Debatte: Wenn sich unsere Kinder zum Säkularismus bekehren

Vor kurzem habe ich via FB eine intensive Debatte zur Frage geführt: Warum gehen unsere Kinder nicht mehr in den Gottesdienst?

Der Ausgangspunkt zur Suche nach Antworten

Der Ausgangspunkt zur Suche nach Antworten beginnt meines Erachtens bei einer Aussage von Sacha Walicord:

In der Seelsorge treffe ich immer wieder auf Eltern, die verzweifelt sind, weil ihre Kinder im Teenageralter nicht mehr in den Gottesdienst gehen wollen oder sogar mit dem Glauben insgesamt nichts mehr zu tun haben wollen. Wenn man nachfragt, um sich ein Bild vom Alltag des Aufwachsens dieser Kinder zu machen, erfährt man meistens, dass deren Großwerden sich nicht sehr vom Heranwachsen ihrer ungläubigen Freunde unterschied. Sie gingen zur gleichen staatlich-säkularen Schule, sie hörten die gleiche Musik, sie sahen ebenso die statistischen 3 Stunden täglich fern und machten auch sonst all das, was man eben so zu tun pflegt – außer eben dass sie am Sonntagvormittag mehr oder weniger freiwillig zum Gottesdienst in eine Gemeinde mitgingen, jedenfalls solange sie sich noch in einem Alter befanden, in dem sie unselbständig waren. Wenn dazu noch kommt, dass selbst in heutigen so genannten Gottesdiensten ebenfalls nur noch Unterhaltung geboten wird, ist es für Kinder aus christlichen Familien schwierig, Gott und sein heiliges Wort kennenzulernen. Das Volk Gottes war immer auch das von der Welt abgesonderte Bundesvolk Gottes.

Die Religion unserer Nachbarn besser kennenlernen

Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass wir gar nicht erkennen, dass unsere Nachbarn, Schul- und Arbeitskollegen säkular denken. Unsere Kinder bekehren sich zum Säkularismus – und niemand spricht darüber. Wie denn auch, wenn wir gar nicht merken, dass WIR SELBST säkular denken und handeln? In einem noch nicht veröffentlichten Aufsatz beschreibe die Situation so:

Meine fünf Söhne wachsen durch Gottes Vorsehung in einem Haus auf, das sich zu der Minderheit der 2 % zählt. Wann immer sie dieses Haus verlassen, werden sie augenblicklich vom „Sog“ der anderen 98 % erfasst. Sie merken zwar, dass etwas mit aller Macht an ihnen zu ziehen beginnt. Es lässt sich nicht gleich mit Worten fassen. Wie viele Jugendliche habe ich schon gesehen, die sich unmerklich vom Glauben ihrer Väter verabschiedet und sich zur Religion ihrer Umgebung bekehrt haben!
Ziehen wir den kleinen Kreis der Familie etwas weiter und beziehen ihn auf eine christliche Gemeinschaft. Wie einst Gottes Volk im Alten Testament steht auch diese permanent in Gefahr, sich an ihrer Umgebung zu orientieren. Sie halten Ausschau nach den „Göttern der Nachbarvölker“. Israel entwickelte eine Hektik in der Anpassung an den aktuellsten Gott der Region. Der Prophet Jeremia warnte: „Hat je ein Heidenvolk seine Götter gewechselt?“ (Jeremia 2,11)

Unser Auftrag: Wir müssen die Religion unserer Nachbarn besser kennenlernen und dann mit Gottes Gnade zu suchen beginnen, wo wir sie selbst schon übernommen haben!

Säkulares Denken und Handeln

Wie macht sich säkulares Denken bemerkbar? Ich liste hier eine Anlässe auf – im Wissen darum, dass eine solche Liste schnell im Sinne des Moralismus fehlgedeutet werden kann (siehe „Die beiden Diebe des Evangeliums“).

  • Arbeit: Papi und Mami gefällt nur die Freizeit.
  • Sonntag: Kirche nur dann, wenn es ins Freizeitprogramm passt.
  • Mann/Frau: Rollenmodell der Vergleichsgruppe wird ohne Überlegungen übernommen (inkl. Fremdbetreuung etc.)
  • Schule/Studium: Funktionaler Atheismus (als ob es Gott nicht geben würde).
  • Urlaub: Muss Spass machen, kein Platz für Andachten.
  • Anschaffungen: Kaufen, um zu kompensieren; gleich das nächste Ziel ins Auge fassen.
  • Sexualität: „Das ist halt heute so.“
  • Soziale Medien: Geht mich nichts an, was und wie viel du machst.
  • Ehe: Dem Partner die Türklinke in die Hand geben (jeder rennt für seine eigenen Projekte).
  • Mahlzeiten: Gott ist kein Thema.

