Buchbesprechung: Sozialkritik und biblische Weltanschauung (1)

Os Guinness. Asche des Abendlandes. Hänssler: Neuhausen-Stuttgart, 1972. 356 Seiten. Gebraucht ab Euro 0,01.

Der beeindruckende Erstling

Vielleicht war es nicht so geschickt, dieses Buch von Guinness erst an siebter Stelle zu lesen. Herausgegeben wurde es 1972 in deutscher und englischer Sprache, also vor über 40 Jahren. Guinness war in den bewegten 60ern Mitarbeiter in der stark wachsenden Arbeit von L’abri. Dieses Buch war sein erstes und auch eines der umfangreichsten (rund 350 Seiten, Dutzende von Zitaten in jedem Kapitel). Man mag sich erst einmal fragen: Weshalb sollen wir ein Buch, das sich vor 40 Jahren vor allem mit den Problemen der 50er und 60er beschäftigte, heute lesen? Guinness legte einen fulminanten Start als Autor und Sozialkritiker hin. Wäre ich zeitlich dazu in der Lage gewesen, ich hätte das Buch nicht fortgelegt, bis ich es fertig gelesen hätte.

Ein christlicher Sozialkritiker blickt auf einen gesellschaftlichen Wendepunkt

Bei Guinness setzte sich schon Mitte der 60er-Jahre der Eindruck fest, „dass wir … die allmähliche Desillusionierung einer Generation, vielleicht einer Kultur erleben. Ideale waren von Illusionen kaum noch zu unterscheiden. Jegliche Hoffnung auf irgendeinen Sinn hatte sich als Fata Morgana erwiesen… über den Bemühungen einer ganzen Generation lag nichts als Asche.“ (8) In dem Buch trat Guinness an, um diesen Verdacht zu untersuchen und eine Alternative darzustellen (ebd.). Wie ging er dabei vor? Zuerst einmal machte er sich daran, den Humanismus zu untersuchen, „um zu zeigen, welche Möglichkeiten er bieten kann und warum er keine ausreichende Alternative ist.“ Im zweiten Schritt stellt er die Gegenkultur „in all ihrer kaleidoskopischen Vielfalt“ dar, um dann einen dritten Weg aufzuzeigen (10). Damit positioniert sich Guinness als derjenige, den er in den nächsten Jahrzehnten geblieben ist: Als Sozialkritiker. Als Christ vermag er dabei nicht nur eine Analyse vorzustellen, sondern auch eine Alternative aufzuzeigen. „Dieser dritte Weg verspricht Realismus ohne Verzweiflung, Engagement ohne Frustration, Hoffnung ohne blinde Träumerei. Er verbindet menschliche Fürsorge mit intellektueller Ehrlichkeit, eine Liebe zur Wahrheit mit einer Liebe zur Schönung, Überzeugung mit Mitleid.“ (ebd.)

Bankrotter Humanismus

Der Humanismus schwang sich – so Guinness im Eiltempo – in der Renaissance zu grossem Optimismus auf, um während der Zeit der Aufklärung mit Säkularismus kombiniert zu werden. Der Bruch zwischen Offenbarung und Vernunft wurde damit besiegelt. „Der Mensch war nicht nur das Mass der Welt, die er kannte, sondern auch das Mass der Welt, von der er träumte.“ (14) Er schöpfte aus der Hoffnung, dass sich die menschliche Entwicklung innerhalb des humanistischen Denkrahmens vollziehen würde: Glaube an die Vernunft, an den Fortschritt, an die Naturwissenschaft und an die Fähigkeit des Menschen. Doch dieses Wunschdenken entpuppte sich als Illusion. Nietzsche und Kierkegaard kündigten den Pessimismus an. (Man merkt, dass Guinness gedanklich aus L’abri schöpfte.) Das Streben des Menschen wurde verherrlicht, seine zunehmende Entfremdung jedoch verschwiegen (23). Es entstand nicht nur eine Krise des Glaubens, sondern auch des Unglaubens (24). Wie lässt sich diese Krise charakterisieren? Der Mensch fühlte sich mit sich selbst uneins und in Frage gestellt – in einem Wort, „entfremdet“. „Der Mensch als Mensch muss danach streben, Gott zu sein, um zur Erfüllung seiner selbst zu gelangen; doch wenn Gott tot ist, und die Welt so ist wie sie ist, werden ihm diese Bestrebungen als Absurdität ins Gesicht zurückgeworfen.“ (30) Diese Entfremdung wurde von einer „Philosophie des Als-ob“ überdeckt. „Wenn es keine Universalien gibt, kein Allgemeingültiges, dann ist die ‚Normalität‘ ebenfalls relativ und muss von einem willkürlichen Allgemeinen diktiert werden, das entweder vom Staat oder von der Durchschnittsmeinung der Bevölkerung geschaffen wird.“ (32) Dieser Zustand kann auch dann nicht aufgegeben werden, wenn er – zumindest untergründig – erkannt wird. „Ohne echte Umkehr ist es dem Menschen unmöglich, seine Schuld offen einzugestehen. Und der moderne Mensch hat nichts, was ihn dazu veranlassen könnte.“ (36) „Es herrscht eine fast perverse Weigerung, das historische Christentum noch einmal in Betracht zu ziehen.“ (41) Deshalb bleibt nichts anderes übrig als die Flucht vor der Wirklichkeit.

