Buchbesprechung: Die Gotteslehre der protestantischen Orthodoxie (I)

Richard A. Muller. Post Reformation Reformed Dogmatics. Vol. 3. Baker: Grand Rapids, 2003. 606 Seiten. (Logos-Edition)

Eine zweimonatige Bergtour

Dieser Band bildet Bestandteil der Vorbereitung für eine Vorlesung über die Gotteslehre. Nicht jedes Buch muss ein Spaziergang sein. Das 600-seitige Werk kündigte sich mir als steile Bergtour an. Es würde, so wusste ich im Vornherein, anstrengende Etappen geben. Ebenso würde ich schon beim Aufstieg zuweilen die herrliche Aussicht geniessen dürfen. Was half mir bei der Arbeit?

  1. Realistische Erwartung: Gerade das Wissen, was auf mich zukommt, liess mich zuversichtlich bleiben. Früher gab ich bei schwierigen Passagen schneller auf und liess das Buch liegen. Natürlich gibt es Tage, an denen ich das Buch entmutigt sinken liess oder das Gefühl hatte, ich hätte überhaupt nichts verstanden. Ich rappelte mich wieder auf und las weiter.
  2. Verdaubare Portionen: Manchmal neige ich dazu, mich selbst durch zu grosse Happen zu überfordern. Dieses Mal setzte ich mir das Tagesziel von 10 Seiten, das ich im Durchschnitt zwar nicht ganz erreichte, aber doch dranblieb. 60-mal 10 Seiten bedeutet, das Buch in zwei Monaten gelesen zu haben.
  3. Konsequente Orientierung an den Titeln: Das ausführliche Inhaltsverzeichnis verwirrte mich vor allem zu Beginn. Mit der Zeit lernte ich es jedoch als Navigationshilfe schätzen. Die innere Rhythmisierung durch Nummerierung von Argumenten sowie ein ähnlicher Ablauf half mir zudem, in das Buch hineinzukommen.
  4. Sammeln von Schätzen: Da ich das Buch in der elektronischen Ausgabe über Logos gelesen habe, konnte ich keine Stifte einsetzen. Ich unterhielt jedoch eine Word-Datei, in die ich wichtige Aussagen hineinkopierte. Ich unterschied innerhalb dieser Notizdatei zwischen drei Stufen (Zusammenfassende Aussagen, Schlüsselaussagen, Markierungen für die Buchbesprechung).

Überblick über die Tour

Im ersten, ausführlichen Teil zeigt Muller die Entwicklung und Schwerpunkte der Gotteslehre vom zwölften bis Anfang 18. Jahrhundert auf, wobei er das in zwei Etappen tut: 12. – 14. (Kapitel 1) und 15. – 18. Jahrhundert (Kapitel 2). Die knapp 150 Seiten sind eine schöne Konkretisierung von Theologiegeschichte.

Der zweite Teil widmet sich dann fokussiert den einzelnen Inhalten. Muller beginnt bei „Existenz, Essenz und Attributen“ (Kapitel 3). Gerade dieses dritte Kapitel erregt bisweilen Kopfschütteln bei uns spätmodernen Menschen. Hier öffneten mir Zusammenfassungen und wunderbare Zitate die Augen. So zum Beispiel die Bemerkung des katholischen Theologen Gilson zu 2Mose 3,14:

All medieval discussion of the being and essence of God is not Greek philosophy in general or Aristotle in particular, but Moses—in Exodus 3:14: “God said to Moses, ‘I am who I am.’ (S. 50)

