Buchbesprechung: Nach Heiligung streben

Jerry Bridges. Streben nach Heiligung. EBTC media: Berlin, 2012.

Ein Buch für den neuen Menschen

Von diesem Buch hatte ich schon oft gehört. Es ist mir als Klassiker angepriesen worden. Mit einer entsprechend hohen Erwartung machte ich mich an die Lektüre. Mit gespitztem Bleistift jagte ich nach guten Zitaten. Zunächst einmal stellte ich fest: Mein an die Lektüre wissenschaftlicher Texte gewöhnte Geist musste erst einmal umstellen. Hier ging es nicht darum, Sätze zu entziffern. Der Autor spricht mich als Leser sanft und doch direkt an. Nach einigen Kapiteln war erst einmal das eigene Sündenbekenntnis angezeigt!

Ein gemeinsames Unternehmen von Gott und Menschen

Eine grundsätzliche Überlegung bietet Bridges gleich auf der ersten Seite an: „Ein Bauer pflügt, sät die Saat, düngt und bestellt das Feld – in dem Bewusstsein, dass er letzten Endes gänzlich abhängig ist von Kräften ausserhalb seiner selbst. Er weiss, er kann weder die Saat zum Keimen bringen noch den Regen oder die Sonne erzeugen, die erst das Wachstum und die Ernte ermöglichen. Zu einer erfolgreichen Ernte ist er diesbezüglich von Gott abhängig. Doch der Landmann weiss auch, wenn er nicht sorgfältig seinen Verpflichtungen wie pflügen, pflanzen, düngen, und bebauen nachkommt, kann er keine Ernte zu gegebener Zeit erwarten. In gewissem Sinne sind Gott und er eine geschäftliche Verbindung eingegangen, deren Vorteile er nur geniesst, wenn er seinen eigenen Verantwortlichkeiten nachgekommen ist. Landwirtschaft ist ein gemeinsames Unternehmen Gottes und des Bauern. Der Landwirt kann nicht tun, was Gott tun muss, und Gott wird nicht tun, was der Bauer tun sollte.“ (5) Bridges sieht ein zwiefältiges Thema, das sich durch das gesamte Buch zieht: „Das Wort streben beinhaltet zwei Gedanken: erstens den, dass Fleiss und Anstrengung gefordert sind, und zweitens den, dass es eine lebenslange Aufgabe ist.“ (6)

Zitate zum Überdenken

Ich habe eine Reihe von Zitaten zusammengetragen. Sie sind es wert überdacht zu werden:

  • Es sind die Kompromisse in den kleinen Angelegenheiten, die zu grösseren Niederlagen führen. (15)
  • Viele Christen besitzen, was wir eine kulturelle Heiligkeit nennen könnten. Sie übernehmen die Charakterzüge und Verhaltensmuster der Christen um sie herum. (17)
  • Die Entschuldigung „Na, so bin ich nun mal“ oder die eher hoffnungsvollere Feststellung „Tja, auf diesem Gebiet meines Lebens wachse ich noch“ kann Gott nicht akzeptieren. (22)
  • … wenn es um Gottes Haltung zur Sünde geht, vermittelt nur so ein starkes Wort wie Hass eine angemessene Tiefe der Bedeutung. (24)
  • Niemand kann Christus für seine Errettung vertrauen, ohne ihm nicht auch für seine Heiligung zu vertrauen. (32)
  • Wenn Sie mit Eifer der Heiligung nachjagen, müssen Sie auch oft zum Felsen Ihres Heils fliehen. (43)
  • Heiligung besteht nicht aus mystischen Spekulationen, enthusiastischer Inbrunst oder selbstauferlegten Härten; sie besteht darin, dass wir so denken, wie Gott denkt, und wollen, was Gott will. (John Brown, zit. 45)
  • Satan versucht uns, indem er Verwirrung in der Frage hervorruft, was Gott für uns getan hat und was wir selbst zu tun haben. (49)
  • Die Sünde führt einen Guerillakrieg gegen uns, obwohl sie keine Herrschaft mehr über uns hat. (64)
  • Eine der mächtigsten Waffen Satans besteht darin, uns geistlich blind zu machen – unfähig unseren sündigen Charakter zu erkennen. (70)
  • Die Sünde aus der eigenen Stärke zu töten, ausgeführt auf selbsterdachten Wegen zum Ziel der Selbstgerechtigkeit ist die Seele und das Wesen aller falschen Religion. (zit. Owen, 84)
  • Das ist es, was wir zu tun haben, wenn wir nach Heiligung streben: Wir müssen unseren Charakter verändern, formen und üben. (96)
  • Römer 7 ist eines der Kapitel der Bibel, mit dem wir die grössten Schwierigkeiten haben. Christen versuchen ständig ‚aus Römer 7 nach Römer 8 zu gelangen‘. Der Grund für unsere Abneigung gegen Römer 7 liegt darin, dass es unser eigenes Ringen mit der Sünde so genau spiegelt. (104)
  • Völlerei und Trägheit wurden von früheren Christen als Sünde betrachtet. Heute sehen wir diese Dinge vielleicht als Willensschwäche aber gewiss nicht als Sünde an. (107)
  • Satan attackierte den Verstand Evas, indem er Gottes Integrität in Frage stellte, aber seine primäre Versuchung zielte auf ihr Begehren ab. (129)
  • Wiederholte Akte der Einwilligung in die Sünde können eine Disposition und Neigung des Willens erzeugen, der Gestalt, dass nämlich eine Anfälligkeit und Bereitschaft besteht, auf geringfügige Anstiftung hin sich der Sünde zu ergeben. (133)
  • Manche sind Menschen mit einer doppelten Zunge: eine für die Christen und eine für ihre Bekannten aus der Welt. (150)

