmarkt dominiert das Therapeutische.
  4. Die Wachstumsbewegung benutzt oft die Werkzeuge der Moderne, um den Mitgliedern das Leben in der Gefangenschaft der Moderne zu erleichtern, statt zu einem „Exodus“ zu führen.
  5. Das Zentralereignis des christlichen Glaubens, nämlich die Bekehrung, darf nicht in einen trivialen „Veränderungsprozess“ umgewandelt werden.
  6. Methodik steht im Zentrum, ab und zu behilft sie sich der Theologie. Das nennt man „verkehrte Welt“.
  7. Der Schwerpunkt hat sich vom Dienst an Gott zum Dienst am Selbst verlagert.
  8. Die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, ist bloss der erste, aber niemals der letzte Schritt.
  9. Es gibt nicht länger den Bedarf, Gott Gott sein zu lassen.
  10. Worte sind nicht mehr gewichtig. Es geht um Programme, Daten, Ergebnisse.
  11. Die drei Erfordernisse: Werbung machen! Die Produktvorteile herausstreichen! Nett zu den Menschen sein!
  12. Die Kirche Jesu Christi ist mehr als geistlich und theologisch, aber nie weniger.
  13. Die Menschen der Moderne sind Bits-and-Bytes-Verarbeiter, aber nicht mehr „Grosses Bild“-Denker.
  14. Der einzige Platz für Religiosität ist das Private. Religion, die praktisch irrelevant ist, wird komplett irrelevant sein.
  15. Das Leben besteht aus einer Liste von Problemen, zu denen Lösungen entwickelt werden können.
  16. Die zwei grossen Gebote: „Finde ein Bedürfnis und befriedige es, finde eine Verletzung und heile sie.“
  17. Wahre Bedürfnisse bilden den ersten Schritt hin zu Gebet und Glaube, falsche Bedürfnisse bewirken genau das Gegenteil.
  18. Informierte Meinung ist nichts anderes als die Wiederholung der gestrigen Talkshow.
  19. Es gibt drei einfache Fragen zu stellen: Was wurde gesagt? Ist es wahr? Was soll unternommen werden?
  20. Es geht nicht um ein Publikum, das die Botschaft hören soll, sondern um eine Botschaft, die das Publikum bei der Stange halten soll.

Die Anwendung

Bei uns gibt es nur wenige Mega-Churches. Aber der „Groove“ bzw. die Botschaft ist auch in unseren Breitengraden angekommen bzw. steckt in den Köpfen von Gemeindeleitungen. Wie Guinness im Einstieg sagt: Uns plagen nicht Kirchen-Einkaufscenter, aber die Shopping-Mentalität. Die Folgen von Management, Marketing und zielgruppengerechter Sprache machen sich erst nach Jahren bemerkbar, und zwar in der Folgegeneration. Diese spiegelt uns zurück: Mit dieser Art von Kirche können wir nichts anfangen. Damit haben sie uns etwas über ihre „Konditionierung“ verraten: Sie sind es sich von klein auf gewöhnt, Kirchen-Dienstleistungen zu konsumieren und sie aus der Sicht des Verbrauchers als „langweilig“ und „out“ zu etikettieren. Dies ist ein Wink mit dem Zaunpfahl: Es mangelt an den ewig-aktuellen Inhalten. Auf diese sollten wir uns besinnen. Nach einer Predigt sollten wir nicht länger mit „Daumen rauf“ oder „Daumen runter“ antworten, sondern uns fragen: Stimmt die Botschaft mit der Botschaft der Bibel  bzw. dem Text überein?

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