Buchbesprechung: Jonathan Edwards (II)

Iain H. Murray. Jonathan Edwards. Ein Lehrer der Gnade und die grosse Erweckung. CLV: Bielefeld, 2011. 576 Seiten. Kostenloser Download.

In diesem zweiten Teil habe ich beispielhaft einige inhaltliche Brocken zusammengestellt.

a)     Die Schattenseiten der Erweckung

Edwards erlebte einen gewaltigen Aufbruch, und gleichzeitig die Schattenseiten einer solchen Zeit. Seine Lektionen sind von grossem Wert.

Seelische Erschütterungen sind „nicht der Beweis irgendeines rettenden Werkes des Heiligen Geistes. Zwar können Menschen durch einen plötzlichen Schrecken überwältigt und zu Boden geworfen werden, wenn Gott sie in seinen Rettungsabsichten überführt; doch Edwards wusste auch, dass dieselben äußeren Effekte auch mit Gefühlen einhergehen können, die von der Wahrheit in Nichtwiedergeborenen hervorgerufen werden können, weil sie vor Gott in sklavische Angst geraten.“ (289)

Durch die Erweckung wurden die Kirchen „von der Meinung infiziert, dass Lärm, Erregung und geistliche Kraft ein und dasselbe seien.“ (291)

Es verbreitete sich die Ansicht, dass „ein Mensch kein »Buchwissen« und keine »Gelehrsamkeit« benötige, vorausgesetzt, er könne »im Geist predigen«“ (295).

Gilbert Tennent teilte die Bedenken Edwards in einem Brief an diesen: „Ich weiß, dass die meisten jungen Eiferer imstande sind, durch ihre Unwissenheit, Unüberlegtheit und den Stolz ihrer Herzen Dinge zu übernehmen, wofür sie nicht die nötigen Voraussetzungen besitzen; und unter ihren Torheiten und ihrem Schwarmgeist wird die Gemeinde Gottes leiden.“ (296)

Murray kommentiert: „Es ist für religiösen Fanatismus kennzeichnend, dass er, wenn man ihm Raum gegeben hat, außer Kontrolle gerät.“ (302) „Die am lautesten davon redeten, vom Geist geleitet zu sein, waren genau diejenigen, die dafür verantwortlich waren, dass das Werk des Heiligen Geistes unterdrückt wurde.“ (304)

Leider hatten „weder das Volk noch die Pastoren sorgfältig zu unterscheiden gelernt zwischen einer soliden Frömmigkeit und deren verführerischen Zerrbildern.“ (Edwards, zit. 307)

Er erinnerte an das Geschehen der Apostelgeschichte: „»Als der Geist Gottes in den Tagen der Apostel kam und in so wunderbarer Weise ausgegossen wurde«, erinnerte er seine Leser, »waren viele, die hohes Ansehen in Bezug auf Religion und Frömmigkeit genossen, erbitterte Feinde dieses Werkes.“ (308) Er war sich bewusst: »Ein Werk Gottes, in dem es keine Stolpersteine gibt, ist niemals zu erwarten.« (309) Der Teufel verrichte sein Werk geschickt: „Sobald er merkt, dass er die Leute nicht mehr in Gleichgültigkeit und Untätigkeit halten kann, treibt er sie zu Überspanntheiten und Absonderlichkeiten.“ (310) „Die Exzesse eines »wahrhaft eifernden Menschen«, schreibt er, »können (weil Satan ihm an Raffinesse überlegen ist) das Werk mehr behindern als die Machenschaften von hundert bedeutenden, starken und offenen Gegnern«“ (314).

Es war eine grosse Gefahr „rein subjektiven Impulsen“ zu folgen und irrigerweise zu meinen, „man werde vom Heiligen Geist sicher geführt“ (317).Ein starker, „auf unsere Einbildungskraft ausgeübten Impuls, der auf natürliche Ursachen zurückgeführt werden kann“, wird in einer solchen Zeit leicht „als unmittelbare Führung durch den Heiligen Geist“ betrachtet (318), so Murray. Menschen werden „Opfer schmerzlicher Täuschungen“, weil sie dazu neigten, „zu viel Gewicht auf Impulse und Eindrücke zu legen“ (Edwards, zit. 319).

