Kolumne: Kinderwunsch, Kleinfamilienideal und ein Plädoyer für mehr Kinder

Ergebnisse Familie und Generationen in der Schweiz

Die ersten Ergebnisse zur Erhebung „Familien und Generationen“ (2013; 17‘000 Befragte) liegen vor. Das Bundesamt für Statistik überschrieb seine Medienmitteilung mit „Kinderwunsch bleibt hoch im Kurs“ (BFS-Mitteilung). 9 von 10 Frauen wünschen sich ein Kind. Zwei Drittel wünschen sich zwei Kinder, ein knappes Drittel drei und mehr Kinder. Nur 6 Prozent der Frauen möchten kein Kind. Lediglich 3 Prozent wünschen sich ein Kind. Die Realität weicht davon ab: 30 % der Akademikerinnen bekommen kein Kind, bei der Gesamtbevölkerung sind es 20 %. 16 % haben ein Kind. Interessant sind auch die Ergebnisse zur Kinderbetreuung. Die Skepsis zur Berufstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern nimmt ab; Männer sind skeptischer als Frauen eingestellt. Insgesamt nutzen in der Schweiz rund sieben von zehn Haushalten mit Kindern unter 13 Jahren ein familienergänzendes Kinderbetreuungsangebot. Die Mehrheit der Eltern greift auf unbezahlte Betreuung durch Verwandte – insbesondere Grosseltern – oder Bekannte zurück.

Warum bleibt der Kinderwunsch so hoch?

In den Sozialwissenschaften gilt es als schick, Einstellungen und Werthaltungen mit der sozialen Konstruktion zu begründen. Das würde bedeuten, dass der Kinderwunsch eine momentane kollektive Konstruktion darstellt. Wer von einem persönlichen Schöpfer ausgeht, der nicht nur jedes Leben schafft, sondern sämtliche Bedingungen verantwortet und über diesen wacht, geht von einer anderen Prämisse aus. Die Familie ist Gottes Plan, der Wunsch nach Fortpflanzung entspricht der göttlichen Schöpfungsordnung. Wenn Gott die Institution der Familie geschaffen hat, wird er auch über ihrer Erhaltung wachen. Natürlich sind die Bedingungen nicht mehr so, wie sie Gott ursprünglich geschaffen hatte. Sowohl Vorstellung wie Realität vom Familienleben sind durch die Sünde gekennzeichnet. Es gibt Streit, Entfremdung, Gewalt, Missbrauch. Es gibt Bemühungen, das von Gott vorgesehene Modell zu sabotieren.

Fünf  Hypothesen, warum das Kleinfamilienideal anhält

Zur Zeit unserer Grosseltern ging mit der höheren Geburtenzahl eine hohe Kindersterblichkeit einher. Dieses Argument lässt sich jedoch nicht auf die letzten Jahrzehnte anwenden. Die Geburtenrate ist kontinuierlich zurückgegangen und verharrt in Westeuropa bei knapp 1,5 Kindern. Ich stelle fünf Behauptungen auf, warum auf der Ebene der einzelnen Familie das Ideal der Kleinfamilie (ein bis zwei Kinder) favorisiert wird:

  1. Jeder Mensch hat zwei Hände.
    Zwei Kinder sind in unserer Vorstellung die Anzahl, die ein Mensch überblicken und "greifen" kann (ein Kind pro Hand). Dies wurde mir bewusst, als unser drittes Kind auf die Welt kam. Es fehlte über Monate eine Hand.

  2. Ein Kind für einen Partner.
    Ein ungeschriebene Regel scheint zu lauten: Ein Kind für einen Partner. Ein Kind sollte möglichst die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Elternteils erhalten.

  3. Die Rollenumkehr lässt nicht mehr als zwei Kinder zu.
    Das gelebte Erziehungsideal geht davon aus, dass sich ein Kind von klein auf selbst im Leben zurecht findet. Die Eltern stehen in der Pflicht, ihm eine angenehme und glückliche Kindheit zu bescheren. Das Kind bestimmt mit seinen Wünschen den Kurs der Familie.

  4. Die Ansprüche den Lebensstil lassen nicht mehr als zwei Kinder zu.
    Ein Familienauto, für jedes Kind ein eigenes Zimmer, zwei- bis dreimal Urlaub pro Jahr, regelmässige Besuche in Freizeitpärken, ausserschulische Förderungsmassnahmen: Wer sich an einem solchen Lebensstandard ausrichtet, ist durch seine finanziellen Möglichkeiten (auch als Doppelverdiener) limitiert.

  5. Die Unterbrechung des Lebens durch die Kinder darf nicht zu lange andauern.
    Die Kinderpause muss möglichst kurz gehalten werden. Sonst wird der Anschluss an das (gesellschaftliche) Leben verpasst. Die Berufswelt verändert sich. Die bedingungslose Verwirklichung der eigenen Lebenspläne lassen eine zu lange "Warteschlaufe" nicht zu.

Fünf Gründe, warum Paare mehr als zwei Kinder haben sollen

  1. Verbesserte Sozialisierung der Kinder
    Sich streiten (ohne sich ständig ins eigene Zimmer und die eigene Welt zu verkriechen), Nähe aushalten, mit Verschmutzung und Unordnung umgehen lernen (und einen notwendigerweise einen eigenen Beitrag zur Beseitigung leisten), zurückstecken, teilen, mitleiden: Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Drei und mehr Kinder lernen in der Familie (fast) alles, was sie im späteren Leben benötigen.

  2. Selbstkontrolle als Basis für das Bestehen als Erwachsener
    Studien zeigen, dass Selbstkontrolle das A und O für späteren beruflichen und familiären Erfolg darstellt. Wer seine Wünsche ohne Verzögerung durchsetzen kann und kaum Hindernisse in Kauf musste, wird in der Tendenz lebensuntüchtig gemacht.

  3. Erleichternder Verlust des Perfektionsideals
    Kleinfamilien leiden unter perfektionistischen Ansprüchen. Dies kann verschiedene Lebensbereiche betreffen: Essen, Unterhaltung, Sauberkeit und Ordnung, Ruhe, Umsetzung von Wünschen. Grössere Familien bringen in dieser Hinsicht Entkrampfung.

  4. Verlassen der Komfortzone
    Die Komfortzone besteht aus der Summe der eigenen Gewohnheiten. Wer mehr Kinder hat, muss sich viele Dinge neu überlegen. Das fängt beim Reisen an (Viererabteile), geht weiter bei der Freizeitplanung. Wer seine Komfortzone verlässt, eignet sich neue Fähigkeiten an und erweitert dadurch seinen Einflussbereich.

  5. An morgen denken
    Die gegenseitige Fürsorge innerhalb der Familie ist auch Generationen übergreifend zu berücksichtigen. Wer als Einzelkind Eltern oder Elternteile im Alter unterstützt, für den kann dies eine grosse Last werden. Es ist von Vorteil, diese Aufgabe auf mehrere Schultern zu verteilen. Zudem beobachte ich in Kleinfamilien immer wieder ungesunde Verbindungen zwischen Generationen, Überbehütende Eltern verhindern, dass ihre Kinder erwachsen werden (indem sie diese z. B. in finanzieller Abhängigkeit halten).

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