Lernfelder

Für mein eigenes geistliches Leben habe ich einige Lernpunkte mitgenommen.

  1. Die Einsicht: Der Kampf mit der Sünde wird lebenslang währen (57). Je mehr wir das realisieren, desto besser sind wir für künftige Auseinandersetzungen gerüstet.
  2. Die Hoffnung: Ich verliere mein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, weil ich mir selber sagen kann, dass ich nicht länger unter der Herrschaft der Sünde stehe. (68)
  3. Die Befähigung: Ich möchte keine Haltung des „Ich kann nicht“ fördern, sondern des „Ich kann es durch den Einen, der mich stärkt“. (80)
  4. Das Ziel: Mache es dir zum Ziel nicht zu sündigen (93), wie es Johannes im ersten Brief darstellt. Das führt in eine höhere Verbindlichkeit.
  5. Der Tagesablauf: Bridges gewöhnte es sich an morgens um fünf Uhr aufzustehen, um geistlich und körperlich fit zu halten. Dafür musste er diszipliniert um 22.00 Uhr ins Bett gehen.
  6. Heiligende Lektüre der Bibel: Was lehrt mich dieser Abschnitt über Gottes Willen bezüglich eines heiligen Lebens? Wie wird mein Leben den Ansprüchen dieser Schriftstelle gerecht, insbesondere wo und wie bleibe ich dahinter zurück? Welche definitiven Handlungsschritte sind nötig, um zu gehorchen?
  7. Wiederholende Lektüre: Bridges selbst verfügt über ein halbes Dutzend Bücher, die er immer wieder zur geistlichen Erbauung liest.

Fazit

Bridges zehrt aus reichen Quellen, vornehmlich aus dem Wort Gottes. Es lohnt sich, die sorgfältig gewählten Zitate aus der Bibel nachzuschlagen (besonders geblieben sind mir Tit 2,11-12; Hebr 11,25; Hos 7,9; Joh 14,21; Spr 27,12; 23,7; 1Sam 18,9; 3Mose 25,20-22). Jedes Kapitel geht von einer Wahrheit aus dem Neuen Testament aus. Kräftige Unterstützung findet Bridges in den Schriften des Puritaners John Owen (1616-1683), des „neo-puritanischen“ Predigers Martin Lloyd-Jones (1899-1981) und des Erweckungspredigers Jonathan Edwards (1703-1758).

Was mich an diesem Buch am meisten gerührt hat, ist seine Schlichtheit. Es ist ein kurzes Buch, die einzelnen Lektionen sind knapp gehalten. Ein Wermutstropfen darf zum Schluss nicht unerwähnt bleiben. Das Buch könnte an einzelnen Stellen dazu einladen, in eine gesetzliche Haltung zu kippen. Damit meine ich, dass wir beginnen, selbst auferlegte Gebote einzuhalten und zur Massgabe der Heiligkeit werden zu lassen. Ich denke da an das Beispiel von Eis essen, das der Autor sich abgewöhnt hat. Man sollte dabei nicht vergessen, dass es sich um eines der ersten Bücher von Bridges handelt.

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