Buchbesprechung: Der Streit um den Anfang

Überlegungen aus dem Buch  „Christian Interpretations of Genesis“ von Vern S. Poythress. P & R: Philippsburg, 2013. 32 Seiten. Hier kostenlos als pdf herunterzuladen. Ergänzend dazu kann der Blogpost von Justin Taylor „Biblical Reasons to Doubt the Creation Days Were 24-Hour Periods” hinzugezogen werden.

Über kaum ein Kapitel in der Bibel ist so viel geschrieben, gestritten und gemutmaßt worden wie um das erste Kapitel im ersten Buch Mose. Zuerst einmal, so macht Vern Poythress klar, muss eine Vorentscheidung getroffen werden, die für die gesamte Bibel gilt: Glaube ich an die Bibel als Gottes Offenbarung oder betrachte ich sie einfach als altes religiöses Buch? Wer der ersten Vorannahme zustimmt, dem bleibt in Bezug auf die Schöpfungsgeschichte noch immer ein großer Raum an vorhandenen Interpretationen. Poythress beschreitet einen hilfreichen Weg zur Klärung:

  1. Zuerst führt er die verschiedenen Varianten auf und beschreibt kurz das Hauptargument.

  2. Dann definiert er das zentrale Argument in Hinblick auf die Evaluation.

  3. Mit dieser doppelten Vorarbeit geht er an die Evaluation. Er unterscheidet je eine Gruppe schwächerer und stärkerer Argumente.

Ein Überblick über die Interpretationen

Ich habe die Interpretationen in Abendandachten in der Familie durchgearbeitet. Dabei war es wichtig, einige nahe beieinander stehende Varianten zusammenzunehmen. Grundsätzlich ist zwischen den Ansätzen, welche die 24-Stunden-Tage ernstnehmen, oder einer stärkeren Betonung der literarischen Form zu unterscheiden.

  • Die Sechs-Tage-Interpretation geht von buchstäblich sechsmal 24 Stunden aus. (In der Folge wird versucht, bestehende Daten und Forschungsergebnisse damit in Übereinstimmung zu bringen.)

  • Andere gehen davon aus, dass die Forschungsergebnisse mit der alten Erde das scheinbare Alter der Erde beschreiben. Die Erde wurde demnach reif/entwickelt geschaffen. Analog dazu seien Adam und Eva ja als reife Erwachsene geschaffen worden.

  • Die Lückentheorie geht davon aus, dass 1. Mose 1,1 den ursprünglichen Schöpfungsakt beschreibt, welchem in V. 2 eine Katastrophe folgte. Die übrigen Verse beschreiben den Akt der Wiederherstellung der Schöpfung. Eine Variante geht davon aus, dass diese Wiederherstellung sich nur auf den Vorderen Orient bezieht.

  • Ebenfalls mit Lücken wird gearbeitet, wenn große zeitliche Unterbrechungen zwischen den einzelnen Schöpfungstagen angenommen werden.

  • Eine andere Lösung nimmt die sieben Tage als Offenbarungstage an. Das heißt, an diesen Tagen wurde die Entstehung der Schöpfung dem Autor offenbart.

  • Alternativ zur Zuschreibung der Tage auf die Offenbarung des Autors versuchen andere, sie als „Arbeitstage Gottes“ zu definieren.

  • Elegant erscheint die Möglichkeit, dass mit dem Tag ein Zeitalter gemeint war.

  • Eine weitere Gruppe rückt von einer engeren Bezugnahme auf die „Tage“ ab und betont den literarischen Charakter des Kapitels. Die „Tage“ sind demnach eine poetische, sprich rhythmische, Angabe. Zwei Varianten, die sich noch etwas weiter vom Text entfernen, gehen davon aus, dass der Schöpfungsbericht zwar das Was und Warum beschreibe, die Wissenschaft sich jedoch dem Wie widmen müsse. Wieder andere gehen davon aus, dass der Schöpfungsbericht die Form eines orientalischen Mythos trage und folglich unter diesem Genre interpretiert werden müsse.

