Kinder in die Selbständigkeit begleiten (18): Konflikte im Licht des Evangeliums aufarbeiten

Alles beginnt am Tag X. Die Hürde ist geschafft. Zufrieden. Heiter. Geschmeichelt vom Lob. Zwei Stunden später ist Mann wieder im Alltag. Hausarbeit. Auseinandersetzung mit den Brüdern.

Am ersten Tag höre ich ruhig zu. Ich registriere die leisen Bemerkungen. Hier und da bekommt ein Bruder eine verbale Faust ab. Dann landet ein Fuss „zufällig“ dem Bruder am Kopf. Eine scharfe Bemerkung trifft einen Aussenstehenden.

Der nächste Tag. Die Aufgaben werden nur „halbpatzig“ erledigt. Die Mutter muss hinterher putzen. Als Ehemann realisiere ich, dass sie zunehmend unter der Sünde zu leiden beginnt. Ich bete und warte nochmals zu.

Am dritten Tag lernen wir zusammen. Alles scheint tadellos zu klappen. Irritiert bin ich bloss, als wegen kleiner Dinge beim Spielen, in der Pause, bei der Definition, wer wann Musik macht, es gleich laut wird. Wer zettelt an? Was bringt den Brand?

Am Mittagstisch geht es weiter. Zuerst eine Beleidigung über den Tisch, dann an den Nachbarn. Ein Bruder korrigiert. Es wird ein mürrisches Gesicht aufgesetzt, der Sohnemann verschwindet vom Tisch. Ich frage: „Wo gehst du hin?“ – „Auf die Toilette.“

Minuten später sehe ich aus dem Augenwinkel, dass eine Person in sein Zimmer verschwindet. Ich hole ihn heraus. Jetzt werden die Spuren systematisch aufgearbeitet. Weshalb bist du ins Zimmer abgetaucht? Weshalb machst du ein so mürrisches Gesicht?

Die Konfrontation kostet Nerven und Zeit. Und vor allem Geduld. Ich bete zwischendurch. Ich muss mich zurückhalten, um meine Fragen nicht selbst zu beantworten und dem Nachwuchs dadurch die Möglichkeit zu nehmen, über die Fragen nachzudenken.

Nach 20 Minuten Austausch über Ereignisse und Beweggründe haben wir auf dem Tisch: Mein Sohn hat mich angelogen. Er isolierte sich, um sich als Beleidigter im Selbstmitleid zu baden. Nun ist er zur Stellungnahme gefordert. Will er ein Mann werden, muss er da durch.

Manchmal unterbreche ich an dieser Stelle, um dem Beteiligten Zeit und Raum zu geben, über die Sache nachzudenken. Nach einer Zeit knüpfe ich nochmals an. Wir reflektieren den Vorfall nochmals aus zeitlicher Distanz.

Bis hierhin könnte sich alles als psychologisch durchdachtes Manöver anhören. Ist es nicht. Es ist ein existenzielles Ringen um Aufrichtigkeit vor dem, der uns gemacht hat. Es ist keine Liebe, wenn wir unsere Kinder in der Lüge lassen. Es ist keine Nachsichtigkeit, wenn wir es zulassen, dass unser Ehepartner unter den Folgen der Lüge leidet.

Es geht um die Wiederherstellung von Beziehungen – zuerst die Beziehung zu Gott, dann die Beziehung zu anderen. Ich bete dafür, dass durch die Kraft des Evangeliums gottgefällige Gewohnheiten etabliert werden können, die später in Beruf und Familie zum Segen für andere ausschlagen können.

Zur gleichen Zeit realisiere ich, dass jeder Konflikt auch mit mir als Vater zu tun hat. Nur zu oft fordere ich Dinge ein, die ich selbst anders lebe. Hier braucht es ein gegenseitiges Bekennen. Wie sollen unsere Kinder sonst erkennen können, dass das Evangelium ins Leben eingreift und verändert?

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