Kinder erkennen nicht, warum sie Gnade brauchen

Ein Teilnehmer der Debatte stellte fest (VD: SG):

Ich sehe mittlerweile Hauptproblematik darin, dass die meisten Gemeinden in ihrer Kinder- und Jugendarbeiten vor allem moralisch ausgerichtet sind. Das bewirkt, dass die Kinder in ihrer Umgebung meist doch recht anständig leben, was ja zunächst positiv ist. Leider erkennen viele dadurch nie die Notwendigkeit von Gnade für ihr eigenes Leben.
Viele ziehen dadurch die Konsequenz und kehren der Gemeinde den Rücken. Allerdings hab ich den Eindruck, dass die wenigstens so wirklich in einen tiefen „Sumpf“ abstürzen. Im Gegenteil, durch ihre Erziehung usw. haben sie oft gigantische Chancen am Arbeitsmarkt und machen Karriere. Vielleicht ist das aber auch der oben angesprochene Götze.
Die zweite Gruppe, die Gnade nicht für ihr Leben erkennt aber trotzdem in der Gemeinde bleibt, macht mir fast noch mehr Sorgen. Sie wissen genau was sie tun müssen usw. und jeder denkt, dass sie gläubig sind. Und weil sie ja schon immer dabei sind, man Mama und Papa kennt, kommen nicht wenige von ihnen in leitende Verantwortung. Oft ist das der Tod für eine Gemeinde – man hält dann (weil man es ja nie anders erfahren hat) die Form aufrecht ohne das wirklich Leben darin ist.

Die Kinder nicht als Teil des Gottesvolkes ansehen und abschieben

Johannes Müller, Pastor aus Berlin, steuerte diese wichtigen Bemerkungen bei:

Ich glaube das Problem liegt darin, dass die Kinder nicht als Teil des Volkes Gottes angesehen werden. Wie es dazu kam ist eine andere Geschichte, aber die Konsequenzen sind heute offensichtlich.

Die Kinder werden so früh wie möglich in Kindergottesdi
enste abgeschoben, anstatt mit ihren Eltern zusammen Gott anzubeten. In den sogenannten kindergerechten Stunden, besteht ein großer Teil aus Unterhaltung (Spiele, Basteln…).

Die Schrift hingegen zeigt uns Kinder als Teil des Gottesvolkes. Sowohl im AT, wie auch im NT beten die gesamten Familien Gott zusammen an. Wenn wir unsere Kinder im Gottesdienst behalten, verstehen sie vielleicht nicht alles, aber sie erfahren und merken, dass es eine besondere Veranstaltung ist. Die Kinder merken, dass es für die Eltern das wichtigste Ereignis der Woche ist. Es ist ihnen so wichtig, dass sie bereit sind 30 Minuten einer Predigt zuzuhören. Es ist den Eltern so wichtig, dass sie wollen, dass ihre Kinder dabei sind.

Hinzu kommt, dass auch zuhause die Kinder nicht mehr an der Anbetung Gottes teilnehmen. Das einzige gemeinsame Gebet ist oft vor dem Essen. Doch es gibt keine gemeinsame Familienandacht mehr, bei der die ganze Familie zusammen kommt, um zu singen die Bibel zu lesen und zu beten.

Wir müssen uns also nicht wundern, wenn Teenager nicht mehr in den Gottesdienst kommen wollen. Sie waren ja nie Teil der Gemeinschaft Gottes.

Im Glauben, nicht zum Glauben hin erziehen

Nochmals Johannes Müller: Zuletzt sind wir auf die Gnade Gottes angewiesen. Doch

die Schrift zeigt uns auch, dass Gott das wirken seiner Gnade an Mittel gebunden hat (nicht in einem mechanischem Verständnis). Das beste Beispiel wäre die Predigt. Ein Mensch kann nur glauben, wenn der Geist Gottes in ihm wirkt. Dennoch wissen wir, dass der Glaube aus der Predigt des Wortes kommt kommt (Römer 10), denn Gott hat die Predigt erwählt, um Menschen zu erretten (1Korinther 1).

Auch wenn wir unsere Kinder nicht zum lebendigen Glauben erziehen können, sollten wir uns an die Mittel halten, die uns die Schrift gibt. Das sind in erster Linie die Predigt und die Sakramente (Taufe und Abendmahl). Die Kinder nehmen nicht unbedingt daran Teil, aber sie sehen und hören den Inhalt trotzdem. Zum anderen ist es die Erziehung im Glauben (nicht zum Glauben hin) innerhalb der Familie.

Aus der Gnade schöpfen und Vergebung beanspruchen

Wir dürfen uns sollen zu unserem Versagen als Eltern stehen und selber aus der Gnade schöpfen (VD: DH).

Kritische Reflektion find ich gut und richtig, aber am Ende des Tages – wenn ich doch weiß dass ich treu gegenüber dem Wort gewesen bin – muss ich doch in meinen Verfehlungen als Vater oder Mutter auch aus Gottes voller Gnade schöpfen können und anerkennen, dass die Sehnsucht nach Gott und Gottesdienst nicht durch meine Kindererziehung hervorgerufen werden kann. Kommunikation und Gebet sind da, wie oben bereits erwähnt, doch die stärksten Waffen.