Lern- und Korrekturerlebnisse

Ein erster Lernpunkt ist das Aufzeigen des Zusammenhangs zwischen Exegese, Dogmatik und Frömmigkeit (piety). Was wir schon als Theologen (zu) stark als einzelständige Disziplinen wahrnehmen, bildete für die Reformierten und Puritaner eine durchgängige Einheit. Könnte es damit zu tun haben, dass wir oft zwischen Kopf (als Zentrum des Verstandes) und dem Herz (als Sitz der Gefühle) trennen? Letzteres verbinden wir mit Gotteserfahrung, ersteres mehr mit logischen Überlegungen. Diese bleiben für andere Lebensbereiche vorbehalten . Dass dies eine ganz und gar unbiblische Unterscheidung darstellt, wissen wir im Grunde genommen. Doch es ist etwas ganz anderes, eine Umsetzung  zu erleben, die diese Trennung gekannt hat. Muller fasst zusammen:

In specific relation to the doctrine of God, the impact of the Nadere Reformatie and of Puritan piety was to produce a traditional orthodoxy, characterized by an exegetical foundation and a full scholastic development of doctrinal points, blended with a strong sense of the practical impact of the doctrine—indeed, of each of the doctrinal subtopics—on Christian life. (S. 143)

Der zweite Punkt betraf mein bisheriges dogmengeschichtliches Verständnis. Muller schreibt zu Beginn: „The historical problem of the doctrine of God in its development from the Middle Ages to the Reformation and post-Reformation eras has not only been studied partially but has also, because of the partial character of the study, not been sufficiently or clearly analyzed in terms of the great doctrinal continuities or, indeed, in terms of the genuine changes and discontinuities that both characterize its development.” (S. 30) In meinem Kopf steckte – wohl von den Lehrbüchern her, die ich gelesen hatte – das Cliché des aristotelischen Scholastizismus aus dem Mittelalter und der verkopften Systematisierung des orthodoxen Protestantismus. Muller zitiert z. B. Otto Weber:

The doctrine of God in the early Church, in the Middle Ages, and in orthodoxy is a curious mixture of Greek, especially Neo-Platonic, and biblical ideas. Since the Reformation showed little interest in the traditional doctrine of God, it survived the fiery ordeal of the Reformation’s reworking of all tradition far more unscathed than was really good. For this reason, Protestant Orthodoxy on the whole maintained the traditional mixture of non-Christian and biblical statements. (S. 95)

Diese Festlegung hat Muller bei mir aufgeweicht. Beispiel: Thomas von Aquin, war eine wichtige, aber nicht die Stimme des Mittelalters. Anselms Proslogion, in den Augen gewisser Theologen Paradebeispiel scholastischen Intellektualismus, ist in die Form eines Gebets gepackt. Schön ist Mullers Zusammenfassung des Ansatzes der protestantischen Orthodoxie:

“(T)he orthodox approach to the doctrine of the divine essence, attributes, and Trinity evidences both a respect for the broader and fundamental definition of Scripture as principium cognoscendi, and the more hermeneutical understanding of the text of Scripture as providing principia or axiomata from which conclusions could be deduce.” (S. 99)

Der Neutestamentler D. A. Carson meinte einmal, dass Evangelikale in der Gotteslehre nicht eben stark seien. Mullers Beitrag zur Gotteslehre ist ein schönes Beispiel dafür, was geschieht, wenn Gott zum principium essendi der Theologie erklärt wird. Es scheint mir, als hätten wir unbewusst den Menschen zu eben diesem Zentrum erklärt und nähmen darum gar manche Missdeutung Gottes vor. „The identification of God as the principium essendi of theology, far from generating a theological system deduced from the doctrine of God, actually produced a theological system in consistent dialogue with the doctrine of God.” (S. 33)

Das bleibt ein Fragezeichen

Neben konkreten Lernpunkten ist wichtig festzuhalten, was weiterer Vertiefung bedarf. Obwohl ich mich schon an verschiedene Aufsätze zu Duns Scotus und William von Ockham gewagt habe, komme ich mir vor, als hätte ich erst an der Oberfläche gekratzt. Hierbei hilft mir der ausführliche Fussnotenapparat von Muller, wo er auf wichtige Monografien verweist.

Fortsetzung folgt

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