Buchbesprechung: Gott erkennen

James I. Packer. Gott erkennen. Das Zeugnis vom einzig wahren Gott. vlm: Bad Liebenzell, 2005 (5. Auflage). 261 Seiten.

(Der Herold-Verlag 2014 hat eine von Benjamin und Udo H. Schmidt neu übersetzte Ausgabe herausgebracht.)

Ein biblisch-seelsorgerlicher Klassiker zum wichtigsten Thema

Ron Kubsch warb vor einigen Jahren auf seinem Blog: "Das Buch Gott erkennen von J.I. Packer ist zurecht ein Klassiker. Es entfaltet systematisch die Grundaussagen der Bibel über Gott und weist seelsorgerlich die falschen Wege von heute auf und ermuntert, Gottes Wort als Leitfaden unseres Lebens anzuerkennen und dem, der zu uns in diesem Wort redet, zu vertrauen. Die fundierten biblischen Aussagen sind eine gute Hilfe für Interessierte und Nachdenkende, die sich mit der Gottesfrage beschäftigen wollen."

Ich stimme Kubsch zu. Weder war ich von der Übersetzung besonders angetan, noch war mir der Aufbau (das Buch basiert auf einzelnen Artikeln) in besonders guter Erinnerung. Es geht vielmehr darum, dass ein begnadeter Theologe und Verkündiger sich zum wichtigsten Thema überhaupt geäussert hat. "Kein Gegenstand der Betrachtung ist geeigneter, den Geist zur Demut zu bringen, als der Gedanke an Gott." So wird Spurgeon (wer sonst?) zitiert (13). Nun ist ja die Lehre über Gott nicht das Thema, über das evangelikale Christen in den letzten Jahrzehnten zu viel nachgedacht hätten. Das heisst, es besteht einiger Nachholbedarf. Denn: "Über Gott Bescheid zu wissen ist überaus wichtig, um unser Leben zu leben." (14)

Packer verweist auf den Kleinen Westminster-Katechismus, Frage 4: "Was ist Gott? – Gott ist Geist – unendlich, ewig und unwandelbar in Seinem Wesen, Seiner Weisheit, Macht, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit." (Übrigens gilt auch die Antwort im Grossen Westminster-Katechismus, Art. 2 als die bestformulierte unter den reformierten Bekenntnissen.) Packer regt zur Meditation an, das er als "tätiges heiliges Denken, das gestaltet wird, bewusst in der Gegenwart Gottes" definiert (19).

Teil I – Erkenne den Herrn

Das grosse Ziel

Man kann eine Menge über Gott wissen, ohne ihn gross zu kennen (21). Zweifelsohne. Wie zeigt sich dies? Am meisten blieb bei mir dies hängen: "Wer Gott erkannt hat, bringt grosse Kraft auf für ihn." Packer führt dies kurz am Beispiel Daniels aus. Er meint zudem: Gebete sind immer das beste Zeugnis für die Haltung eines Menschen Gott gegenüber (25).

Was das Leben lebenswert macht, ist ein grosses Ziel, etwas, das unsere Vorstellungskraft in Anspruch nimmt und uns beständig fordert (29).Wie fangen wir aber an, dieses Ziel besser kennenzulernen? Am besten steht uns die Haltung eines Dieners an: Respektvolles Abwarten, kein Anspruch auf persönliche Freundschaft und das Bewusstsein ausserordentlich bevorzugt zu sein (31). Wir sollen Gott kennen wie ein Sohn seinen Vater, eine Frau ihren Gatten, ein Untertan seinen König und ein Schaf seinen Hirten. Was ist diesen Bildern gemeinsam? Der Erkennende blickt auf zu dem Erkannten, dieser aber übernimmt Verantwortung für ersteren (33).

Gotteserkenntnis ist eine Sache des persönlichen Betroffenseins, der intellektuellen UND emotionalen Teilnahme. Jeder fühlt für den anderen und denkt auch in seinem Sinne (35). Worauf es aber hauptsächlich ankommt, ist die nicht die Tatsache, dass ich Gott kenne, sondern die grössere und grundlegendere Tatsache, dass Er mich kennt (37). Dieser Gott ist der einzig wahre Gott. Manche Erkenntnis geht fehl, denn: Götzendienst besteht nicht nur in der Verehrung falscher Götter, sondern auch in der Verehrung des wahren Gottes in Abbildern (C. Hodge). Wir sollten hauptsächlich nicht in den Irrtum verfallen, sein Bild in uns wiederfinden zu wollen (43). Wenn wir das Zweite Gebot näher betrachten, fällt auf, dass Gottes Ehre und das geistliche Wohlbefinden direkt miteinander verknüpft sind (40).

