Input: Lasst uns Metaphysik betreiben!

Daniel von Wachters Aufsatz "Lasst uns Metaphysik betreiben", 2014 gehalten am XXIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, ist ein Lesegenuss. Zwei Ausschnitte:

Zum Aufgeben apodiktischer Gewissheit

Die Idee der apodiktischen Gewißheit aufzugeben, heißt konkret, daß wir in der Philosophie, wie in jeder anderen Wissenschaft auch, die Argumente, Indizien, Gründe, Wahrnehmungserlebnisse oder apriorischen Eindrücke sorgfältig abwägen müssen, sprich probabilistisch denken müssen. Nach der besonders in der deutschen Philosophie weitverbreiteten digitalen Erkenntnistheorie (wie ich sie nenne), glaubt eine Person die Aussage p oder sie glaubt p nicht, und p ist bewiesen oder nicht. Nach dem probabilistischen Ansatz hingegen hat eine Überzeugung eine Stärke eines bestimmten Grades (m.E. gibt es keinen minimalen oder maximalen Grad der Stärke). Eine Proposition hat, aufgrund bestimmter anderer Propositionen, welche Indizien (engl. evidence) darstellen, aufgrund von Wahrnehmungserlebnissen (inklusive der apriorischen Eindrücke), eine Wahrscheinlichkeit, auch wenn sich ihr kein genauer Zahlenwert zuschreiben läßt. Ich würde die kontroversere These hinzufügen, daß der Begriff des Wissens in der Erkenntnistheorie unwichtig ist und daß Indizien, Wahrnehmungserlebnisse, Wahrscheinlichkeit und Rechtfertigung die zentralen Begriffe sind.

Zum Schreiben von Aufsätzen in deutscher Sprache

Es hat Vorteile, wenn verschiedene Kultur- und Sprachräume teilweise eigenständige philosophische Diskussionen haben. Vielfalt und Wettbewerb beleben das Geistesleben. Wenn es z.B. nicht nur eine in den USA geführte Diskussion über die Willensfreiheit gibt, an der deutsche Philosophen nur am Rande teilnehmen, sondern auch eine in Deutschland auf deutsch geführte, entstehen wahrscheinlich in Deutschland teilweise andere Thesen, Argumente und Einsichten als in den USA. In der deutschen Diskussion könnten Einsichten entstehen, die in der Diskussion in den USA überhört würden oder deren Veröffentlichung durch die US-Fachzeitschriften abgelehnt würde. Dadurch entstünden insgesamt, weltweit gesehen, mehr Thesen und Argumente, und die philosophische Diskussion würde in Deutschland auch stärker in die Öffentlichkeit dringen als wenn sie auf englisch und an die Diskussion in den USA angelehnt wäre.

Ich stimme fröhlich in den Aufruf ein.

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