Buchbesprechung: Sozialkritik und biblische Weltanschauung (2)

Os Guinness. Asche des Abendlandes. Hänssler: Neuhausen-Stuttgart, 1972. 356 Seiten. Gebraucht ab Euro 0,01.

Zum ersten Teil der Buchbesprechung geht es hier.

Guinness beschreibt die „kaleidoskopische Vielfalt“ (10) der Gegenkultur, die aus der Sackgasse des Humanismus führen soll. Leider herrsche die „fast perverse Weigerung“, das Christentum noch einmal in Betracht zu ziehen. (41)

Vier weitere Gegenkulturen

Eine weitere (scheinbare) Lösung ist die der Gewalt. Sie deutet den Willen zur Zerstörung fälschlicherweise als schöpferischen Willen. Einzelne Kulturtheorien stufen die Gewalt im Sinne der Krise und der Katharsis (Reinigung) als notwendig ein (155). Ganz anders Jesus. Er unterschied nicht einmal zwischen innerer Einstellung und äusserer Gewalt (166). Guinness fordert Differenzierung „Zwang“ und „Gewalt“: Zwang werde zur Gewalt, wenn ihr keine Gerechtigkeit und Autorität zugrunde lägen. Gewalt sei immer als letzte, sich aufbäumende Verzweiflung zu sehen (177). Das bedeute, dass der Christ sich im Ringen um weltweite Gerechtigkeit zeitweise auch auf Seite des Establishments zu stellen habe.

Eine sehr anziehende Alternative stellt der Osten mit seiner „Revolution des Bewusstseins“ dar (185). Durch den Zerfall der originären westlichen Überzeugungen suchen viele Antworten im alten Osten. Tatsächlich stehen einige Aspekte in wohltuendem Kontrast: Die Betonung des Geistigen im Gegensatz zum Materialismus; der Ruhe als Kontrast zur Hetze, Leibesübungen statt Kontrolle (199). Doch ein zweiter Blick enthüllt grundsätzliche Unterschiede: Das zyklisch-unbegrenzte Zeitverständnis; die Welt als Illusion; das Schweigen als endgültige Wahrheit und Realität jenseits des Wissens; die Auflösung der Persönlichkeit. Ein Haupteinwand in fragender Form: Wie kann man da unterscheiden zwischen Phantasie und Wirklichkeit (203)? Weitere wichtige Argumente: Pessimismus bezüglich Individualität und Identität (Entpersönlichung als Flucht); relativer Moralbegriff und Fatalismus; „Ersticken in der brüderlichen Umarmung“ (alles zu tolerieren).

Ein interessanter und gleichermassen ungeheuerlicher Ausflug ist das Kapitel über Drogen. Manche sahen in den 60ern und 70ern die Drogen als sakramentaler Ersatz, eine (illusorische) Unendlichkeit versprechend (257). Wer die Rauschgift-Saga analysiert, wird schnell nüchtern. Drogen werden als Instant-Ausstieg aus der Wirklichkeit genützt. Die religiösen Assoziationen und Erlebnisse sind erzwungene, immanente Vorstellungen (249). Initiative und Urteilsfähigkeit werden gründlich untergraben. Das bedeutet nichts anderes als „kulturelle Drückebergerei“. Was Guinness damit keineswegs in Abrede stellen will, ist die endliche Einheit des Menschen mit der Natur. Sie beide sind  in gegenseitiger Passung vom selben Konstrukteur geschaffen worden (254).

Nicht weniger ungeheuer war das Kapitel über Okkultismus. Guinness bezeichnet die okkulte Welle als „Schatten über der Dämmerung der westlichen Kultur“. Er billigt ihr zwar Wirklichkeit, jedoch keine Rechtmässigkeit zu. Die Warnung lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen: Ohne kritische Kontrolle durch biblische Normen wird die Erfahrung selbst normativ (264). Wie wahr! Der neue Aberglaube will alles haben und in Erfahrung bringen, ohne dafür etwas aufwenden zu wollen. Wie Guinness selbst erlebte, reagierten Atheisten oft am meisten betroffen, wenn sie okkulte Kraft erlebten (288).

Der dritte Weg des Christentums

Nach dieser ausführlichen Behandlung der Gegenkultur(en) kommt Guinness am Schluss auf den dritten Weg des Christentums zu sprechen. Der Westen ist, so stellt er fest, das „erschöpfte Opfer seiner eigenen Ängste“ (294). Leider geben viele Christen keine gute Falle ab (siehe dieser Beitrag „Zwischen Liberalismus und Fundamentalismus“). Es hat eine weitgehende Trennung von Glauben und Fakten stattgefunden. Die christliche Botschaft wurde privatisiert. Das „christliche Geburtsrecht“ wurde für ein „psychologisches Linsengericht“ verscherbelt. Deshalb stellt sich neu die Frage: Gibt es eine genügende Basis für den Gottesglauben? (317) Dafür kommen zwei Prüfkriterien zum Einsatz: Ist dieser Glaube in sich konsistent? Stimmt er mit einer falsifizierbaren Wirklichkeit überein?

Guinness ist sich der Gefahr der Logik eigener Prämissen wohl bewusst, wenn er dieser Frage nachgeht. Viele Menschen werden im Zirkel verkehrter Vorannahmen gefangen. Energisch plädiert der Autor gegen die Diskontiuität von Glaube und Tatsachen. Glaube ist rational, denn er kann untersucht werden. Dadurch ist es auch möglich zu einer Überzeugung zu gelangen. Dabei ist von vier Irrwegen abzusehen: Dem Unwissen (Fundamentalismus), einem fehlgeleiteten Streben nach Relevanz (Liberalismus), einem undifferenzierten Streben nach Einheit (Ökumene) und einer überstrapazierten Geistlichkeit (Neo-Pfingstlertum).

Die christliche Wahrheit sei radikal. In welcher Hinsicht, ist zu fragen. Sie beschreibe die Welt so, wie sie wirklich ist. Deshalb halte die christliche Wahrheit dem Realitätstest stand, ja noch mehr, sie biete Raum zur Entdeckung von Zusammenhängen. Man mag sich jetzt fragen, was sich daran in den letzten 40 Jahren geändert hat. Vielleicht am ehesten die Tatsache, dass unsere Gesellschaft zunehmend perspektiveloser weiter irrt und sich dabei in noch mehr Subgruppen aufgespalten hat. Dem Urteil Guinness‘ stimme ich auch 2015 zu:

Man könnte sich unsere Generation so vorstellen, als sei sie in einer gigantischen Umzäunung gefangen, die kreisförmig und unbeleuchtet ist. An den dunklen Grenzen stehen die Wachtposten – Philosophen, Poeten, Künstler, Denker, die mit dem grossen unbekannten Jenseits ringen, aber mit den inneren Absurditäten nicht fertig werden, und viele halten ihr eigenes Leben für eine der Würfel in der letzten Spielrunde. Hinter ihnen drängen sich die Jungen, die Tapferen, die Engagierten, die Idealisten, die entweder ihren Platz an der prekären, einsamen Grenze einnehmen oder entsetzt und frustriert zurückfallen. In der Mitte lebt die grosse Mehrheit der Selbstzufriedenen, die sich nicht getraut, ihren fragenden Ängsten zu folgen – und die auch nicht die harte Disziplin der eigentlichen Alternative auf sich nehmen will… (292)

Meine Beurteilung: Eine der brillantesten Kulturkritiken, die ich je gelesen habe. Ein Muss gerade für junge Menschen!