Gott ist Fleisch geworden

"Welch grosses Geheimnis! Der Unsterbliche stirbt." (Charles Wesley, 47) Anhand von Johannes 1,1-14 leitet Packer sieben Erklärungen über das Wort Gottes ab:

  • Seine Ewigkeit
  • Sein Personsein
  • Seine Göttlichkeit
  • Seine Schöpferkraft
  • Sein lebensspendender Charakter
  • Sein Offenbarungscharakter
  • Seine Menschwerdung

Die Kenosis-Theorie besagt, dass Gottes Sohn, um ganz Mensch zu werden, sich einiger seiner göttlichen Eigenschaften vollkommen entledigte. Ein sorgfältiges Studium der Evangelien legt vielmehr nahe, dass er sowohl göttliche Kraft und wie auch Weisheit mit Unterbrechungen nutzte (55).

Die dritte Person der Gottheit

Manche tun die Lehre der Dreieinigkeit als ein Stück theologischen Plunders ab, ohne das wir leicht auskommen können (58). Person und Werk von Gottes Sohn sind ständige Gesprächsthemen in der Kirche, während die Diskussion über die dritte Person eher ein Schattendasein fristet. Packer gibt uns zu bedenken: Ohne Heiligen Geist – kein Evangelium, weder Glaube noch Wiedergeburt! (61) Und: Durch das Zeugnis des Heiligen Geistes wird unseres wahr (64).

Teil II – Blicke auf deinen Gott!

In diesem Teil geht es um Eigenschaften Gottes: Seine Unwandelbarkeit, seine Majestät, seine Weisheit, Wahrheit, Liebe, Gnade, sein Richteramt, seinen Zorn, seine Güte und Ernst und seinen Eifer. Hier sind einige Zitate:

  1. Gottes Name ist mehr als Etikett; er ist Offenbarung dessen, was Gott in seiner Beziehung zum Menschen ist (69).
  2. Wie können wir uns von Gottes Grösse ein rechtes Bild machen? Indem wir sämtliche Einschränkungen aus unseren Gedanken verbannnen und Vergleiche ziehen mit Kräften, die wir als gross betrachten (75). Zum Beispiel: Die Welt lässt uns als Zwerge erscheinen, aber Gott macht die Welt zum Zwerg. (77)
  3. Um Gottes Weisheit zu würdigen, müssen wir erst das Ziel kennen, das er verfolgt. Viele meinen jedoch, Gottes Wille sei ein sorgenfreies Leben für alle, ohne Rücksicht auf ihre geistige oder sittliche Verfassung, und von da her schliessen sie, alles Widrige und Ärgerliche sei (gleich, ob es Krankheit, Unglück, Unrecht, Arbeitslosigkeit oder Liebesschmerz ist) ein Zeichen, dass entweder Gottes Weisheit oder Seine Macht, oder aber beides am ende – dass Er möglicherweise gar nicht existiere. (81) Wie kann diese Sicht korrigiert werden? Es gibt keine deutlicheren Beispiele für Gottes ordnende Hand im menschlichen Leben als in einigen Erzählungen der Bibel (82). Unerwartete, schockierende und entmutigende Dinge bedeuten doch nur, dass Gott mit uns etwas vorhat, was wir noch nicht erfasst haben, und dass er jetzt schon darauf hinarbeitet. (86)
  4. Die ersten neun Kapitel des Buches der Sprüche sind eine einzige eindringliche Ermahnung, nach (der Gabe der Weisheit) zustreben. … erst müssen wir unser eigenes Geringsam erkenne, unsere eigenen Gedanken in Frage stellen und bereit sein, uns geistlich total umzustellen. Leider scheinen viele Christen ihr Leben lang in einer viel zu ungebeugten und arroganten Geisteshaltung zu verharren, als dass sie jemals die Gabe der Weiheit von Gott erhalten können. (90-91) … Die meisten von uns leben in einer Traumwelt mit dem Kopf in den Wolken und den Füssen überall, nur nicht auf dem Boden: wir sehen unsere Welt und unser Leben nicht so, wie es in Wirklichkeit ist. Diese tief sitzende und in Sünde wurzelnde Flucht vor der Wirklichkeit ist eine der Ursachen, warum es bei uns so wenig Weisheit gibt. (93) … Weisheit besteht darin, zum besten Ziel die besten Mittel zu wäheln. Wenn Gott uns Weisheit schenkt, so ist sie Mittel zu Seinem erklärten Ziel, die Beziehung zwischen ihm und den Menschen … wiederherzustellen und zu vervollkommnen. (97)
  5. Gott sendet sein Wort … als Information und als Einladung. Es soll uns werben und belehren. (100) Sie enthält Gottes Verheissungen. "Die Christen berauben sich selbst des grössten Trostes, wenn sie Gottes Verheissungen mit Ungläubigkeit und Vergessen begegnen." (105)
  6. Der heutige Mensch ist aufgrund der ungeheuren wissenschaftlichen Fortschritte … zu einem hohen Selbstbewusstsein gelangt. Sein Bild von Gott besteht als Über-Bild seiner selbst. Er denkt, dass Gott wie er selbst ein Auge zudrückt, solange es ihn selbst nicht betrifft und rechnet nicht mit seiner vergeltenden Gerechtigkeit. In seiner geistlichen Ohnmacht sucht er Gott in eine Position zu drängen, in der er nicht mehr Nein sagen könnte. Gott könnte verpflichtet werden uns zu lieben und zu helfen. (119-121 zusammengefasst) 
  7. Warum aber scheuen die Mesnchen die Vorstellung von Gott als dem Richter? Warum halten sie den Gedanken Seiner nicht würdig? Die Wahrheit ist doch, dass Seine Vollkommenheit als Richter Teil Seiner sittlichen Vollkommenheit ist. (131)
  8. Die Kirche plaudert irgend etwas von Gottes Güte, schweigt sich aber über Sein Gericht vollkommen aus. (136)  
  9. Grosszügigkeit hat das Geben zum Inhalt, und zwar nicht in Händlerart auch auch selbst die Wünsche der Empfangenden übersteigend. (149)
  10. Wir müssen uns wieder einmal erinnern, dass der Mensch nicht Massstab seines Schöpfers ist, und dass, wenn Gott sich menschlicher terminologie bedient, darin keine solchen Begrenzungen, wie sie der Mensch als Geschöpf hat, enthalten sind – kein begrenztes Wissen, keine eingeschränkte Macht, keine verstellte Voraussicht, keine nachlassende Kraft, kein Schwanken, nichts dergleichen. (156)