Die „außerordentlichen Gaben standen nicht notwendigerweise mit der Kraft der Heiligung und des gottgemäßen Lebens in Verbindung. Ja, Edwards macht geltend: Ein Mensch kann sie haben und »in die Hölle fahren«.“ (320-321)

„Solange ein Mensch der Auffassung ist, direkt vom Himmel her geleitet zu werden, bleibt er unbelehrbar und unbeeindruckt von seinem Fehlverhalten.“(Edwards, zit. 321)

„Der Teufel hat das Pendel weit über seinen genauen Ruhepunkt hinaus bewegt; und wenn er es so weit hat ausschlagen lassen, wie er nur konnte, und es durch sein eigenes Gewicht zurückzuschwingen beginnt, wird er vielleicht wieder eingreifen und es mit äußerster Wut in die andere Richtung treiben.“ (Edwards, zit. 326)

Whitefield, Augenzeuge der Erweckung, schrieb: „Von ihrem Wesen her gibt die Schwärmerei vor, vom Heiligen Geist ohne das geschriebene Wort Gottes geführt zu sein. Dabei ist es die ernste Pflicht eines jedes Christen, sich vom Geist in Verbindung mit dem Wort Gottes leiten zu lassen.“ (zit. 328)

Der Feind „weiß genau, dass er auf diese Weise alle Frömmigkeit zu einem rein äußerlichen Formalismus ohne jedes geistliche Leben machen und die Kraft der Gottseligkeit samt allen geistlichen Sachverhalten ausschließen kann.“ (Edwards, zit. 331)

Für Edwards war es selbstverständlich, „dass es scheinbare Bekehrungen gibt, die sogar von Freude, Eifer und Liebe begleitet sein können.“ (339) „Heuchler jedoch sprechen in ihrer starken emotionalen Erregung mehr von der Entdeckung als von dem, was sie entdeckt haben.“ (zit. ebd.) »Der demütige Christ neigt eher dazu, mit den Resten seines eigenen Hochmuts ins Gericht zu gehen, als andere Menschen zu kritisieren … der stolze Heuchler ist schnell dabei, den Splitter im Auge seines Bruders zu entdecken« (zit. 340).

b)     Ein einzigartiger Umgang mit Emotionen, besonders der Freude

„Edwards, so sagt sie (Winslow, eine Biographin), konnte über seine Freude an Gott schreiben – von einem ganz realen Sachverhalt. »Wenn er ein Geheimnis hatte, muss es sich irgendwie um diese seine Fähigkeit zu einer solchen Freude gehandelt haben, während seine Füße noch auf Neuenglands Erde standen.«“ (27).

Sehen wir uns einige Stellen aus dem ersten Teil des Buches an. Einige Zitate sind nicht von Edwards selbst, beschreiben aber die Art und Weise seiner Empfindungen trefflich.

Mein Geist war sehr damit befasst und fand in seiner Selbstgerechtigkeit immer wieder Vergnügen daran, wobei es mir Spaß machte, mich in geistlichen Übungen über Gebühr zu beweisen. (52)

Ich bin mir der Kostbarkeit meiner Zeit bewusst und bin entschlossen, sie nie durch eigenes Versagen dahingleiten zu lassen, ohne dass sie den größten Gewinn abwirft. (64)

Als ich diese Worte las, da kam in meine Seele ein Empfinden für die Herrlichkeit des göttlichen Wesens, und es war, als sei sie ganz davon erfüllt. Es war ein neues Empfinden, völlig anders als alles, was ich bisher erlebt hatte. (71)

Dieses Empfinden, das ich für göttliche Dinge hatte, flammte oftmals ganz plötzlich in mir auf, es war wie ein sanftes Feuer in meinem Herzen, eine Glut der Seele, die ich nicht wiedergeben kann. (72)

… erquickenden Betrachtungen über meinen großen und herrlichen Gott. … Mein Geist war in starkem Maße auf göttliche Dinge fixiert, beinahe unaufhörlich dachte ich über sie nach. Ich verbrachte jahraus, jahrein die meiste Zeit im Nachsinnen über göttliche Dinge. Oft wanderte ich allein durch die Wälder und zu einsamen Plätzen, um nachzusinnen, Selbstgespräche zu führen, zu beten und mit Gott Umgang zu haben. Bei solchen Gelegenheiten bestand meine Gewohnheit stets darin, meine Betrachtungen singend vorzutragen. (74)