Was kann der moderne Mensch jetzt von der Zukunft erwarten? Das Vakuum veranlasste den Aufstieg der Futurologie. Diese befindet sich in einer Spannung zwischen eutopia (guter Ort) und outopia (Nirgendwoland). Die einen waren Optimisten und bauten ihre private Hoffnung als Brücke zwischen dem herrschenden Chaos und der Lösung, nach der er sich selbst sehnte (61). Jeder Aussenstehende bemerkte jedoch die „gähnende Kluft“ zwischen Vision und Wirklichkeit. Die zweite, grössere Gruppe, wurde von Pessimismus erfasst und betätigte sich als „Propheten des Unheils“. „Der Humanismus verlangt nicht nur Glauben an den Menschen gegen die Tatsachen der Geschichte, er verlangt auch den Glauben an die Zukunft gegen die Tatsachen, die wir über unsere absehbare Zukunft zur Verfügung haben“. (76)

Die kleinen Nebenflüsse der Gegenkulturen

„Jeder Versuch, die Gegenkultur als Ganzes zu verstehen, muss berücksichtigen, dass sie wie ein Strom aus vielen kleinen Nebenflüssen entstanden ist.“ (79) Guinness greift nun einige dieser Nebenflüsse heraus. So beschreibt er eindrücklich die Beat-Kultur mit ihrer unpolitischen Haltung und ihrem aus freier Moral, französischem Existenzialismus und oberflächlichem Verständnis bestehenden religiösen Interesse. „Der Beat war vielleicht ein Rebell ohne eine Sache, die er vertreten konnte, aber seine Rebellion war die einzige Rebellion.“ (86) Die Hippies waren – so Jacques Ellul – „Anhang derselben Gesellschaft – die Blume auf dem Hut, die Lieder, die Girlanden, das Feuerwerk, der Korken auf dem Champagner. Sie verurteilen die Gesellschaft und lehnen sie ab – so meinen sie. In Wirklichkeit sind sie nur ein Produkt ihres Wohlstands.“ (93) Die Neue Linke tendierten „stets zur Auflösung, wenn nicht gar zum totalen Zerfall. Es gab keinerlei zentral kontrollierte Direktive, keine allgemein anerkannte Theorie, keine gut organisierte Planung.“ (100) Sie erhoben die Revolution selbst zum Absolutum; die Endstation lautete „Verzweiflung“. Mancher Aktivist kam nie weiter als zur Befestigung von Ché Guevara-Postern an den Wänden seines Zimmers (103). Oftmals bestand die einzige Möglichkeit in der Einsamkeit. (Guinness zeigt in diesen Passagen wunderschön auf, dass „es in einer Welt ohne Gott keine Auflösung zwischen Form und Freiheit gibt“, 107). Viele Radikale von gestern wurden zu den Bürgerlichen von morgen.

Die Kritik an der Technokratie

Guinness blendet auf einige wichtige gesellschaftskritische Stimmen der 50er, 60er und 70er zurück. Riesman (die einsame Masse), Whyte (der Mensch der Organisation), Goodman (Passe dich an oder stirb), Mills (Herrschaft der Elite), McLuhan (Einfluss der Medien), Marcus (eindimensionaler Mensch) und Ellul (technologisierte Gesellschaft) werden aufgegriffen. Klarblick oder bloss Technophobie? Guinness sieht zumindest zwei Argumente, die zutreffen: Komplexität der Technik und Ohnmacht des Einzelnen (136). Wer auf empirische Daten zurückgreift, wird pessimistisch. Wer hingegen auf romantische Vorstellungen baut, dem fehlt das entsprechende Beweismaterial. „Der moderne Mensch mit seinem selbstfabrizierten Bild von der Gesellschaft als ‚geschlossenem Raum‘ ohne Ausgang ist metaphysisch und soziologisch gefangen.“ (144)

Fortsetzung folgt

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