Teil III – Ist Gott für uns… 

Ich hätte weiterfahren können mit den Zitaten. Ich überlasse es dem Leser, sich das Buch jetzt richtig vorzunehmen. Zuweilen fragte ich mich: Worin liegt der innere Zusammenhang des Buches? Packer enthüllt sie am Schluss:

Wir können jetzt sehen, was es heisst, Gott zu erkennen. Wir haben herausgefunden, dass der Gott, der 'für uns da ist', der Gott der Bibel ist, der Gott des Römerbriefes, der Gott, der sich in Jesus offenbarte, der Dreieinige der christlichen Lehre. Wir haben festgestellt, dass Ihn erkennen damit beginnt, dass wir von Ihm wissen und über Ihn wissen. Deshalb haben wir uns mit dem, was uns von Seinem Wesen offenbart ist, und mit seinem Handeln beschäftigt und erfuhren etwas über Seine Güte und Seine Strenge, Seinen Zorn und Seine Gnade. Und indem wir das taten, begriffen wir uns wieder als jene gefallenen Geschöpfe, die keineswegs so stark und autark sind wie angenommen, sondern klein, schwach, töricht und wirklich schlecht; keineswegs unterwegs nach Utopia, sondern eher zur Hölle – sofern nicht Gnade das verhindert. (260-261)

Im letzten Teil beschreibt Packer das Wesen des Evangeliums. Ich glaube, dass ich am meisten durch eben diese Korrektur grossen Gewinn vom Buch zog. Der Blick auf unseren herrlichen Gott wirft sein Licht zurück auf unser eigenes Wesen und seinen wahren Standort. Es merzt unsere Bilder aus, wo wir fälschlicherweise einen Blick in uns selbst hinein getan haben, und macht dadurch die Sicht wieder frei auf den erhabenen, allgerechten Gott. Es geht weder um "die Kirchgemeinde, die Ökumene, Zeugnis in der Sozialarbeit, der Dialog mit anderen Christen und Andersgläubigen, die Abwehr irgendwelcher -ismen, Entwicklung einer christlichen Philosophie oder Kultur oder was auch immer." Das wichtigste ist und bleibt, "Gott in Christus zu erkennen" (261).

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