Ich empfand ein brennendes Verlangen, in jeder Beziehung ein vollkommener Christ und dem glück seligen Bild Christi gleichförmig zu sein. In allen Dingen wollte ich gemäß den reinen, kost baren und glückseligen Grund sätzen des Evangeliums leben. Ich hatte eine starke Sehnsucht danach, in diesen Dingen voranzukommen. Deshalb machte ich mich auf, ihnen nachzujagen, so eifrig ich konnte. Darin bestanden Tag und Nacht mein beständiger Kampf und meine fortwährende Frage: Wie konnte ich heiliger sein sowie heiliger leben und mehr ein Kind Gottes und ein Jünger Jesu Christi werden? (89)

Während dieser Krankheit gefiel es Gott, mich mit den wunderbaren Wirkungen seines Geistes heimzusuchen. Mein Herz war stark mit dem froh machenden Nachsinnen über göttliche Dinge und dem heißen Verlangen der Seele beschäftigt. (113)

Meine Erfahrung hatte mich bis dahin noch nicht gelehrt, was sie mir seitdem vermittelt hat– nämlich meine außerordentliche Schwäche und Kraftlosigkeit in jeder Beziehung und die bodenlosen Tiefen verborgener Verdorbenheit und des Betrugs in meinem Herzen. (147)

Der Mensch neigt von Natur aus in verhängnisvoller Weise dazu, sich selbst zu erheben und auf die eigene Kraft oder Güte zu vertrauen, als ob er erwarten könne, sein Glück aus sich selbst hervorzubringen. Er tendiert stark dazu, viel von Vergnügungen zu halten, die mit Gott und dem Heiligen Geist nichts zu tun haben. Darin versucht er, sein Glück zu finden. (157)

Ein Mensch muss sich elend fühlen, bevor er anfängt, sich nach einem Heilmittel umzuschauen. Er muss seine Krankheit spüren, bevor er einen Arzt aufsucht. Er muss das Gefühl haben, dass er im Gefängnis ist, bevor er ein Gnadengesuch einreicht. Ein Sünder muss seiner früheren gottlosen Wege überdrüssig sein, bevor er sich an Jesus Christus wendet, um sich erquicken zu lassen. (Robert Bolton, zit. 181)

Wahre Gnade erfreut sich des Umgangs mit Gott im Verborgenen. (190)

Gott erschien mir in den Mitteilungen seines Heiligen Geistes als eine unerschöpfliche Quelle himmlischer Herrlichkeit und Freundlichkeit. (203)

… tiefe Demütigung vor Gott und geistliche Freude zusammengehörten. Ein Gespür für Sünde und echtes Lob sind keine Gegensätze. (204, Kommentar von Murray)

»Alle großen glaubensmäßigen Erweckungen beginnen damit, dass die Erhabenheit und die furchtbaren Aspekte des göttlichen Wesens den Herzen der Betreffenden bewusst werden, wobei sie ihren Höhepunkt und ihren glücklichen Abschluss in jener Liebe und jenem Glauben erreichen, worauf die vorangehende Furcht hingewirkt hat.« (W. T. G. Shedd, zit. 231)

Meine Sicherheit und mein Glück sowie meine ewige Freude an Gottes unwandelbarer Liebe erschienen mir so dauerhaft und unwandelbar, wie Gott selbst es ist. Bewegt und überwältigt von der Kostbarkeit dieser Gewissheit, brach ich anhaltend in Tränen aus… Die Gegenwart Gottes empfand ich als so nahe und so real, dass ich beinahe nichts anderes wahrzunehmen schien. (Sarah Edwards, zit. 262)

Was ich in jeder Minute während der ganzen Zeit spürte, da dies anhielt, war mehr wert als die Summe aller äußerlichen Annehmlichkeiten und Freuden, die mir in meinem ganzen Leben zuteil wurden. (Sarah Edwards, zit. 264)

Fazit

Diese Biografie zu Edwards ist kein leicht verdauliches Lesefutter. Die Zitate auf meinem Kindle-Gerät füllen gut und gerne 25 Seiten. Das Buch ist angefüllt von kostbaren Einsichten, die es zu einem Nachschlagewerk werden lassen. Insofern dauert es mich, dass ich das Werk nicht auf dem guten alten Papier gelesen habe. Es sei jedem Christen, der geistlich wachsen will, zum Studium empfohlen!

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