Unfehlbare Bibel, fehlbare Wissenschaft

Bevor man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, ist es nötig, einen Schritt zurück zu treten. Auf was kommt es denn an, wenn man die Validität von Argumenten beurteilen möchte? Hier ist das Bewusstmachen der hermeneutischen Grundlage wesentlich.

  1. Betrachte ich die Bibel durch den Filter des heutigen Forschungsstands? Oder nehme ich die Offenbarung der Bibel als Rahmen für die gesamte Wirklichkeit? Das ist auch eine Frage des Vertrauens. Vertraue ich den Bildern, die vor allem aus populärwissenschaftlichen Dokumentarfilmen und Schullehrmitteln stammen, mehr als dem Wort Gottes? Der Maßstab muss sein: Unfehlbare Schrift, fehlbare Wissenschaft, nicht umgekehrt.

  2. Konflikte zwischen aktuellen Forschungsergebnissen und der Bibel brauchen uns nicht zu beunruhigen. Bezüglich Forschung ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ein Paradigmenwechsel könnte sich jederzeit ereignen.

  3. Wir sollten uns bewusst bleiben, dass sich die Wissenschaft erst im 19. Jahrhundert des Theismus so richtig entledigt hat. Der Aufbruch und das Aufblühen der Forschung ist der biblischen Weltsicht zu verdanken. Man vergisst gerne, dass die Wissenschaft noch nicht lange durch den Naturalismus vereinnahmt worden ist (genug lange aber, um in den breiten Bevölkerungsschichten ein reflexartiges Zutrauen in die naturalistische Sichtweise zu verankern). Diese Einsicht sollte uns vorsichtig machen: Jede Untersuchung ist mit abhängig vom Interpretationsrahmen, der sie begleitet. Könnte es sein, dass mit dem Ausschluss Gottes aus diesem Rahmen auch mögliche Forschungsobjekte, -vorhaben und -resultate verschwunden sind? Ich gehe davon aus.

  4. Wir sollten möglichst nahe beim Text der Bibel bleiben. Argumente „ad silencio“ sind als weniger zuverlässig einzustufen.

Stärkere und schwächere Argumente

 Schwächere, weil textferne Argumente

  • Argumente ad silencio: Lücken zwischen den Tagen, Tage als Offenbarungstage, lokale Wiederherstellung (dagegen 2. Mose 20,8-11: Gott lehnt das Sabbatgebot direkt an die sieben Schöpfungstage an).

  • Argument aus dem Grundtext: Poythress weist darauf hin, dass die Lückentheorien durch die hebräische Verbform (waw + Subjekt + Perfekt) nicht gestützt werden könnten. Diese Form leite kein neues Ereignis ein, sondern um die Beschreibung der Art und Weise anzukündigen.

  • Argumente aus dem Text: Die Bibel äußert sich nicht nur zum Was und Warum, sondern auch zum Wie. Die Varianten, den Text nur als literarisches Genre zu betrachten und sich ausschließlich auf den religiösen Gehalt zu konzentrieren, geraten dadurch ins Wanken. Zudem ist zu beachten, dass 1. Mose 1 Teil eines Buches (Genesis), eines Bibelteils (Torah) und Teil der gesamten Schrift ist. Autoren des Alten und Neuen Testaments beziehen sich auf Personen aus diesem Buch als reale und nicht als fiktionale Figuren in realen Ereignissen.

Damit sind die meisten Optionen bereits aus dem Rennen ausgeschieden.

 Stärkere, weil textnahe Argumente

Der Ansatz „Tage = Zeitalter“ hängt stark mit der Bedeutungsbreite des Ausdrucks „Tage“ zusammen. Für den buchstäblichen Tag sprechen 2. Mose 20,8-11 (Schöpfungstage = menschliche Werktage) und die Ausdrucksweise „und es wurde Morgen, und es wurde Abend“. Poythress‘ Argument, die Tage nicht als 24-Stunden-Tage, sondern als Zeitraum aufzufassen, zielt auf den Ansatz, die Werktage Gottes und der Menschen als Analogie aufzufassen. Gottes Arbeitstage sind analog zu sehen, jedoch nicht präzise als menschliche Tage im modernen, technischen Sinn. Gestützt wird dies durch die Überlegung, dass das Ruhen von den Werken (siebter Schöpfungstag) ebenfalls eine lange Periode bezeichnet. Poythress betont zudem, dass zur damaligen Zeit eher ein soziales und nicht ein mechanisches Zeitverständnis vorgeherrscht habe. Das Argument, dass die Perspektive aus 1. Mose 2 gegen die chronologische Reihenfolge spreche, entkräftet Poythress mit der Überlegung, dass es sich beim doppelten Bericht um eine ergänzende, nicht aber ersetzende Denkweise handelt.

Justin Taylor beschreibt die Beweisführung der 6 * 24-Stunden-Theorie wie folgt: (1) 1. Mose 1,1 ist als Zusammenfassung bzw. Titel aufzufassen; (2) die Schöpfungswoche, wie sie in 1. Mose 1,2 – 2,3 beschrieben wird, bezieht sich auf den Schöpfungsakt selbst; (3) jeder „Tag“ der Schöpfungswoche beschreibt eine 24-Stunden-Periode (bestätigt durch 2. Mose 20,11); (4) die Geologie, die eine alte Erde annimmt, nimmt zwangsweise eine Makroevolution und den Tod der Tiere vor dem Sündenfall an (was dem Zeugnis der Bibel entgegensteht); (5) das ungefähre Alter der Erde kann aufgrund der Geschlechtsregister v. a. in 1. Mose 5 rekonstruiert werden. Der 6*24-Stunden-Ansatz ist am stärksten der Kritik der aktuellen Forschung ausgesetzt. Diese Kritik weiter aufzuführen, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen.

Fazit

Mein „Stand des Irrtums“ lässt sich so zusammenfassen: Ich vertraue Gottes unfehlbarem Wort und gehe davon aus, dass die Forschung irrt. Die Spannung, dass Daten der Forschung dem biblischen Text widersprechen, halte ich aus. Zudem bin ich mir bewusst, dass seit den Kirchenvätern in den ersten Jahrhunderten unterschiedliche Meinungen nebeneinander existierten.

Ich halte wenig davon, die Augen zu verschließen, und ebenso wenig davon, unbedarft eine gängige Theorie zu übernehmen. Ich bin besorgt darüber, dass wir Christen uns zu schnell auf einen methodischen Naturalismus einlassen. Das heißt wir leben weite Bereiche unseres Lebens so, wie wenn es Gott nicht gäbe. Wir trennen zwischen einer Gefühls- und einer Faktenwelt, als ob Gott nur für den einen Bereich zuständig wäre. Es gibt jedoch nur eine Wahrheit für das ganze Leben! Die Bibel lässt sich nicht auf einige Aussagen über das Innenleben reduzieren. Das bedeutet: Ich nehme Forschende ernst, die sich philosophisch, argumentativ, aber auch naturwissenschaftlich mit anderen Ansätzen wie z. B. dem Intelligent Design auseinandersetzen. Gleichzeitig bin ich sehr kritisch gegenüber herausragenden Vertretern, welche von der Wissenschaft vergöttert werden und weder verschiedene Ansätze noch Methoden zur Prüfung zulassen wollen.

Zum weiterführenden Studium sei das brillante Werk von Philip Johnson „Darwin im Kreuzverhör“  (kostenloser Download) sowie die Bücher von Nancy Pearcey, insbesondere „Total Truth“ (besonders die Kapitel zu Evolution und Intelligent Design),  empfohlen.

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